Die Namen sind erlesen. André Greipel, Mark Cavendish, Alexander Kristoff. Alles enorm starke Sprinter, die sich auf den 221 Kilometern bei den 20. Cyclassics zwischen Kiel und Hamburg am Sonntag messen (15.45 Uhr, Eurosport). „Weltklasse“ nennt Marcel Kittel, 27, das Feld. Ein Prädikat, das auf ihn ebenso zutrifft. Während Hamburg für die anderen aber nur ein Radrennen unter vielen ist, besitzt das einzige deutsche World-Tour-Rennen für den Erfurter eine ganz andere Bedeutung.

Konkurrenz in Hamburg ist sehr stark

Kittel fährt vor allem für das gute Gefühl. Das will er sich wiederholen in der restlichen Saison. Die Cyclassics spielen dabei eine zentrale Rolle, weil die Konkurrenz so stark ist. „Hamburg ist für mich ein wichtiges Rennen“, sagt er. Es darf sogar als Jahreshöhepunkt firmieren. Glücklich macht ihn dieser Umstand nicht. Normalerweise wäre Hamburg auch für ihn nur ein Rennen unter vielen. Doch Kittel erlebte ein Jahr zum Vergessen. Im Februar fing er sich eine Viruserkrankung ein. Lange erholte er sich nicht davon, als es wieder aufwärts ging, wurde er nicht für die Tour de France berücksichtigt von seiner Giant-Alpecin-Mannschaft. Jüngst bei der Polen-Rundfahrt gelang ihm sein erster Sieg seit Monaten. „Ich bin sehr froh drüber, dass es alles so geklappt hat. Das war schon ein Druck, der da abgefallen ist. Es war lange her, dass ich gewonnen habe. Für einen Sprinter ist das nicht so einfach.“, sagt Kittel. Vor allem nicht, wenn er wie Kittel das Siegen gewohnt ist und mit großen Ambitionen in die Saison geht.

Der Umgang mit der Erkrankung war dabei das eine. „Es ist nicht schön, zu Hause zu sitzen, wenn man viele Ziele hat und die Stück für Stück abschreiben muss“, erzählt der Radprofi. Zum ersten Mal musste er so lange leiden, mit dieser quälenden Ungewissheit umgehen. Dabei gehört Kittel nicht zu den Geduldigen. Diese Tugend musste er erst erlernen. Was natürlich nicht einfacher wird, wenn der eigene Glaube an die Leistungsfähigkeit wieder wächst, andere diesen aber nicht teilen. Die Tour de France, bei der er in den beiden Jahren zuvor je vier Etappen gewann, fiel deshalb für ihn aus. „Sportlich konnte man das nachvollziehen. Aber die Chancen standen 50:50, keiner wusste, was ich leisten kann. An dieser Stelle war seitens des Teammanagements nicht der nötige Optimismus vorhanden“, so Kittel. Das hat ihn schwer enttäuscht.

Mit den Rückschlägen will er sich nicht beschäftigen

Inzwischen verdrängt er das, will sich mit den Rückschlägen nicht mehr beschäftigen. Das lenkt nur ab von den nächsten Rennen. Gut möglich aber, dass er irgendwann noch einmal in Ruhe alles reflektiert. „Vielleicht hebe ich mir das für später auf, ich will mich da jetzt nicht durcheinanderbringen“, sagt Kittel. Klingt fast danach, als wäre da schon noch Bedarf, die ganze Situation zu durchdenken. Viel war spekuliert worden, ob die Nichtberücksichtigung für die Tour zum Bruch mit dem Team führen könnte. Das Verhältnis dürfte jedenfalls nicht mehr identisch sein mit dem vor der Tour-Entscheidung. „Alles entwickelt sich immer weiter. Aber für mich ist es so, dass ich einen Vertrag bis 2016 habe und es kein Drama gibt“, sagt Kittel. Er wolle mit jedem weiterarbeiten.

Für die Spanien-Rundfahrt, die gestern begann, wurde Kittel ebenfalls nicht nominiert. Die könne noch zu schwer sein für ihn, so die Entscheidung. Die Weltmeisterschaft in Richmond hat er auch abgehakt. „Ich habe kein Programm, um mich da richtig vorzubereiten. Und nach der Vorgeschichte in diesem Jahr ist es schwierig, sich da zu empfehlen“, sagt Kittel. Als völlig vertan will er diese Saison dennoch nicht bilanzieren: „Unterm Strich sage ich daher, mit allem, was passiert ist, für mich als Mensch, als Charakter war es kein schlechtes Jahr. Weil ich eine Menge gelernt habe über mich, über andere Menschen. Ich glaube, dass mir das für die Zukunft viel bringt.“

Kittel ist auf der Suche nach neuem Selbstbewusstsein

Jetzt geht es für ihn vor allem darum, bei den nächsten Rennen das Selbstbewusstsein zu stärken und gut in die Vorbereitung auf die nächste Saison zu kommen, in der Hamburg dann nicht mehr der Jahreshöhepunkt sein soll.