Die Rollen sind verteilt. Mit zwei überragenden Siegen in Engelberg reist Peter Prevc nicht nur als Führender im Gesamt-Weltcup nach Oberstdorf. Der 23-jährige Slowene ist auch der große Favorit auf den prestigeträchtigen Erfolg bei der Vierschanzentournee. Severin Freund hat nichts dagegen, dass nicht ihm diese Rolle zufällt.

„Ich denke nicht, dass ich der Favorit bin“, sagt der Gesamt-Weltcupsieger, „aber ich glaube auch, dass man aus dem Wochenende in Engelberg keine hundertprozentigen Schlüsse ziehen kann.“

Ähnlich denkt auch Teamkollege Richard Freitag. „Die Favoritenrolle kann Peter gern übernehmen“, sagt der Sachse, der am Sonnabend Vierter geworden war und Sonntag stürzte. „Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass es vollkommen egal ist, wie es vor der Tournee gelaufen ist.“

Cheftrainer Kuttin vermeidet es, Diagnosen zu stellen

Gedanken über eine Rolle als Favorit muss sich Gregor Schlierenzauer gerade nicht machen. Noch ist nicht einmal sicher, ob der zweimalige Tourneesieger überhaupt mitspringen wird. Auch in Engelberg hat der 25-Jährige Österreicher gefehlt.

Nicht einmal sein Trainer Heinz Kuttin konnte eine Prognose abgeben. „Ich würde es gern sagen, ich kann’s aber nicht“, erzählte er in Engelberg. Schlierenzauer habe um diese Auszeit gebeten. „Gregor möchte jetzt einfach Ruhe und Abstand haben“, erläuterte er. Und fügt an: „Er ist derzeit weg von den Schanzen.“ Trainer und Athlet seien aber in Kontakt.

Es ist nicht die erste Pause, die sich der zehnmalige Weltmeister in dieser Saison nimmt. Bereits nach dem Auftakt in Klingenthal reiste der Medaillen- und Titelsammler allein mit Co-Trainer Harald Rodlauer statt nach Kuusamo nach Lillehammer, um zu trainieren. Doch liegt’s wirklich daran?

„Gregor ist körperlich top“, sagt Coach Kuttin, „ich glaube auch nicht, dass er irgendein technisches Problem hat.“ Dem Athleten fehle der innere Antrieb. Und nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Er ist in medizinischer Behandlung.“

Wunderkind im Weltcup

Das deutet auf ein Burnout-Syndrom. Heinz Kuttin versucht mit allen rhetorischen Finessen, diesen Begriff zu vermeiden. Auch bei gezieltem Nachfragen: „Ich bin kein Arzt, ich kann das nicht beurteilen.“

Schon einmal musste ein erfolgreicher Skispringer seine Karriere wegen eines Burnout-Syndrom beenden: Sven Hannawald. Der Deutsche ist ähnlich gestrickt wie Schlierenzauer. Beide sind absolute Perfektionisten, beide werden von unbändigem Ehrgeiz getrieben, beide sind unheimlich sensibel. Und beide haben Außergewöhnliches geleistet.

Schlierenzauer tauchte mit 16 Jahren als wahres Wunderkind im Weltcup auf, ist mit 53 Erfolgen in Einzelspringen Rekord-Weltcupsieger. Hannawald war es bei der 50. Vierschanzentournee 2001/2002 als erstem Springer gelungen, alle vier Wettbewerbe zu gewinnen.

Ständig wurden sie an diesen Erfolgen gemessen, und ständig haben sie sich an diesen Erfolgen gemessen. Irgendwann ist darüber der Spaß am Sport bei beiden verloren gegangen.

Entscheidung über den Start bei der Tournee bis Ende der Woche

Hannawald hat sich damals in Therapie begeben, ist nie wieder auf eine Schanze zurückgekehrt. Bei Schlierenzauer ist die Zukunft noch offen. Zunächst die bei der Vierschanzentournee, die am 29. Dezember in Oberstdorf startet.

Bis zuletzt will Kuttin seinem Springer die Möglichkeit einer Rückkehr offen lassen. „Ich muss mich erst bei der Mannschaftsführersitzung entscheiden“, sagt der Trainer. Die findet am kommenden Sonntag in Oberstdorf statt.

Sicher haben mehrere Faktoren zur aktuellen Situation beigetragen. Bereits seit einigen Jahren hat Gregor Schlierenzauer, ein polarisierender Sportler, sein privates Team aufgebaut. Angeführt von Markus Prock.

Der ehemalige Weltklasse-Rodler ist nicht nur sein Onkel, sondern auch sein Manager. Dazu gehört auch Markus Maurberger als Trainer. Ebenfalls dabei: Andreas Lotz als Vertrauensarzt. Mit diesem Kreis wird Gregor Schlierenzauer auch besprechen, ob eine Teilnahme an der Vierschanzentournee sinnvoll ist.

Österreichs Cheftrainer Heinz Kuttin ist außen vor. „Gregor gibt die Steps vor, die Entscheidung muss er von sich aus treffen“, erklärt er. Es wird ganz sicher keine leichte Entscheidung sein.