Olympia-Serie

Auf Petrissa Solja wartet ein besonderes Familienduell

Tischtennisspielerin Petrissa Solja hat Rio als großes Ziel. Dort könnte sie auf ihre Schwester treffen, die für Österreich startet.

Tischtennisspielerin Petrissa Solja erlebte 2015 ihr bislang erfolgreichstes Jahr

Tischtennisspielerin Petrissa Solja erlebte 2015 ihr bislang erfolgreichstes Jahr

Foto: SL Photo Art / BM

Berlin.  Es geschah im Viertelfinale der Europameisterschaft in Jekaterinburg. Petrissa Solja brach in Tränen aus. Dabei gilt die 21-jährige Tischtennisspielerin sonst als besonders nervenstark. Außerdem hatte sie doch klar gewonnen. Trotzdem nahm sie dieser Sieg gegen die Mannschaft Österreichs schwer mit. Denn die Frau auf der anderen Seite der Platte kannte sie fast so gut wie sich selbst. Es war ihre vier Jahre ältere Schwester Amelie.

„So etwas hatte es noch nie gegeben: Zwei Schwestern treten für verschiedene Nationalteams gegeneinander an“, sagt die Berlinerin, seit 2014 beim TTC Eastside, mit dem sie an diesem Sonntag erneut den deutschen Tischtennispokal gewinnen möchte. Ihre Tränen erklärt sie so: „Wer Geschwister hat, der weiß, wie sich das anfühlt.“ Was im Training Alltag sein mag, ist im Wettkampf „du oder ich“ eine ganz andere Geschichte. Es kann sogar passieren, dass sich diese einmalige Geschichte nächstes Jahr in Rio de Janeiro fortsetzt. Beide haben gute Aussichten, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Die eine für Deutschland, die andere für Österreich.

Es hätte nicht so kommen müssen. Beide sind in Kandel in der Pfalz geboren. Beide wurden wegen ihres großen Talents in die deutschen Nachwuchskader berufen, räumten national die Titel in Serie ab. International boten sie gar den Asiatinnen die Stirn. Amelie holte bei der Jugend-WM einmal Silber, einmal Bronze. Petrissa wurde einmal WM-Dritte. Beide gaben früh ihr Debüt im Frauen-Nationalteam. Dort jedoch gab es bald immer größere Probleme mit dem damaligen Bundestrainer. Jörg Bitzigeio stritt sich häufig mit Vater Pavel Solja herum. Er glaubte auch nicht, dass die Mädchen international eine Perspektive besäßen.

Absprung nach Österreich war schon beschlossen

2008 war Amelie als 18-Jährige noch für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) bei den Olympischen Spielen in Peking gestartet. Doch der Stress mit dem Bundestrainer nahm zu. Das Urteil von der angeblichen Perspektivlosigkeit wollte sie nicht akzeptieren. „Und dann gab es eben die Möglichkeit, für Österreich zu spielen“, erzählt ihre Schwester, „die hat sie angenommen.“ Die Großmutter ist Österreicherin, daher war es leicht, den Pass zu bekommen.

Amelie und Petrissa verließen Deutschland gemeinsam, zogen zusammen. Die Ältere tritt seitdem für den TTC Villach an, die Jüngere spielte zwei Jahre für ASKÖ Linz und gewann die Champions League. Weil das Verhältnis zum deutschen Verband sich nicht besserte, war bald auch Petrissa Solja auf dem Absprung ins Nationalteam des Nachbarlandes. „Ich hatte schon einen österreichischen Pass beantragt“, sagt sie. Dann kam die Nachricht von der Ablösung Bitzigeios; seine Nachfolgerin wurde Jie Schöpp.

Die gebürtige Chinesin führte ein längeres Gespräch mit der umworbenen jungen Frau. „Dann habe ich entschieden, es ein letztes Mal mit dem deutschen Verband zu versuchen“, berichtet Solja, „ich habe ja von klein auf für Deutschland gespielt und fühle mich als Deutsche. Jetzt bin ich sehr froh.“

Potenzial zu einer Top-Ten-Spielerin

Deutschland kann erst recht froh sein. Denn welche Perspektiven Solja in Wahrheit hat, das zeigte sie besonders im vergangenen Jahr. Sie hat das Potenzial zu einer Top-Ten-Spielerin, trotz der asiatischen Übermacht. Zuletzt belegte sie beim World Cup in Japan Rang drei, was vor ihr noch keine Deutsche geschafft hat – obwohl sie erst 21 ist. Sie bezwang dort zwei der besten zehn Spielerinnen der Welt, die Japanerin Ai Fukuhara und Feng Tianwei aus Singapur, letztere sogar mit 4:0. „Ich sehe schon, was möglich ist“, frohlockt Petrissa Solja.

Zu Beginn des Jahres war sie erstmals deutsche Einzelmeisterin geworden. Bei den German Open in Bremen hat sie die Doppelkonkurrenz an der Seite von Shan Xiaona, einer weiteren Berlinerin, sowie das Juniorenturnier gewonnen. Bei den Frauen stieß sie bis ins Finale vor. 15 Partien bestritt sie in vier Tagen, ein Mammutprogramm.

Zugleich der Beweis, dass sie sich in ihrer Athletik stark verbessert hat. Und sie gewann EM-Gold mit der deutschen Mannschaft. 2015 war das beste Jahr der Hochbegabten, ihr Sprung bis auf Rang 14 der Weltrangliste zeigt, wie nah sie an die Spitze herangerückt ist.

Spiel mit variantenreicher Offensive

Mit ihren eigenen Waffen, denn Petrissa spielt ein ganz anderes Tischtennis als die große Schwester. Früher hat sie zu der aufgeschaut, sie vor allem für die vielen Medaillen bewundert, die sie nach Hause mitbrachte („Das wollte ich auch“). Aber Amelie versucht ihre Kontrahentinnen mit ihrem unorthodoxen Abwehrspiel zu irritieren. Linkshänderin Petrissa spielt ohne List und Tücke, dafür mit variantenreicher Offensive, einer überdurchschnittlichen Rückhand und immer besserer Beweglichkeit.

Wenn es nach ihr geht, soll 2016 noch besser werden. Zunächst freut sie sich auf die German Open Ende Januar in Berlin. Aber „Rio ist jetzt mein großes Ziel“, sagt Petrissa Solja. Wie es aktuell aussieht, kann sie auf Einsätze in der Mannschaft und im Einzel hoffen. Und hier wie dort auf ihre olympia-erfahrene Schwester treffen, die für Österreich auch 2012 in London dabei war.

„Amelie hat schon eine Menge von den Spielen erzählt, besonders vom olympischen Dorf, wie alles da so abläuft.“ Aus den Berichten hat sie geschlossen, dass „es wohl das Schönste ist, was man als Sportler erleben kann“. Und das vielleicht gemeinsam mit der Schwester. Könnte diesmal richtig lustig werden.