Beachvolleyball

Laura Ludwig: „Ich bin kein Typ für Plan B“

Serie über Berliner Olympiahoffnungen: Laura Ludwig will nach Rio noch lange Beachvolleyball spielen. Aber Kinder will sie auch.

Foto: Leidheiser / BM

Hamburg.  Laura Ludwig lässt sich auf den Korbstuhl im BeachCenter Hamburg fallen und wirft ihre Sporttasche aus hellem Leinenstoff auf den Platz daneben. „Die ist noch von den Olympischen Spielen 2012 in London“, sagt die 29-jährige Beachvolleyball-Nationalspielerin und fügt mit einem Zwinkern hinzu: „Ich hoffe, wir bekommen im nächsten Jahr eine neue.“

Die gebürtige Berlinerin Ludwig und ihre Partnerin Kira Walkenhorst (25) sind die größte Medaillenhoffnung des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Den deutschen Verfolgerinnen sind sie enteilt, als amtierende Europameisterinnen stehen Ludwig/Walkenhorst mit 5200 Punkten auf Platz drei der Weltrangliste.

Noch vor wenigen Monaten war aber gar nicht klar, ob sie weiterhin zusammen spielen. Im Interview spricht Ludwig über Reizüberflutung, fehlende Visionen und den beruhigenden Einfluss von Trainer Jürgen Wagner.

Berliner Morgenpost: Frau Ludwig, stellen Sie sich vor, es ist August, Sie sind in Rio de Janeiro, was sehen Sie?

Laura Ludwig: Ich sehe ein geiles Stadion an der Copacabana mit ganz vielen coolen Leuten, Samba-Musik und ganz viel Beachvolleyball. Ich fühle mich total gut, auch aufgeregt. Ich denke mal, erst einmal wird eine Reizüberflutung über mich hereinbrechen, weil das einfach viel Trubel sein wird, aber ich bin total glücklich, da zu sein.

Die Qualifikation für Rio läuft noch bis zum 13. Juni 2016. Hinter Ihnen kämpfen drei andere deutsche Damenduos um den zweiten Startplatz. Fühlt es sich schon real für Sie an, tatsächlich zu Ihren dritten Olympischen Spielen zu fliegen?

Ja, mittlerweile schon. Es ist jetzt nicht so, dass wir im Detail alles planen, aber schon so, dass man sich mal nach Appartements umguckt. Es ist noch ein langer Weg, aber irgendwie ist es greifbar. Wir müssen uns nichts vormachen, wenn wir jetzt gut weiter spielen und körperlich fit bleiben, können wir uns schon darauf vorbereiten.

Das sah vor acht Monaten noch ganz anders aus. Im April hat sich Kira Walkenhorst während der Trainingsvorbereitung am Knie verletzt und musste operiert werden. Wie haben Sie diese Zeit der Ungewissheit erlebt?

Das war schon ein herber Schlag ins Gesicht, vor allem, weil es so kurz vor Saisonbeginn passiert ist und wir echt eine geile Vorbereitung hatten. Die Saison beginnt, wir müssen zwölf Turniere hinlegen und liefern. Und plötzlich ist alles vier, fünf Wochen nach hinten verschoben. Das war echt eine harte Zeit.

„Bis ich aufhöre, möchte ich auf jeden Fall zu den Top-Teams gehören“

Sie konnten schon vorher ein knappes Jahr nicht zusammen spielen, weil Walkenhorst an Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war. Sie selbst waren die ganze Zeit fit, mussten warten, was hat sich da in Ihrem Kopf abgespielt?

Die Krankheitsphase davor, das Dreivierteljahr war schwer für den Kopf. Ich habe über Punkte nachgedacht, und für Kira war es einfach mal hart, sechs Monate auszusetzen. Aber da war noch Zeit. Wir wussten, im Winter fangen wir wieder an und haben noch eine ganze Vorbereitung. Die Verletzung im April war dagegen wie ein Schnitt. Ich habe auf einmal die Vision nicht mehr gesehen, wusste nicht mehr, wie es weitergehen soll. Ich war nicht mehr der fröhliche Mensch, der ich eigentlich bin. Dieser große Traum von Olympia stand plötzlich infrage, wer weiß, ob ich danach noch weiterspiele? Ohne unsere Trainer Jürgen Wagner, Helke Claasen und unsere Mentaltrainerin Annett Szigeti hätte ich es vom Kopf her nicht hingekriegt.

Haben Sie in der Zeit auch mal daran gedacht, es lieber mit einer anderen Partnerin zu versuchen?

