Boxen

Arthur Abraham: „Ich bin sonst sehr faul“

Der Berliner Boxer über den Titelkampf in Hannover, härteres Training unter Ulli Wegners Vertreter und die Sehnsucht nach K.o.-Siegen.

Arthur Abraham

Arthur Abraham

Foto: Andrew Couldridge / REUTERS

Hamburg.  Als „Schlacht um die Krone“ wird der Boxkampf zwischen WBO-Supermittelgewichtschampion Arthur Abraham, 35, und dem Briten Martin Murray, 33, der an diesem Sonnabend (22.15 Uhr, Sat.1) in der TUI-Arena in Hannover ausgetragen wird, gewohnt martialisch angekündigt. Tatsächlich geht es um viel mehr. Abraham ist der letzte echte Quotenbringer im Berliner Sauerland-Team. „Wenn Arthur verlieren würde, wäre das eine Katastrophe fürs deutsche Boxen“, sagt deshalb Trainer Ulli Wegner, der erstmals seit seinem im September erlittenen Achillessehnenriss wieder in der Ringecke sitzen wird. Zum 100. Mal bei einem WM-Kampf übrigens, Gratulationen dazu nimmt der 73-Jährige aber erst nach dem Kampf an.

Berliner Morgenpost: Herr Abraham, Hannover stand am Dienstagabend nach der Absage des Fußballländerspiels im Fokus des islamistischen Terrors. Ist es für Sie vertretbar, dass Ihr Kampf dort stattfinden soll?

Arthur Abraham: Es ist schon ein komisches Gefühl. Aber ich habe großes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden, dass alles nach Plan abläuft. Mein Gegner und ich waren uns auch sofort einig, dass wir den Kampf machen wollen. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass der Sport alle Grenzen überwindet.

Ihr Trainer sagt, dass eine Niederlage eine Katastrophe wäre. Spüren Sie angesichts solcher Worte einen besonders hohen Druck oder eher eine besonders große Motivation?

Weder noch. Unter Druck bin ich immer. Ich weiß, dass es eine Katastrophe wäre, wenn es schief läuft. Aber ich gehe niemals mit solchen Gedanken in den Ring. Und ich werde weder vom Trainer noch vom Management unter einen besonderen Druck gesetzt. Wir machen alle ganz normal unsere Arbeit, weil wir überzeugt sind, dass das ausreicht, um siegreich zu sein. Eine besondere Motivation brauche ich dafür auch nicht.

Steht es denn wirklich so schlimm um das deutsche Boxen, wenn Sie mit 35 Jahren als der letzte Hoffnungsträger gehandelt werden?

Natürlich nicht, das ist Unsinn. Es gibt in Deutschland einige sehr starke Talente. Fakt ist aber, dass die Zeit brauchen, um sich zu entwickeln und nachzurücken. Und diese Zeit bekommen sie auch, denn ich bin ja noch etwas da, mindestens zwei Jahre will ich noch boxen.

Wer sind denn diese Talente, von denen Sie sprechen?

Ich nenne natürlich keine Namen, weil das nur zusätzlichen Druck erzeugt. Aber Sie brauchen sich nur das Aufgebot im Sauerland-Team anzuschauen. Da sind einige dabei, die es nach ganz oben schaffen können.

Wie gefährlich ist für das Profiboxen alter Schule die Konkurrenz aus dem olympischen Weltverband Aiba, der mit der APB (Aiba Pro Boxing) mittlerweile auch eine Profiserie anbietet?

Ich sehe das nicht als Konkurrenz, sondern vielmehr als sehr schöne Möglichkeit für Talente, Erfahrungen als Profi zu sammeln und dabei schon etwas Geld zu verdienen. Mittelfristig aber führt am Wechsel ins Profilager der alten Schule kein Weg vorbei, wenn man richtig Geld verdienen will. Und das wollen die meisten.

Ihr ehemaliger Stallgefährte Marco Huck wollte mit seinem Wechsel in die Selbstständigkeit noch mehr Geld verdienen. Wie sehen Sie seinen Weg nach der Niederlage im ersten Kampf unter eigener Regie, und warum war das nie Ihr Weg?

Marco ist erwachsen und professionell genug, um zu wissen, was für ihn das Richtige ist. Wir haben weiterhin guten Kontakt, und ich bin überzeugt, dass sein Weg weitergehen wird. Für mich war ein Abschied von Sauerland nie ein Thema, weil ich weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Man übersieht leicht, dass hinter einem erfolgreichen Boxer 30 Leute arbeiten. Wenn der sich plötzlich um alles selbst kümmern soll, kann er sich nicht mehr auf das konzentrieren, was seine eigentliche Aufgabe ist. Da verzichte ich lieber auf ein paar Euro. Man darf nicht zu gierig sein.

„Herr Wegner ist mein Ein und Alles“

Huck hat durch den Abgang auch seinen Trainer Ulli Wegner verloren. Sie mussten in der Vorbereitung wegen seiner Verletzung auf ihn verzichten. Welchen Einfluss hat das gehabt?

Herr Wegner ist mein Ein und Alles, er hat mir alles beigebracht. Er hat auch für diese Vorbereitung die Trainingspläne gemacht. Aber in der Umsetzung hat sein Assistent Georg Bramowski fast doppelt so hart trainieren lassen wie vorgesehen. Vielleicht wollte er beweisen, was alles noch in mir steckt.

Wladimir Klitschko sagt, er brauche seinen Trainer nur noch für taktische Gespräche, die Trainingsarbeit könne er selbst steuern. Könnten Sie das nicht mittlerweile auch?

Auf keinen Fall! Ich brauche Herrn Wegner als Antreiber, denn ich bin sonst sehr faul.

Seit Sie 2009 ins Supermittelgewicht gewechselt sind, konnten Sie nur fünf von 17 Kämpfen vorzeitig gewinnen. Vermissen Sie als früherer K.o.-König diese klassischen Knock-out-Siege?

Ich habe immer Sehnsucht nach dem K. o., ich liebe diese Siege. Aber ich musste durch den Aufstieg meine Taktik umstellen, da konnte ich nicht erwarten, dass ich die schwereren, kräftigeren Jungs einfach so ausknocke. Wichtig ist nur, dass ich überhaupt gewinne. Gegen Murray, der schon mit sehr vielen guten Gegnern im Ring stand, wird es wieder hart. Aber ich bin vorbereitet.

„Boxen ist mein Leben“

Gegen Murray bestreiten Sie Ihren 48. Profikampf. Was wünschen Sie sich zum 50.?

Eine Titelvereinigung mit einem anderen Weltmeister wäre das Größte. Das ist es, was mich antreibt.

Und was ist mit Felix Sturm? Wäre dieses Duell noch interessant?

Natürlich, für Deutschland wäre das ein toller Kampf. Und vielleicht ist er ja im nächsten Jahr auch wieder Weltmeister.

Werden Sie dem Boxen nach Ihrem Karriereende erhalten bleiben?

Ich werde auf jeden Fall im Management weiterarbeiten, in welcher Form, habe ich noch nicht entschieden. Aber der Sport ist das Wichtigste für mich, Boxen ist mein Leben.