Herthas Olympiahoffnung

Mitchell Weiser: „LeBron James zu treffen, wäre ein Traum“

Herthas Mitchell Weiser zählt zu den Berliner Olympiahoffnungen. In Rio will er sich zwei Wünsche erfüllen – und Geschichte schreiben

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Berlin.  Viel ehrlicher kann eine Antwort nicht ausfallen. „Naja“, sagt Mitchell Weiser mit einem kurzen Schulterzucken, „Olympische Spiele sind keine WM.“ Es gibt nicht viele Sportler, die eine Olympia-Perspektive derart gelassen sehen – oder sehen können. Profi-Fußballer schon. Anders als Kanuten oder Fechter bekommen sie an jedem Wettkampftag Aufmerksamkeit en masse, anders als bei Leichtathleten oder Schwimmern sind ihre Trainingspläne nicht auf das eine große Ziel ausgelegt. Und: Anders als bei allen Individualsportlern hat eine olympische Medaille kaum Auswirkung auf das zu erwartende Salär.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Egal sind Weiser die Olympischen Sommerspiele keineswegs. Aber gefühlt sind sie nun mal noch weit weg. Aktuell hat der U-21-Nationalspieler genügend andere Eindrücke zu verarbeiten. Gerade erst hat er Hertha zur erfolgreichsten Hinrunde seit sieben Jahren verholfen, Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals inklusive. Im Hier und Jetzt gibt es dringlichere Themen als Rio, doch mit jedem Wort, das er über die Spiele verliert, scheint die Olympia-Begeisterung bei Weiser peu à peu zu erwachen.

„Es ist einfach ein Riesenevent“, sagt er, „und als Fußballer hat man nicht so oft die Chance, daran teilzunehmen.“ Eine bewusste Untertreibung, im deutschen Olympiateam, der U21, dürfen schließlich nur drei Spieler älter als 23 sein – so wie bei allen anderen 15 Teilnehmernationen auch. Dass ein Kicker zu mehr als einem Turnier im Zeichen der fünf Ringe reist, kommt selten vor.

Erste Olympiateilnahme des DFB seit 1988

Im Fall des DFB-Nachwuchses liegt das auch an der fast schon grotesk anmutenden Olympia-Statistik. Als die Fußballnation Deutschland letztmals an Olympischen Spielen teilnahm, befand sich in Berlin noch eine unüberwindbare Mauer und die Welt im Kalten Krieg. 1988 schlenderten neben den Leichtathletik-Superstars Ben Johnson und Carl Lewis auch spätere Fußball-Weltmeister wie Jürgen Klinsmann oder Thomas Häßler durch das olympische Dorf. Die holten immerhin Bronze und schnitten damit deutlich besser ab als Andreas Brehme, Guido Buchwald und Co. vier Jahre zuvor, die schon im Viertelfinale gescheitert waren.

Weitere Olympia-Teilnahmen von Auswahlteams? Fehlanzeige. Nur vor dem Zweiten Weltkrieg oder durch Amateure waren deutsche Teams vertreten. Die Auswahl der DDR, die nur auf dem Papier Amateurstatus genoss, nahm zudem von 1964 bis 1980 an vier Olympischen Spielen teil und errang dabei vier Medaillen, 1976 sogar Gold.

Freude und Frust beim U-21-Debüt

Weiser und der U21 bietet sich also eine geschichtsträchtige Chance. Das Team könnte für den gesamtdeutschen Fußball die erste olympische Goldmedaille erkämpfen. „Als deutsche Mannschaft muss man immer versuchen, um den Turniersieg mitzuspielen“, sagt Weiser. Allerdings wird sich nicht zuletzt das brasilianische Team diesem Ziel entschieden entgegenstellen. Nach dem desaströsen 1:7 der Gastgeber im WM-Halbfinale 2014 gegen Deutschland geht es für die Brasilianer mehr denn je um ihren Ruf. „Einfach ist im Fußball nichts, und bei so einem Wettbewerb schon gar nicht“, weiß auch Weiser.

Der Olympia-Gedanke, er ist noch frisch für ihn. Erst im November wurde Weiser erstmals von Trainer Horst Hrubesch ins Auswahlteam berufen. Beim 3:1 gegen Aserbaidschan durfte er auf Anhieb den Rechtsverteidiger geben, ehe er sich im Training vor dem nächsten Spiel einen Außenband-Anriss im Sprunggelenk zuzog.

Trotz der Verletzung: Bei Weiser hat das erste Mal im Kreis der U21 positive Spuren hinterlassen. „Ich wurde gut aufgenommen und habe sofort gespielt“, sagt er bescheiden, „ich denke, das war ordentlich.“

Auf den Spuren der WM-Helden Schweinsteiger und Lahm

Weit mehr als ordentlich war das, was Weiser in seiner Premierensaison bei Hertha BSC ablieferte. Mit einem Tor und fünf Vorlagen hat er sich fast schon unverzichtbar gemacht. Eigentlich für die offensive Außenbahn geholt, brillierte der Sommerzugang als Ersatz für den verletzten Peter Pekarik als rechter Verteidiger. Seine Mischung aus solider Zweikampfführung, gutem Spielverständnis und wagemutigem Offensivdrang beeindruckte nicht nur Hertha-Coach Pal Dardai, sondern auch Bundestrainer Horst Hrubesch.

Trotz seiner 21 Jahre wirkt Weiser auf dem Platz extrem abgeklärt. Das mag auch an seiner Vita liegen, schließlich spielte er zweieinhalb Spielzeiten im Trikot des FC Bayern. Als er in München aufschlug, war er gerade 18, stand plötzlich in einem Käfig voller Alphatiere. Bastian Schwein­steiger, Arjen Robben, Franck Ribéry – Weltklasse, wohin das Auge reicht. Spielzeit gab es in diesem Umfeld zwar wenig für Weiser, dafür aber viel zum Abschauen. Zum Beispiel vom fast fehlerlosen Rechtsverteidiger Philipp Lahm. „Der verliert keinen Ball“, schwärmte Weiser unlängst.

Sehnsuchtsziel Maracana

Großen Fußballern ist Weiser schon zuhauf begegnet. Olympia bietet aber auch die seltene Chance, Stars anderer Disziplinen kennenzulernen. Sportler sind nun mal auch Sport-Fans – da ist Weiser keine Ausnahme. Bei den Spielen von Peking 2008 saß er genauso gebannt vor dem Fernseher wie vier Jahre später bei Olympia in London. 100 Meter, Usain Bolt, klar, und natürlich Basketball, Weisers große Leidenschaft. „LeBron James zu treffen, das wäre ein Traum“, sagt er. Der NBA-Star ist für ihn der „kompletteste Athlet, den es gibt in der Sportwelt“.

Und dann ist da ja noch das Maracana, ein Mythos aus Beton – das Stadion, in dem die Schweinsteigers und Lahms im Sommer 2014 den WM-Pokal gewannen. „Mit der U17 habe ich früher mal im Aztekenstadion in Mexiko gespielt. Das ist ähnlich legendär“, sagt Weiser, „aber das Maracana ist gefühlt noch eine Nummer größer.“ Der Weg zum Sehnsuchtsziel ist allerdings lang. Nur ein einziges Fußballmatch wird im Maracana stattfinden: das Finale. Mitchell Weiser wird alles daran setzen, dabei zu sein.