Olympia-Serie

Wasserballer Mateo Cuk als Retter vor dem Untergang

| Lesedauer: 6 Minuten
Sebastian Schlichting
Wasserballer Mateo Cuk von den Wasserfreunden Spandau ist zwar gebürtiger Kroate, er kann nun aber in der deutschen Nationalmannschaft spielen

Wasserballer Mateo Cuk von den Wasserfreunden Spandau ist zwar gebürtiger Kroate, er kann nun aber in der deutschen Nationalmannschaft spielen

Foto: Ricarda Spiegel

Dank des eingebürgerten Berliner Athleten sind die Chancen des deutschen Teams gestiegen, an den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen.

Berlin.  In der Cafeteria der Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg ist an diesem Nachmittag viel los. Frauen mit Kinderwagen unterhalten sich, größere Kinder flitzen herum. Jugendliche trinken Cola. Es riecht nach Pommes. In den Becken läuft das Nachwuchstraining. Mateo Cuk sitzt an einem Tisch in der Mitte des Raumes, trägt Trainingsklamotten, die große Sporttasche steht neben ihm. Er fällt hier nicht auf.

Cuk, Typ Modellathlet mit 105 Kilo auf 196 Zentimetern, war in der vergangenen Saison Torschützenkönig der Wasserball-Bundesliga. Er gewann die Wahl zum „Wasserballer des Jahres“ und holte mit den Wasserfreunden Spandau 04 das Double. In Sportarten mit mehr medialer Aufmerksamkeit würde so jemand als Top-Star gelten. Bundestrainer Patrick Weissinger schwärmt: „Mateo ist ein überragender Center.“ Und, ganz wichtig: Der Kroate besitzt seit drei Monaten die deutsche Staatsbürgerschaft.

Seit drei Monaten mit deutschen Pass ausgestattet

Im vergangenen Frühjahr noch hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Wasserballer aufgefordert, die Planungen wegen zu geringer Erfolgsaussichten nicht auf Rio 2016, sondern auf Tokio 2020 auszurichten. Eine Sportart drohte unterzugehen. Ein Schriftstück mit dem Begriff „Einbürgerungsurkunde“ und dem Bundesadler drauf änderte vieles. Cuk und sein serbischer Teamkollege Marin Restovic bekamen es im Oktober im Rathaus Schöneberg überreicht. Ein Händedruck, ein paar Fotos, das war’s. Kleiner Rahmen, große Wirkung: Cuk und Linkshänder Restovic sind seitdem spielberechtigt für das Nationalteam. Auf Positionen, die seit Langem Sorgen bereitet haben. Die Olympia-Aussichten sind stark gestiegen.

Weil es durch Südafrikas Verzicht einen Startplatz mehr zu verteilen gibt, aber vor allem dank Cuk. „Mit ihm bekommen wir eine gehörige Portion Gefährlichkeit“, sagt Bundestrainer Weissinger. Auf dem 25-Jährigen ruhen viele Hoffnungen. Erst recht, seitdem klar ist, dass Center Andreas Schlotterbeck und Kapitän Moritz Oeler bei der Europameisterschaft in Serbien verletzt fehlen. Am Montag beginnt das Turnier für die Deutschen mit der Partie gegen Italien. Vorbereitungsspiele gegen Olympiasieger Kroatien (10:9) und den Weltligadritten Brasilien (13:9) wurden gewonnen, was die Hoffnungen noch erhöhte. Belastet der Druck? Cuk macht das, was er oft macht: Er lacht. „Druck ist gut“, sagt er. Olympia sei „das Größte, was du als Sportler erreichen kannst“.

Überraschende Siege machen für EM Mut

Cuk und der deutsche Wasserball – da gibt es eine Vorgeschichte. 2012 trat er in der Olympia-Qualifikation mit Mazedonien an. Die Spielberechtigung war für ihn als Kroaten kein Problem. Zwei Fotos und ein bisschen Papierkram, schon war der Reisepass da. Mazedonien warf das DSV-Team überraschend mit 6:4 aus dem Turnier, Cuk traf dreimal. Eine Runde später war auch für ihn Endstation. Die Olympia-Tür war zu, eine andere ging auf. Spandau 04 wollte ihn. Und er wollte ins Ausland. Bei seinem Verein VIC Medvescak in Zagreb, für den er schon mit 15 Jahren erstmals in der ersten Liga gespielt hatte, sah Cuk keine Perspektiven nach oben mehr.

Nach Olympia ist vor Olympia, so entstand schon 2013 die Idee, Cuk einzubürgern. Kroatien ist Olympiasieger, die Auswahl an sehr guten Spielern groß. Er hätte keine Chance gehabt, obwohl er einst U19-Europameister war. „Aus unserer Generation haben es nicht viele ins Nationalteam geschafft. Die Entscheidung für Deutschland war für mich einfach“, sagt Cuk.

Im modernen Sport ist vieles möglich. Siehe Katar, das Anfang des Jahres mit einer zusammengekauften Truppe aus vielen Nationen fast Handball-Weltmeister geworden wäre. Auf ähnliche Art wollte Mazedonien 2012 zu den Olympischen Spielen. Es war eine kurze Zweck-Liaison zwischen Cuk und der vorübergehenden Heimat. Den Pass hat er längst wieder abgegeben. Hinter dem neuen Anlauf mit Deutschland steckt mehr als nur der Traum vom großen Rio-Wurf. Cuk fühlt sich natürlich immer noch seiner Heimat Kroatien verbunden. Aber er lebt seit dreieinhalb Jahren in Berlin, führt Interviews selbstverständlich auf Deutsch.

Berlin ist inzwischen zur zweiten Heimat geworden

Cuk ist sehr gern in der Stadt und bei den Wasserfreunden und – auch daran muss ein Profi denken – schätzt es, dass anders als in manch anderen Ländern das Gehalt zuverlässig kommt. Sein Studium zum Fitnesstrainer in Kroatien hat er unterbrochen. Nur an eine Kleinigkeit kann er sich nicht gewöhnen: Trainingsbeginn um acht Uhr morgens. Cuk lacht wieder. Etwas gequält diesmal.

Für die deutsche Staatsbürgerschaft hat er einen Sprach- und Einbürgerungstest absolviert. Letzterer beinhaltet einen Katalog mit über 300 Fragen. Oft hat er nach dem Training oder nach der Rückkehr von Auswärtsspielen gelernt: „Ich war müde, aber ich habe mich zusammengerissen.“ 33 Fragen unter anderem zu deutscher Kultur und Geschichte kamen beim Test dran. Cuk wusste sofort, dass es gut gelaufen war.

Auch Serbe Restovic spielt jetzt für Deutschland

Dann begann die Wartezeit. Wegen der Flüchtlingsproblematik dauerte alles länger als geplant, die zuständigen Stellen sind überlastet. Cuk und Restovic waren in der Zeit bei Lehrgängen der Nationalmannschaft dabei, aber noch ohne Pass. Bundestrainer Weissinger sagt, er sei mit Blick auf die EM zwischenzeitlich „ein bisschen nervös“ geworden.

In Belgrad muss das deutsche Team unter die besten Acht kommen. Die Gruppe mit Italien, Rumänien und Georgien ist recht leicht. Dafür wartet im entscheidenden ersten K.o.-Spiel ein größeres Kaliber, möglicherweise Russland. Wer diese Runde übersteht, ist beim Qualifikations-Turnier Anfang April in Italien dabei, bei dem vier Rio-Tickets vergeben werden. „Wir haben gute Chancen, es zu schaffen“, sagt Cuk. Dabei lacht er nicht.