Wo soll das noch enden? Olympiasiegerin ist Carina Vogt geworden, im Frühjahr dann zweifache Weltmeisterin. Im Einzel und mit dem Mixed-Team. Da hatte sie noch nicht ihre Ausbildung bei der Bundespolizei abgeschlossen. Dies hat die 23-jährige Skispringerin nun im Sommer getan. Damit kam noch eine Meisterin dazu: die Polizeimeisterin.
Wegen der Vorbereitung auf die Prüfungen hat die Springerin aus Schwäbisch Gmünd einige Trainingseinheiten verpasst. Sie ist dies schon gewohnt. Im Vorjahr hatte sie wegen einer Knieoperation im Frühjahr zu Beginn des Winters Rückstand, in diesem Jahr eben wegen der beruflichen Laufbahn.
Trotzdem geht sie optimistisch in die neue Saison. „Eigentlich läuft’s ganz gut, ich bin für den Weltcupstart gut vorbereitet.“ Diese Einstellung teilt auch Bundestrainer Andreas Bauer: „Wir kennen die Stellschrauben, an denen wir drehen können.“ Begeistert ist er vor allem vom stabilen Flugsystem mit einer sehr guten Symmetrie.
Keine WM, aber so viele Wettkämpfe wie noch nie
Die Saison beginnt am Freitag traditionell wieder in Lillehammer (15 Uhr, Eurosport). Gemeinsam mit den Männern springen auch die Frauen auf den Olympiaschanzen von 1994. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Denn während Weltcupsieger Severin Freund und Kollegen vom großen Bakken abheben, dürfen das die Frauen nur von der kleinen Schanze tun.
„Das ärgert uns“, sagt Carina Vogt. Denn egal, ob Mann oder Frau, mache es jedem Skispringer mehr Spaß, auf einer größeren Schanze zu springen. Widerstandslos wollen sie sich jedoch nicht diesem Schicksal ergeben. Immer wieder tragen sie beim Internationalen Skiverband Fis ihr Anliegen vor. „Wir wollen öfter auf Großschanzen im Weltcup springen, nicht nur einmal im Jahr in Oslo“, fordert Vogt, die auch schon eine Vierschanzentournee ins Gespräch gebracht hatte.
Als Vorbild nennt die Degenfelderin das Frauen-Biathlon, das erst 32 Jahre nach den Männern olympisch wurde und längst ebenbürtig ist. Doch seit vier Jahren herrscht auf den Schanzen Stillstand. „Es ist schon ärgerlich, dass keine zweite oder dritte Schanze dazukommt.“ Immerhin stehen diesen Winter 20 Springen an, so viele wie nie.
Der Gesamtweltcup fehlt noch in der Titelsammlung
Die mutige junge Frau denkt sogar schon an den nächsten Schritt, das Skifliegen. „Ich will auf alle Fälle, bevor ich aufhöre, einmal Skifliegen. Ob ich das allerdings in einem Wettkampf werde machen können, da bin ich mir nicht sicher.“
Zumal sie diesen Winter, in dem es keine WM gibt, ein anderes Ziel ins Visier genommen hat. „Es gibt einen großen Traum, den ich mir erfüllen möchte: der Sieg im Gesamtweltcup“, sagt Vogt. Das sieht natürlich auch Coach Bauer so. „Carina hat in den letzten Jahren alles gewonnen, mehr als Olympia- und WM-Gold geht nicht. Der Sieg im Gesamtweltcup wäre der Titel, der in ihrer Sammlung fehlt.“
Zweimal war die Springerin des SC Degenfeld schon nah dran. 2014 als Zweite, den vergangenen Winter beendete sie auf Platz drei. Unter Druck setzen will sich Vogt nicht: „Das lässt sich nicht einfach planen, das muss passieren.“
Vogt hat in Deutschland einen Boom ausgelöst
Als Bauer im Sommer 2011 von den Kombinierern zu den Frauen wechselte, hatte es nicht nach einer erfolgreichen Zukunft ausgesehen. Es gab Anlaufschwierigkeiten. „Carina hat mir niemand empfohlen“, hat Bauer einmal erzählt, „es hieß: Die hat kein Talent und weiß nicht, was sie will.“
Irgendwann, sagte Carina Vogt, „hat er den Draht zu mir gefunden“. Und wollte dies doch ganz allgemein verstanden wissen. „Es ist einfach etwas anderes, ein Team mit Frauen zu trainieren. Wir reagieren manchmal ein wenig emotionaler als Männer.“ Dazu kam noch eine gewisse Unwissenheit. „Am Anfang wussten wir gar nicht richtig, wie stark wir Frauen überhaupt belasten können“, gibt Bauer zu. Mittlerweile kennt er nicht nur die Spitzenspringerin bestens.
In Vogts Sog hat sich auch Katharina Althaus, 19, prächtig entwickelt und wurde Mixed-Weltmeisterin. Nicht nur für Althaus und die weiteren deutschen Weltcupspringerinnen übernimmt Carina Vogt als Idol eine wichtige Funktion, sondern auch beim Nachwuchs.
„Ich würde von einem kleinen Boom sprechen“, berichtet Bauer. Ganz besonders in den Skisprungzentren in Klingenthal, Oberhof und Oberwiesenthal. „Von den Jahrgängen 2001 und jünger haben wir über 200 Mädchen, die Ski springen.“ Möglicherweise ist da auch schon Vogts Nachfolgerin dabei.



