Olympia-Serie

Patrick Hausding ist der Berliner mit dem größten Drehmoment

Wasserspringer Patrick Hausding rotiert täglich hundertfach um die eigene Achse. In Rio will er eine Medaille gewinnen.

Völlig angespannt auf dem Sprung in die Tiefe: Patrick Hausding in seinem Element - das Wasser mag er weniger

Völlig angespannt auf dem Sprung in die Tiefe: Patrick Hausding in seinem Element - das Wasser mag er weniger

Foto: Gep/CITYPRESS24 / picture alliance / CITYPRESS24

Berlin.  Geht es um Zahlen, ist er schon in seinem Element. „Ich will gar nicht daran denken, wie oft am Tag ich Zahlen ausspreche“, sagt Patrick Hausding. Eineinhalbfacher Salto, zweieinhalb-, dreieinhalb, sogar viereinhalbfacher Salto - darum dreht sich viel im Wasserspringen. All die Schrauben nicht zu vergessen, da kommt was zusammen.

An einem Tag 475 Mal um die eigene Achse gedreht

Einmal schoss ihm die Frage durch den Kopf, wie viele Drehungen er an einem ganz normalen Trainingstag so macht, auf dem Trampolin und im Wasser. Das Ergebnis verblüffte den 26-Jährigen selbst. Er twitterte: „Ich kann es kaum glauben, ich habe mich heute 475 Mal um die eigene Achse gedreht.“ Schwindelerregend, diese Vorstellung.

Wie seine Karriere. Hausding, der als Siebenjähriger die ersten Versuche unternahm, kunstvoll ins Wasser zu springen, ist eine Größe in seinem rotierenden Metier. Spätestens, seit er 2010 bei der Europameisterschaft in Budapest bei fünf Starts fünf Medaillen gewann, denn das hatte zuvor niemand geschafft. Insgesamt hat er inzwischen 26 solcher EM-Andenken, zwölf glänzen golden. Damit ließ er sogar Dimitri Sautin hinter sich, eine Wasserspringer-Legende. Der Russe gewann ebenfalls zwölf kontinentale Titel, kommt aber insgesamt auf 18 Medaillen.

In China ist der Wasserspringer bekannter als in der Heimat

Der Vergleich hinkt, widerspricht der Berliner. Schon zahlenmäßig: „Früher wurde die EM alle zwei Jahre ausgetragen, jetzt jährlich. Er hatte also gar nicht so viele Möglichkeiten. Andererseits“, fügt er hinzu, „bin ich ja jung und will noch ein paar Jährchen springen und weiter auf Fang gehen.“ Wie bisher: Hausding gewann 2008 in Peking im Synchronspringen vom 10-Meter-Turm olympisches Silber mit Sascha Klein.

2013 in Barcelona schlugen diese Beiden sogar der kompletten Weltelite einschließlich der als unschlagbar geltenden Chinesen ein Schnippchen und wurden Weltmeister. Zwei Jahre zuvor hatten sie in Shanghai WM-Silber gewonnen. In China sind die Menschen völlig begeistert vom Wasserspringen. Hausding und Klein sind deshalb dort bekannter als in ihrer Heimat.

Eine Medaille wäre sein Traum – die Farbe ist egal

Vielleicht würde sich das durch einen Olympiasieg etwas verändern. Aber das ist ein hohes Ziel. Obwohl: Gerade aus größter Höhe, vom Turm, ist auch bei den Olympischen Spielen in Rio einiges möglich. „Eine Medaille wäre ein Traum“, sagt Hausding, „die Farbe ist mir egal, die Disziplin auch.“ Gehen seine Pläne auf, startet er in Brasilien synchron mit Stephan Feck vom Drei-Meter-Brett, mit Klein vom Turm und solo aus drei Meter Höhe.

„Vom Turm haben wir die besten Chancen“, glaubt der Sportsoldat und BWL-Student. Dabei ist ihre Teilnahme in der Disziplin ja noch nicht mal sicher, nur im Einzel vom Brett kann Hausding schon fest planen. Sorgen macht er sich nicht, dass beim Qualifikations-Turnier in Rio im Frühjahr etwas schief gehen könnte. „Wir springen nur gegen uns selbst. Wenn wir unsere Leistung bringen, schaffen wir auch die Qualifikation.“

Nur acht Synchron-Paare springen in Rio vom Turm

Vier Plätze sind noch zu vergeben, nur acht Synchron-Paare dürfen bei den Olympischen Spielen um Medaillen springen. Rio wird hart. Ein Synchron-Wettkampf hat 24 Sprünge, im Einzel können es mit Vorkämpfen leicht 40 werden. Erreicht Hausding seine Ziele, müsste er also fast 90 Mal springen. Zahlen, Zahlen, Zahlen.

