Severin Freund wirkte ein wenig angefressen. „Wer sind für Sie die Favoriten auf den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee?“, lautete die simple Frage. Die Antwort klang ein wenig gereizt: „Die Erwartungshaltung ist ja eh, dass wir gewinnen sollen.“ Und mit wir meinte er sich.

Die Situation hat sich gegenüber den vergangenen Jahren dramatisch geändert. Noch vor drei Jahren machte der Springer des WSV Rastbüchl auf Optimist, wenn er auf seine Chancen auf den Gesamtsieg angesprochen wurde. Im vergangenen Jahr sagte Bundestrainer Werner Schuster: „Die Sportler sind nun ein Jahr reifer, Severin Freund hat mit seinem Sieg bei der Skiflug-WM noch einmal Substanz geschöpft – wir wollen schon um den Sieg mitspringen.“ Doch wieder hatte es nicht geklappt mit dem ersehnten Erfolg beim Schanzenklassiker. Platz sechs für Richard Freitag und Severin Freund als Achter waren die Ausbeute.

Das Umfeldmanagement wurde verbessert

Dieses erneute Scheitern hat gewurmt. Schon im Sommer, deutlich früher als sonst, haben sich Schuster und seine Springer mit der am Dienstag in Oberstdorf beginnenden Tournee beschäftigt. „Vom Umfeldmanagement haben wir uns über die Jahre so weit verbessert, dass wir eine gute Tournee springen können“, erläutert Bundestrainer Schuster. Und führt die Verbesserungen aus: „Wir haben ein wenig zu grün agiert, waren etwas zu hektisch.“ In der Konsequenz heißt dies in diesem Jahr, dass die Springer nicht erst am Abend vor der Qualifikation nach Oberstdorf anreisen, sondern schon zum Mittagessen. „Wenn man noch zu viel zu tun hat, kommt man nicht zur Ruhe“, begründet der Coach.

Doch auch die Reiseplanung wurde verändert. Statt von Garmisch-Partenkirchen nach Innsbruck umzuziehen, beziehen die deutschen Adler in Seefeld für sechs Tage Quartier. Die Österreicher haben dies im Vorjahr schon so praktiziert. „Sechs Nächte im gleichen Bett – davon verspreche ich mir viel“, sagt Schuster. Neben einer anderen Atmosphäre, auch zu Silvester, bietet es den Springern den Vorteil, dass sie einmal nicht mit ihren ganzen Anzügen und Klamotten, die sie für zwei Woche benötigen, umziehen müssen.

Die Vorbereitung an den Schanzen begann im Sommer

Die wichtigste Änderung in der Vorbereitung wurde ebenfalls im Sommer umgesetzt. Da gab’s eine Simulations-Tournee. „Wir sind die vier Stationen der Tournee innerhalb einer Woche abgefahren, von Schanze zu Schanze, immer mit ganz wenigen Sprüngen, mit den gleichen Hotels“, sagt Schuster. Die besondere Herausforderung der Tournee ist und bleibt der schnelle Wechsel der unterschiedlichen Schanzen innerhalb weniger Tage. Wer diesen problemlos schafft, hat einen Vorteil. Trotzdem sagt Freund: „Man kann es auch nicht zu 100 Prozent planen.“

Schließlich spielt die menschliche Komponente eine nicht unwesentliche Rolle. Da sieht Werner Schuster seinen Topathleten Freund auf einem guten Weg. „Das Phänomen ist, dass Sevi mit den Erfolgen mental immer besser wird“, sagt der Coach. „Viele sind so Typen, die arbeiten auf ein Ziel hin und sobald sie es erreicht haben, fallen sie in ein Loch.“ Bei Freund stehe jedoch nicht nur das Ziel im Mittelpunkt, sondern die Arbeit. „Mit jedem Erreichen eines Ziels wird er stabiler und gelassener und klarer in seiner Vorgehensweise“, erzählt Schuster.

Auch Richard Freitag rechnet sich Chancen aus

Ganz entscheidend in der Entwicklung Freunds waren die Olympischen Spiele in Sotschi, der Gewinn der Goldmedaille im Teamwettbewerb. Schuster bezeichnet diese als „Knopflöser“. Schon bei den Weltmeisterschaften 2015 hat er dies bestätigt. „Sevi ist auch nach Falun als Favorit gekommen und hat das durchgezogen“, sagt Schuster. Gold von der Großschanze, Gold im Mixed-Wettbewerb, Silber von der kleinen Schanze.

Severin Freund hin, Severin Freund her – das deutsche Team besteht nicht nur aus dem 27-jährigen Bayern. Auch Richard Freitag ist ein Kandidat für vordere Platzierungen. Der Sachse hat in diesem Sommer seine Technik umgestellt, springt jetzt auch aggressiver vorne weg. Dies ist vor allem bei Springen mit Wind von Vorteil. „Der Weg stimmt, es geht wieder bergan“, sagt der 24-Jährige. Und dass er die Nerven hat, auch in der Höhle des Löwen zu bestehen, hat er beim Springen am Bergisel in Innsbruck bewiesen, als er das Springen auf der Hausschanze der Österreicher gewinnen konnte. „Ich weiß, dass ich in Innsbruck gut springen kann“, sagt Freitag, „ich weiß auch, dass ich auch in Bischofshofen gut springen kann.“

Wegweiser Auftaktspringen in Oberstdorf

Trotzdem hängt alles von einem guten Auftakt in Oberstdorf ab. Ausgerechnet auf der Schattenbergschanze, auf der deutsche Springer schon 20 Mal in der 63-jährigen Tournee-Geschichte triumphieren konnten, datiert der letzte Sieg aus dem Jahr 2002 durch Sven Hannawald. In den vergangenen Jahren hat sich für das deutsche Team durch deren schlechtes Abschneiden zum Auftakt auf schmerzliche Art eine alte Tournee-Weisheit bewahrheitet: Man kann die Tournee nicht mit einem Springen gewinnen, aber verlieren. Im Wissen darum rät Richard Freitag zu einem Stück Gelassenheit: „Wir sollten es auch nicht mehr mit aller Macht versuchen. Wir sollten versuchen, das Ding zu rocken.“ Let’s rock.