Andreas Wellinger kam als Erster zu Severin Freund und umarmte den Teamkollegen. Zu diesem Zeitpunkt fuhr Peter Prevc noch durch den Auslauf der Schattenbergschanze. Obwohl der Slowene als Letzter des Auftaktspringens der Vierschanzen-Tournee gesprungen war, konnte der große Favorit die Spitzenposition nicht halten. Hinter Freund und dem Österreicher Michael Hayböck kam der Führende im Weltcup gar nur auf den dritten Platz.
Was danach folgte, war Gänsehaut. Diese Atmosphäre waren pure Emotionen. Die 25.500 Besucher in der ausverkauften Arena skandierten „Oh wie ist das schön“. Gesteigert wurde dies noch bei der Nationalhymne, als das ganze Stadion mitsang. „Diese Siegehrung war etwas ganz Spezielles, das war bombastisch“, beschrieb Freund sein Empfinden. Ganze 13 Jahre nach Sven Hannawald stand wieder einmal ein deutscher Springer oben auf dem Podium in Oberstdorf.
137,5 Meter im zweiten Versuch
„Es ist mir brutal reingelaufen“, sagte der 27-Jährige Weltmeister, „der zweite Sprung ging so, wie ich es mir erhofft hatte.“ 137,5 Meter war er geflogen. Dabei war vor ihm der Anlauf zweimal verkürzt worden. Prevc schaffte später nur 130 Meter, obwohl der Anlauf bei ihm wieder um drei Luken verlängert worden war. „Am Schluss war’s ein wenig hektisch“, sagte Freund, „die Bedingungen haben relativ schnell gewechselt.“
Wie oft hatten die deutschen Skispringer in den vergangenen Jahren diesen einen Traum geträumt. Nach der ersten Station in Oberstdorf wollten sie noch die Chance auf eine gute Tournee-Platzierung haben. Doch der Traum wurde zum Trauma. Schon nach dem einen Springen war der Gesamtsieg unrealistisch. Auch Severin Freund musste mehrmals diese Erfahrung machen. Und nun ist alles anders.
Dabei waren die Voraussetzungen nie so schlecht. „Ich mag die Schanze“, hatte der Springer des WSV Rastbüchl jedes Jahr vor der Tournee gesagt. Und doch hat es nie mit einem guten Resultat geklappt. Auch jetzt sah es nach dem ersten Durchgang wieder nach dem gewohnten Ablauf aus. Freund war lediglich der fünftbeste Springer. „Es war für uns alle schwierig im ersten Durchgang, in die Tournee zu starten“, sagte Andreas Wank stellvertretend für seine Teamkollegen.
Rotzfrech runter
Doch die Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster ist gewachsen, ließ sich nicht beirren. „Im zweiten sind wir rotzfrech runtergesprungen“, führte Wank weiter aus. Dies bewertete auch Bundestrainer Schuster als den entscheidenden Faktor: „Der zweite Sprung war qualitativ gut, wenn er diese Qualität mitnimmt, dann kann er Druck machen.“ Und schon vor Freunds großem Triumph sagte Wank: „Ich glaube, das wird eine gute Tournee.“
Zumindest hat am Dienstag alles gepasst. Dass Severin Freund körperlich in einem besseren Zustand ist, dafür haben er und das Trainerteam gesorgt. In unzähligen Sprüngen hat sich der Springer ein stabiles Flugsystem erarbeitet. Nicht unbedingt zu erwarten war, wie der Weltcup-Gesamtsieger mit dieser enormen Erwartungshaltung zurecht kommen würde. Doch auch diese Herausforderung hat er bravourös gemeistert.
Nun kann der Weltmeister, der erstmals auf der Tournee gewinnen konnte, mit breiter Brust weiter zur nächsten Station nach Garmisch-Partenkirchen fahren. Theoretische Chancen hat auch noch Richard Freitag. Der Sachse belegte Platz neun, hat 30,7 Punkte oder etwa 22 Meter Rückstand. Dass er auch bei der Tournee Springen gewinnen kann, hat er in diesem Jahr in Innsbruck bewiesen.
Prevc und der alte Fluch
„Mit meinen Sprüngen war ich zufrieden, deshalb bin ich mit dem Resultat unzufrieden“, sagte ein enttäuschter Peter Prevc. Wie wird er dieses Springen verarbeiten? Zwar war der Slowene auch in den vergangenen beiden Jahren jeweils Dritter geworden, trotzdem galt er, auch weil er die letzten drei Wettbewerbe vor der Tournee und die Qualifikation in Oberstdorf überlegen gewonnen hatte, als der ganz große Favorit.
Der 23-Jährige schien stets leicht und souverän allen Widrigkeiten zu trotzen. Holt ihn nun wieder der alte Fluch ein? Noch nie konnte er einen Titel gewinnen. Zum Saisonende 2015 hatte er zwar genauso viele Punkte gesammelt wie Severin Freund, allerdings wurde der Deutsche zum Gesamt-Weltcupsieger erklärt, weil er mehr Springen gewonnen hatte. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi gewann er Silber von der Normalschanze und Bronze von der großen Schanze. Bei Weltmeisterschaften holte er sich drei Medaillen – einmal Silber und zweimal Bronze. In seiner ersten Enttäuschung verweigerte er jedwedes Interview nach dem Springen.
Zuversicht für Garmisch
Welch Kontrast dazu die deutschen Teammitglieder in ihren grünen Anoraks. Bundestrainer Werner Schuster herzte jeden auf dem Trainerturm, der ihm entgegen kam. Und unten im Auslauf sprudelten aus Sieger Freund die Worte nur so heraus. „Ich freue mich wahnsinnig über diesen Tag, das ist etwas wahnsinnig Schönes“, sagte der Bayer, „aber es ist nur ein kleiner Schritt auf dieser Tournee.“ Trotzdem ist er sicher, dass ihm sein Auftritt in Garmisch-Partenkirchen nach diesem Sieg noch leichter fallen wird als in den vergangenen Jahren.