Noch heißt es: Training, Training, Training, Grundlagen schaffen für das Erreichen des großen Ziels. Sicher auch Kondition bolzen, oder? Hausding verzieht das Gesicht. „Zum Glück sind wir Schnellkraftsportler, keine Ausdauersportler.“ Dann sagt er: „Ich schwimme nicht gern.“ Wie bitte? Ein Wassersportler, der das Wasser lieber meidet? Die paar Meter zum Beckenrand nach dem Auftauchen reichen ihm völlig. Joggen ist auch nicht besser, Radfahren geht so. Natürlich, wenn es sein müsste, könnte er 1000 Meter schwimmend aushalten. „Aber sobald mir der Puls geht, hasse ich es.“ Ist ihm zu monoton. Dann lieber Erlebnissport mit Risiko.

Auch die Schwester wurde getestet – ohne Erfolg

So war Hausding immer schon. An der Schule wurde im Frühjahr 1996 sein Talent entdeckt, seine koordinative Beweglichkeit. Auch die Größe passte - Wasserspringer sollten nicht zu groß sein. Seine 1,80 Meter gehen gerade noch, sonst gibt es Probleme bei den ganzen Drehungen. Hausding sagt, er sei ein sehr aktives Kind gewesen, mit großem Bewegungsdrang. Wasserspringen war genau richtig für ihn.

Weil er so viel Talent bewies und eine sieben Jahre jüngere Schwester hat, haben die Scouts auch sie beobachtet. „Sie ist aber eher der gemütliche Typ“, sagt Patrick Hausding und lacht: „Ich hab mehr Newton in mir. Oder das größere Drehmoment.“ Vermutlich könnte man das in Zahlen belegen.

Der ganze Tagesablauf muss dokumentiert werden

Manchmal gehen sogar ihm die ziemlich auf die Nerven: Weil er seinen Tagesablauf dokumentieren muss. „Ich habe heute soundsoviele Stunden trainiert. Ich musste soundsooft ins Wasser, wir haben soundsoviele Kniebeugen gemacht.“ Hausding und Kollegen schreiben alles in eine Online-Datenbank, die vom Verband für Statistiken genutzt wird. Und für Auswertungen, was man im Fall des Misserfolgs vielleicht ändern sollte.

Aber hat er sich eigentlich mal überlegt, wie viele Leiterstufen er täglich bewältigen muss? Überraschter Blick – hat er nicht. „Interessante Frage“, sagt Hausding und rechnet gleich los. Zum Zehner sind es vier Leitern mit je zehn bis elf Sprossen. „An einem normalen Tag springe ich da fünfzehn Mal runter, also 15x40=600 Sprossen.“ Für eine dreiviertel Stunde Training. Jetzt wird noch ein bisschen verständlicher, warum Wasserspringer keine Extra-Übungen für die Kondition brauchen. Ist sozusagen all inclusive.

Beim Synchronspringer gibt er immer das Startkommando

Es gibt auch Kürzel für die einzelnen Sprünge. Trainer sagen nicht: Mach mal einen dreieinhalbfachen Auerbachsalto. Sondern: 307. Die Geheimsprache geht so: 1 steht für vorwärts, 2 für rückwärts. 3 bedeutet Auerbachsalto, 4 Delfin, 5 Schraube, 6 Handstand. „Ist ganz einfach“, sagt Hausding grinsend, „wenn man sich daran gewöhnt hat.“

Nehmen wir den Sprung 207, fangen wir hinten an: Die hintere Zahl steht für die Anzahl der Drehungen. 1 für einen halben Salto, 2 für einen ganzen. Die 7 steht demnach für dreieinhalbfach. Weil die 2 rückwärts bedeutet, kommt heraus: dreieinhalbfacher Salto rückwärts. 105 bedeutet zweieinhalbfacher Salto vorwärts. Und so weiter.

Bis zum Eintauchen vergehen eineinhalb Sekunden

Wer das zum ersten Mal hört, denkt: Ein Wunder, dass es im Wasserspringen nicht zu mehr Unfällen kommt. Liegen da nicht Zahlendreher förmlich in der Luft? Ach, alles halb so wild, findet Hausding. Man konzentriert sich schließlich dann, wenn es darauf ankommt. Ob mit Feck vom Dreier oder mit Klein vom Turm - Patrick Hausding gibt beim synchronen Start das Tempo vor. Sein Sprüchlein lautet: „Eins, zwei, drei – und ab!“ In die Tiefe. In ihr Element. Wer es genau wissen will: Vom Turm vergehen bis zum Eintauchen eineinhalb Sekunden.