Olympia-Serie

Warum Marcus Groß im flotten Zweier so erfolgreich ist

| Lesedauer: 8 Minuten
Dietmar Wenck

Foto: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Serie über Berlins Olympia-Hoffnungen: Wie der redselige Marcus Groß mit dem ruhigen Max Rendschmidt zum Erfolgs-Duo im Kanu wurde

Wie gut, dass der erste Eindruck nicht immer der richtige ist. Sonst würden die Beiden jetzt wohl kaum in einem Boot sitzen. Schon gar nicht in einem Boot, das in Rio de Janeiro zu den deutschen Gold-Hoffnungen zählt. Marcus Groß erinnert sich gut, wie er 2013 den Wunsch äußerte, vom Vierer-Kajak in den Zweier zu wechseln. Von dem Quartett, das bei den Olympischen Spielen in London auf Platz vier gelandet war, hatten zwei Kanuten aufgehört. Höchste Zeit, in ein anderes Fahrwasser zu paddeln – so oder so. „Die Bundestrainer haben ein bisschen überlegt“, erzählt der 26-Jährige vom RKV Berlin. Dann boten sie an: „Wir können es ja mal mit dem Max probieren.“

Na toll, dachte sich Groß. Ausgerechnet „der Junge, der manchmal so in sich gekehrt ist. Als wolle er lieber nichts mit einem zu tun haben“. Der Essener Max Rendschmidt ist fünf Jahre jünger als er und nicht der Erfinder des Gesprächs. Aber das mit dem Wechsel war schließlich seine Idee gewesen, „also haben wir uns da reingesetzt in den Zweier“. Beim Training lief es „so najaaa“. Trotzdem wollten sie es wenigstens einmal im großen Wettkampf probieren, beim Weltcup in Tschechien. Vorlauf, Zwischenlauf, Groß blickt zurück: „Es lief nicht so dolle“, reichte aber zum Weiterkommen. Dann kam das Finale. Und plötzlich schien ein ganz anderer Kanute vor ihm im Boot zu sitzen. „Es war, als hätte Max einen Schalter umgelegt. Mit einer Kraft, man weiß gar nicht, wo sie auf einmal herkommt.“

Viele Goldmedaillen bei EM und WM erkämpft

Unverhofft wurde ihm klar: Da schlummerte riesiges Potenzial, auch wenn sie vom Naturell her recht unterschiedlich sind. Der redselige Berliner und der ruhige Mann aus dem Ruhrpott. Beide sind aber das, was man Wettkampftypen nennt. „Der Max“, sagt Groß, „ist zwar auch innerlich aufgeregt. Aber er hat diese Cooler-Hund-Ausstrahlung. Der weiß, was er machen muss beim Paddeln, er hat ein ganz tolles Bootsgefühl. Das findet man nicht so oft.“ Also fuhren sie fort mit dem Experiment, und alles lief wie am Schnürchen. Seit jenem erfolgreichen Debüt in Racice hat die Crew alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, EM-Gold, WM-Gold über 500 und 1000 Meter. Ohne viel Worte, ohne viel Abstimmung. Sie setzen sich ins Boot, es funktioniert. „Max ist ein sehr eigensinniger Sportler“, sagt Groß, „aber wenn er ein Rennen fährt, macht er es richtig. Wir passen sehr gut zusammen, da habe ich wirklich Glück gehabt.“

Das will er jetzt nutzen, am liebsten in Brasilien im Sommer vergolden. Groß ist ehrgeizig und ehrlich: „So grandios bin ich im Sport nicht gestartet – ich hatte schon einige Niederlagen.“ 2010 wurde er WM-Vierter im Vierer-Kajak; im Jahr darauf gewann das deutsche Boot Gold bei der Weltmeisterschaft – ohne ihn, denn er lag mit 40 Fieber im Bett. Was nützte es, dass er zwei Tage später schon wieder topfit war? Das Rennen war gelaufen. Bei den Olympischen Spielen in London saß er dann wieder im Boot, doch der Favorit landete erneut schwer geschlagen auf Rang vier. „Dann dieser Spruch, dabei sein ist doch alles! Da denkt man sich im ersten Moment: Ihr habt gut reden“, sagt Groß. Alle anderen fuhren mit Medaillen nach Hause, welcher Couleur auch immer. Der Gedanke, die Viertbesten auf der Welt zu sein, war kein wirklicher Trost: „Man hat richtig zu kämpfen mit so einem Ergebnis.“