Nee, das ist ganz klar. Bis ich aufhöre, möchte ich auf jeden Fall zu den Top-Teams gehören, und ich weiß, mit Kira kann ich das haben. Ich wollte keine Plan-B-Lösung. Ganz oder gar nicht. Ich kann jetzt nicht sagen, ich hätte nach der Verletzung nicht einmal daran gedacht, schließlich war erst nicht klar, ob sie wiederkommt, ob die OP gut läuft, aber es ist alles gut gelaufen, und danach war klar, das ziehen wir durch.

Nach der Weltmeisterschaft im Juni, die Sie mit einem enttäuschenden 17. Platz abschlossen, wirkten Sie aber beide eher ratlos.

Wir hatten eine krasse Krisenzeit nach der WM. Wir wussten einfach nicht mehr, woran es jetzt noch scheitert. Wir waren gesund, doch irgendwie funktionierte es nicht, und wir spielten echt scheiße. Da mussten wir uns mal zurückziehen, über uns nachdenken und ob wir überhaupt den Weg weiter so gehen wollen.

Sie sind weitergegangen, haben zweimal Gold auf der World Tour geholt und sowohl die Europameisterschaft als auch die Deutsche Meisterschaft souverän gewonnen. Wie erklären Sie sich das?

Das war schon interessant, nach der WM haben wir uns alle zusammengesetzt und gesagt: Jetzt ziehen wir es einfach mal durch. Da hat es dann Klick gemacht. Ich kriege gerade schon wieder Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke. Das A und O dabei war das Team ums Team. Die haben an uns geglaubt und uns immer wieder hochgeholt. Wir sind von Woche zu Woche immer besser geworden und haben mehr zueinander gefunden. Ich glaube, wenn man das durchsteht und auch, wenn man so verschieden ist wie Kira und ich, aber ein gemeinsames Ziel hat, kriegt man das auch hin.

Welchen Einfluss hat Ihr Trainer Jürgen Wagner, der Julius Brink und Jonas Reckermann 2012 zu Olympiagold geführt hat?

Jürgen ist ein Ruhepol, der hat eine Vision und kann es so vermitteln, dass du es glaubst. Ich bin eher die Hektische, oder war es, ich habe es hoffentlich schon ein bisschen geändert. Ich habe von ihm gelernt, nicht immer emotional auf Sachen zu reagieren, sondern auch mal mit Ruhe und Geduld. Es gibt Wege, die man gehen kann, Entscheidungen, die man treffen kann. Wenn ich Angst habe oder mit einem Gedanken nicht weiterkomme, rede ich mit ihm darüber, und die Angst ist weg.

„Ich bin vielleicht auch kein Typ gewesen, der sich um die Zukunft Gedanken gemacht hat.“

Sie spielen inzwischen seit fast zwölf Jahren professionell Beachvolleyball. Hatten Sie mal einen Plan B für den Fall, dass es mit der großen Karriere nicht geklappt hätte?

Nee. Ich bin vielleicht auch kein Typ gewesen, der sich um die Zukunft Gedanken gemacht hat. Ich bin sehr kindlich gewesen, habe nicht so erwachsen an die Zukunft gedacht, was vielleicht auch gar nicht so schlecht war. Jetzt kommen schon manchmal die Gedanken. Was machst du danach? Die stressen mich, aber zum Glück kann ich sie noch zur Seite drängen.

Gibt es denn eine Tendenz für die Zeit nach Olympia?

Eigentlich will ich, was nach den Olympischen Spielen passiert auch erst nach den Olympischen Spielen planen. Aber natürlich muss es auch langsam eine Struktur für ein Danach geben. Vor allem will ich mich mal niederlassen, so weit das als Beachvolleyballer möglich ist, mit meinem Freund zusammenleben (Anm.: Imornefe „Morph“ Bowes, Trainer der niederländischen Beachvolleyball-Nationalmannschaft) und eine Familie haben. Aber jetzt komme ich erst einmal in das beste Beachvolleyball-Alter und will endlich ganz vorne in der Weltspitze dabei sein.

„Beachvolleyball ist echt mein Leben, und ich liebe es.“

Die dreifache Olympiasiegerin Kerri Walsh ist 38 Jahre alt, hat drei Kinder und spielt immer noch in der Weltspitze mit. Wäre das auch etwas für Sie?

Kerri ist für mich ein Wunder. Wie die das alles unter einen Hut bringt, verstehe ich nicht. Aber vorstellen kann ich mir das schon.

38 werden Sie erst 2024, bis dahin sind noch zwei weitere Olympische Spiele...

Stimmt, und leider 2024 nicht hier. Wenn das nach Hamburg gekommen wäre, hätte ich mir ganz stark überlegt, auf jeden Fall so lange zu spielen. Ich würde niemals nie sagen. Beachvolleyball ist echt mein Leben, und ich liebe es. Das ist einfach das, was ich am besten kann.

Lesen Sie morgen Teil sieben der Serie:
Marathonläuferin Mayada Al-Sayad