Saisonstart

Weltcupsieger Freund tüftelt an seiner Frühform

Severin Freund ordnet nach der guten Vorsaison alles der Vierschanzentournee unter. Die Weltcup-Saison startet am Wochenende in Klingenthal.

Severin Freund wird zugetraut, nach 15 Jahren wieder für einen deutschen Sieg bei der Vierschanzentournee zu sorgen

Severin Freund wird zugetraut, nach 15 Jahren wieder für einen deutschen Sieg bei der Vierschanzentournee zu sorgen

Foto: dpa Picture-Alliance / Sportida / picture alliance / Sportida / EX

Werner Schuster hat wieder seine Beobachterrolle eingenommen. Doch diesmal steht der Bundestrainer Skispringen nicht an einer Schanze. Seine Blicke sind bei der Einkleidung der deutschen Skisportler auf Severin Freund gerichtet, wie der in einer Traube von Journalisten verschwindet. Kein Felix Neureuther, keine Victoria Rebensburg, kein Simon Schempp ist an diesem Tag für Interviews so begehrt wie der 27-Jährige. „Ich freue mich für Severin, dass er diese Aufmerksamkeit bekommt“, sagt Schuster. Der Österreicher bezeichnet diese Situation als Privileg.

Weltmeister war Freund im vorigen Winter geworden. Und am Ende krönte er die Saison mit dem Gewinn des Gesamt-Weltcups. Doch wenn die neue Saison am Sonnabend in Klingenthal auf Kunstschnee startet, dann beginnt auch Freund wieder bei Null. Obwohl keine Nordischen WM auf dem Programm stehen, bezeichnet der Springer sie als interessante Saison. „Im Endeffekt ist es Mitte Januar mit den Großereignissen vorbei“, erklärt Freund. Der erste Höhepunkt ist wie immer die Vierschanzentournee. Gleich im Anschluss findet die Skiflug-WM am Kulm (14.-17. Januar) statt. „Mehr denn je heißt es, schon früh in der Saison in Topform zu sein“, beschreibt Freund die Herausforderung. Speziell für ihn, den Spätstarter.

Weltmeister Freund ist ein Mann der kleinen Schritte

Im Fokus steht eindeutig die Tournee. „Da hab ich sicher noch was gut zu machen“, sagt Freund. Und deshalb hat nicht nur er sich Gedanken gemacht. „Wir haben uns aktiver als in den Vorjahren mit der Vierschanzentournee beschäftigt“, gibt Trainer Schuster zu, „und deshalb auch im Sommer die Abläufe durchgespielt.“ Seit Sven Hannawald im Winter 2001/2002 hat kein deutscher Springer beim wichtigsten Skisprung-Klassiker mehr triumphiert. Aber kaum einer weiß besser als Freund, dass man bei Großereignissen geduldig auf seine Chance warten muss. „Severin ist ein Mann der kleinen Schritte“, sagt Schuster. Viermal war der rotblonde Springer bei Großereignissen Vierter geworden, ehe dann ein Triumph glückte. Und gerade die Veranstaltungsreihe in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen hat ihre Eigenheiten. Dann erinnert er sich an die vorherige Saison. „Vor der Tournee hat jeder gesagt, dass einer derjenigen die Tournee gewinnen wird, der zuvor einen Weltcup gewonnen hat.“ Doch am Ende triumphierten die Österreicher Stefan Kraft und Michael Hayböck, die in Oberstdorf und Bischofshofen erstmals ein Weltcupspringen als Erster beendeten. Und vor zwei Jahren wurde Stefan Diethart gefeiert, den zuvor nur Experten kannten.

Trotzdem wäre Severin Freund dran. Dies findet auch der Österreicher Schuster. „Jetzt ist der Sevi schon ein paar Jahre stabil.“ Und während er seinen Springer beim Interview-Marathon beobachtet, schweifen seine Gedanken ein paar Jahre zurück. 2010 und 2011 standen noch Martin Schmitt und Michael Uhrmann im Mittelpunkt. Doch deren sportliche Karrieren neigten sich dem Ende zu. „Ich habe gemerkt, dass die Luft dünn wird und es gut wäre, wenn jemand Verantwortung übernimmt.“ Das tat zunächst er, indem er das Athletiktraining veränderte und in Zusammenarbeit mit der Forschungs- und Entwicklungsstelle Sport (FES) das Material weiterentwickelte. „Severin war damals mein Testpilot“, berichtet Schuster, „er hat damals die Bindungen probiert, weil er froh war, dass er etwas gekriegt hat.“ Das habe den Springer aus dem Bayrischen Wald, der mit Freundin Caren nun in München lebt, geprägt. Seitdem arbeitet er akribisch. Anerkennend sagt sein Zimmerkollege Richard Freitag: „Kaum einer tüftelt so am Material wie Severin.“

Sein Körper ist seine Achillesferse

Einer Sache widmet sich Freund noch mehr: seinem Rücken. „Seine einzige Achillesferse ist sein Körper, sein Rücken“, sagt Schuster. Immer wieder musste der Athlet deswegen kürzer treten. „Nach meinem Bandscheibenvorfall muss meine Muskulatur mehr machen, da muss ich stark bleiben.“ Eine kleine Fehlbelastung – und die Muskulatur verkrampft. „Ich lerne damit immer besser umzugehen.“ Als Ausrede will Freund dies nicht gelten lassen. Auch zu Prognosen lässt er sich nicht hinreißen. Diese Einschätzung überlässt er gerne anderen. Thomas Morgenstern zum Beispiel. Der Olympia- und Tourneesieger aus Österreich ist sich sicher: „Für mich ist Severin der Mann, der am stärksten einzuschätzen ist.“