Nach Olympia in London hat der Berliner sein Training umgestellt

Wenigstens für einen Moment. Im nächsten kam die Erkenntnis: „Man kann auch daraus lernen und diese bittere Erfahrung für das nächste Mal nutzen.“ Nicht der Sportler allein, das ganze System um ihn herum kann das, die Trainer, die medizinische Abteilung. Eine Lehre war sicher, es mal in einem anderen Boot zu probieren. Eine andere, das Trainingspensum zu verändern. Nicht mehr so viel wie möglich, nicht mehr einfach drauflos wie bisher, sondern: „Professioneller. Ich mache mir viel mehr Gedanken, wo ich hin will“, sagt Groß, „über Inhalte, nicht über Umfänge.“ Obwohl der junge Mann eine Figur hat wie ein Gladiator aus einem Historienfilm, ist ihm bewusst geworden, dass sein Körper unter einem zu großen Pensum eher leidet, als daraus gestärkt hervorzugehen: „Besser, ich trainiere intensiver als in Riesenumfängen.“ Er ist überzeugt, dass in London das Gesamtkonzept noch nicht richtig gestimmt hat. „Jetzt weiß ich, wie es läuft, was ich anders machen muss. Und die letzten drei Jahre waren ja bei mir sehr erfolgreich.“

Mit einer Ausnahme. 2014 bei der WM war der Wurm drin. Platz vier – sie sind zwar weder im Wasser noch vor Scham versunken. Aber es war nicht ihr Wochenende. „Wir waren nicht topfit“, sagt Groß und schließt daraus: „Vielleicht waren die Trainingslager nicht richtig angesetzt für den Saisonhöhepunkt.“ Selbst wenn man so klar die Nummer eins ist wie sie, muss alles passen, auf den Punkt. Trainingsaufbau, Körper, Kopf. Und der kleine Teufel Schlendrian darf nicht mit im Boot sitzen. Keine Spielchen mit der Taktik. „Da haben wir gemerkt, wir müssen uns besinnen, wie es vorher war, als wir noch nicht als Favorit ins Rennen gegangen sind. Manchmal“, sagt Groß, „ist eine Niederlage vielleicht gar nicht so schlecht.“

Bis Rio nehmen Druck und Nervosität immer mehr zu

Jetzt wird noch mal alles nachjustiert, perfektioniert, auf Rio eingestellt. Die erfolgreiche EM und WM des Jahres 2015 waren nicht mehr als Probeläufe für die Olympischen Spiele. In Florida haben sie sich bei perfekten äußeren Bedingungen die Grundlagen geholt für die wichtigste Saison ihrer bisherigen Karriere, sind mehr als 1000 Kilometer gepaddelt. Jetzt folgen noch gut sieben Monate, in denen die Intensität hoch bleiben und die Nervosität steigen wird. Bei Groß und Rendschmidt, den Kollegen, im Team. „Der Druck nimmt zu, er ist noch viel größer als bei einer WM.“ In London hat der Berliner diese Erfahrung schon einmal gemacht. „Sogar die Trainer werden dann völlig verrückt, die haben uns in London mehr verrückt gemacht als unsere eigenen Nerven.“

Am schlimmsten ist es für die, in deren Karriere die Olympischen Spiele in Rio vermutlich den Schlusspunkt bilden. So weit ist Groß noch nicht, noch lange nicht. „Gerade jetzt durch Max kam ein neuer Ansporn“, sagt er, „wir sind ganz vorn und das mit dieser Leichtigkeit.“ Warum ans Aufhören denken? Herumprobieren müsse er jetzt auch nicht mehr, „solange wir solchen Erfolg haben, würde ich gern den Zweier weiterfahren“. Bis Tokio 2020 sowieso, was danach passiert, will sich der angehende Bundespolizist noch offenhalten. Dafür hat sich Marcus Groß in einem anderen Punkt festgelegt: „Ich würde auch den Rest meiner Karriere mit Max fahren.“ Ist ja die perfekte Bootsbesatzung. Zumindest macht es den Eindruck.