Olympia-Serie

Erik Heil und Thomas Plößel stehen vorm Duell ihres Lebens

Auf dem Weg nach Rio müssen die beiden Berliner Segler ihre besten Freunde abhängen – und zudem ihren Freundinnen die Daumen drücken.

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Berlin.  Ihre Homepage bringt den großen Traum in fünfzehn Anschlägen auf den Punkt: www.gold2016.de. Erik Heil und Thomas Plößel zählen zu den größten olympischen Hoffnungsträgern der Segel-Nationalmannschaft.

Bevor es im Olympiarevier um die Medaillen geht, muss das Berliner Duo allerdings noch eine schwere Aufgabe lösen. In der rasanten Gleitjolle 49er ringen der 26-jährige Steuermann Heil und sein eineinhalb Jahre älterer Vorschoter noch mit ihren jüngeren Trainingspartnern und Freunden Justus Schmidt und Max Boehme aus Kiel um die Olympiafahrkarte.

Nach zwei von drei Ausscheidungsregatten haben die erfahreneren Berliner die Bugspitze knapp vorn, doch die Routiniers und ihre Rivalen trennen nur vier Punkte. Die Entscheidung fällt bei der Regatta Trofeo Princesa Sofía (25. März bis 2. April) vor Mallorca.

Heil und Plößel starten als Favoriten in den Showdown. „Unser Vorsprung ist zwar gering“, sagt Plößel, „aber wir sind mental top vorbereitet und bringen einen Erfahrungsvorsprung mit.“ Kein Zweifel: Heil und Plößel sind bereit, die olympische Bühne zu entern.

Die Alten helfen den Jungen

Das deutsche 49er-Quartett hat als erfolgreich agierende Trainingsgruppe von sich Reden gemacht. Die Älteren nahmen die Jüngeren vor fünf Jahren in die Trainingsgruppe auf und haben sie selbst stark gemacht.

So stark, dass Schmidt und Boehme überraschend die Europameisterschaft 2015 gewannen. Nun stehen sie vor dem Duell ihres Lebens. Ein Drama wie vor vier Jahren, als zwei deutsche 470er-Frauenteams vor Gericht um die Olympiafahrkarte stritten, ist bei den Männern allerdings nicht zu erwarten. „Unsere Freundschaft wird die Konkurrenz auf dem Wasser überstehen“, verspricht Heil.

Bedenken werden von außen trotzdem immer wieder an die Gruppe herangetragen. Die vier Segler und ihr Erfolgstrainer Thomas Rein zerstreuen sie mit gemeinsamen Ferien, geteilten Wohnungen oder humorvollen Einlagen. So wie kurz vor Weihnachten mit einem Facebook-Video.

Der Titel „Rio Wars“ wählten sie in Anlehnung an den Film „Star Wars“. Vor laufender Kamera kämpfen Heil und Boehme wie die Leinwand-Helden Darth Vader und Luke Skywalker um ein letztes Stück Sushi auf dem Teller. Die Botschaft: Das Duell um das Olympiaticket, es ist kein permanenter Krieg.

Gleich drei Jubiläen auf einmal

Kurz vor Weihnachten saßen die vier Hauptdarsteller der spannenden Olympiaqualifikation sogar schon in Rio zusammen, um für die Zeit nach den Spielen eine große Party zu planen. Plößel erklärt: „Dann segeln Erik und ich 15 Jahre zusammen, Justus und Max zehn Jahre und wir alle zusammen in einer Trainingsgruppe fünf Jahre.“

Die sportlich im Tegeler Segel-Club groß gewordenen Heil und Plößel verbindet noch ein weiteres Glück mit Schmidt und Boehme: In jeder Crew hat einer der Männer eine Freundin im Sailing Team Germany, die in ihrer Disziplin ebenfalls um eine Olympiafahrkarte kämpft.

Heils Lebensgefährtin ist die Berliner 49erFX-Steuerfrau Victoria Jurczok, die mit ihrer Vorschoterin Anika Lorenz die nationale Ausscheidung in der Gleitjolle anführt. Max Boehmes Freundin ist die Kieler Nacra-17-Juniorenweltmeisterin und WM-Fünfte Carolina Werner, die mit ihrem Steuermann Paul Kohlhoff dem Olympiastart schon ganz nah ist.

Erik Heil sagt über die vom Leistungssport geprägte Beziehung: „Während eines Wettkampfes bin ich sehr fokussiert, da reden wir kaum. Sonst helfen wir uns schon. Ich gehe schwer davon aus, dass Vicky und Anika sich durchsetzen.“

Übermächtige Konkurrenz aus Neuseeland

Wesentlich mehr Zeit als mit seiner Freundin verbringt Heil mit seinem Vorschoter. 340 Tage im Jahr sind sie rund um die Welt gemeinsam unterwegs. Plößel sagt, er glaube nicht, dass einer der beiden für sich genommen ein Ausnahmesegler sei. Ihre Kompetenzen ergänzten sich jedoch perfekt.

Seinem „unfassbar guten Steuermann“ attestiert Plößel „ein sehr gutes Auge“. Ein Lob, das Heil postwendend zurückgibt: „Thomas steht für Perfektionismus, ein gutes Gefühl. Er ist sehr stark im logischen Denken und als Maschinenbau-Student auch technisch versiert.“ Er selbst, so Heil, habe eine gute Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit, könne auch unter Druck die Ruhe bewahren.

Um in Rio ganz vorne zu landen, müssten die Qualitäten des Duos allerdings perfekt ineinandergreifen. Mit den Neuseeländern Peter Burling und Blair Tuke – Weltsegler des Jahres, 49er-Weltmeister und America’s-Cup-Überflieger – haben die Deutschen fast übermächtige Konkurrenten.

Seit ihrem Olympia-Silber 2012 gewann das Duo 21 große Regatten in Folge. „Es wird schwer“, weiß Heil, „aber wir sind ihnen in den letzten zwei Jahren näher gekommen. Der Plan ist, sie bei den Spielen zu schlagen.“

Aggressive bakterielle Infektion durch olympische Gewässer

Zwei Medaillen traut Heil den deutschen Seglern in Rio insgesamt zu. Eine davon will er haben. Ein Ziel, das er bei der olympischen Testregatta 2015 untermauerte. Dort landeten er und Plößel auf Platz drei und somit als einzige Deutsche auf dem Podium.

Der Olympiarevier hat bereits für viele Diskussionen gesorgt. Einerseits aufgrund seiner Verschmutzung – auch Heil fing sich eine aggressive bakterielle Infektion ein und musste in der Berliner Charité behandelt werden.

Zum anderen, weil es mit seinen schwer zu interpretierenden Strömungen, unterschiedlichen Wellenbildern und schwankenden Winden sportlich zu den anspruchsvollsten Gewässern der Welt zählt.

Den Deutschen aber liegt das Revier rund um die Marina da Gloría, sie mögen seine Komplexität. „Uns macht es extremen Spaß, in diesen schweren Bedingungen zu segeln“, sagt Heil. Keine schlechte Voraussetzung für die Jagd auf die Medaillen.