Boxen

Wladimir Klitschko: "Ich halte Tyson Fury für geisteskrank"

Wladimir Klitschko über das Besondere am Kampf gegen Fury, der selbst dem Ringrichter Prügel androht. Der Fight ist am 28. November.

Wladimir Klitschko tritt gegen Tyson Fury an. Es ist erst das zweite Mal, dass der Ukrainer auf einen Herausforderer trifft, der größer und schwerer ist als er selbst

Wladimir Klitschko tritt gegen Tyson Fury an. Es ist erst das zweite Mal, dass der Ukrainer auf einen Herausforderer trifft, der größer und schwerer ist als er selbst

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

Hamburg/Kitzbühel.  Auch in den Bergen Tirols ist vom Winter noch keine Spur zu sehen. „Wir haben überhaupt keinen Schnee, das ist sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit“, sagt Wladimir Klitschko, der in dieser Frage durchaus als Experte gelten darf.

Seit zehn Jahren bereitet sich der Box-Weltmeister im Schwergewicht in Österreich auf Kämpfe vor. Diesmal war das Trainingslager zweigeteilt; ein Sehnenriss in der linken Wade zwang den 39 Jahre alten Ukrainer Ende September zur Verschiebung des für 24. Oktober geplanten Duells mit dem Briten Tyson Fury, 27. Der Kampf findet nun am 28. November in Düsseldorf statt, und Klitschko, der nach vier Wochen Pause das Training wieder aufnehmen konnte, brennt auf den ersten Gong.

Berliner Morgenpost: Herr Klitschko, wie schafft es ein 110-Kilo-Koloss, eine solch gravierende Verletzung in so kurzer Zeit so gut auszukurieren, dass wieder eine Vollbelastung möglich ist?

Wladimir Klitschko: Dass ich gutes Heilfleisch habe, ist ja bekannt, schließlich habe ich in der Vergangenheit schon einige Verletzungen gehabt und diese bestens weggesteckt. Die Behandlung von Doktor Müller-Wohlfahrt hat die Heilung ebenfalls beschleunigt. Ich wollte unbedingt noch dieses Jahr kämpfen und bin glücklich, dass sowohl die Arena als auch die TV-Partner RTL in Deutschland und Sky in England das ermöglichen.

Es war seit Ende 2010 bereits die vierte Verletzung Ihrerseits, die eine Kampfverschiebung nötig machte. Macht Sie das nachdenklich?

Ich habe mir tatsächlich Gedanken gemacht, ob es mit dem Alter zu tun haben könnte. Doch das ist Unsinn, ich hatte solche Verletzungen auch schon, als ich jünger war. Verletzungsrisiko gehört zum Leistungssport dazu, und ich bin froh, dass mir das bislang noch nicht im Wettkampf passiert ist. Wenn man versucht, körperliche Leistungsgrenzen immer weiter zu verschieben, ist die Gefahr von Verletzungen nun einfach mal da.

Kurz vor der Verletzung hatten Sie noch gesagt, dass Sie Ihr Trainingspensum von den üblichen 120 Sparringsrunden auf bis zu 200 steigern wollen. Haben Sie das nur gesagt, um Tyson Fury zu verunsichern, oder ist das wirklich Ihr Plan?

Wie viele Runden Sparring ich gemacht habe, kann ich erst nach Abschluss des Trainingslagers sagen. Es ist durchaus mein Plan, die Quantität zu erhöhen. Dadurch, dass ich schon seit neuneinhalb Jahren Weltmeister bin, hat die Konkurrenz ausreichend Möglichkeiten gehabt, mich zu studieren. Deshalb muss ich etwas ändern, um weiterzukommen.

Körperliche Fitness war nun wirklich noch nie Ihre Schwäche. Ist es in Ihrem Alter nicht gefährlich, das Training so radikal zu steigern? Oder lassen Sie dafür andere Inhalte weg?

Natürlich kann man so etwas nicht von Null auf Hundert machen, eine solche Steigerung zieht sich über Jahre, und ich übertrage alle meine Erfahrungen aus dieser Zeit in die aktuelle Vorbereitung. Jeder muss für sich herausfinden, was ihm guttut. Die Rekordgrenzen werden aber in allen Sportarten nach oben verschoben, deshalb versuche auch ich, der Vollkommenheit ein weiteres Stück näher zu kommen.

Ist das reine Eigenmotivation oder dem Gegner geschuldet, den Sie als große Herausforderung bezeichnen?

Das ist völlig unabhängig vom Gegner, da ich mich niemals auf Stärken und Schwächen meines Gegners konzentriere, sondern auf mich. Dennoch ist mir bewusst, dass Tyson Fury eine besondere Herausforderung darstellen wird. Er ist nach Mariusz Wach erst mein zweiter Gegner, der größer und schwerer ist als ich. Dazu kann er in beiden Auslagen boxen, hat sich in seinen letzten Kämpfen stark verbessert, ist viel jünger und sehr hungrig.

Fury war vor einigen Jahren auch mal in Ihrem Camp, hat unter Ihrem inzwischen verstorbenen Coach Emanuel Steward trainiert. Nun erzählte er, Steward habe Sie nicht mit ihm Sparring machen lassen, weil er befürchtete, Sie würden Prügel kassieren.

Fury erzählt sehr viel Unsinn. Fakt ist, dass wir nicht gesparrt haben, weil ich mich auf einen kleinen Gegner vorbereiten musste und er viel zu groß und tapsig war. Im Übrigen war er im Camp wie eine Katze am Bein, ganz zahm.

Das hat sich geändert, er nutzt jede Gelegenheit, um Sie öffentlich zu beschimpfen. Dabei kommt es durchaus auch zu wirren oder gar unerträglich dummen Aussagen. Ist das noch Show, oder ist er tatsächlich etwas irre?

Es kann witzig und unterhaltsam sein, was er tut, aber es gibt auch eine Grenze, und die hat er mehrfach überschritten, zuletzt mit seinen Äußerungen über Homosexuelle. Ich halte ihn tatsächlich für geisteskrank. Er ist unberechenbar, kann seine Emotionen nicht kontrollieren.

Das dürfte Ihnen, der die Psyche seiner Gegner gern ausführlich studiert, doch in die Karten spielen.

Im Ring sehe ich nur den Sportler, ich studiere jedoch auch immer den Charakter, um zu sehen, was in meinem Gegner steckt. Und bei Fury bin ich mir sicher, dass ich mit allem rechnen muss. Zum Beispiel auch damit, dass er wirklich den Ringrichter verprügelt, wie er es ja angekündigt hat, falls er sich ungerecht behandelt fühlt. Im Boxen gibt es dieses Phänomen öfter, das man auch bei Diktatoren feststellt: Sie verlieren völlig den Bezug zur Realität und fühlen sich unbesiegbar wie Superman. Fury glaubt wirklich, dass er besser als Muhammad Ali sei. Er braucht therapeutische Hilfe, und die werde ich ihm geben.

Das haben Sie bei seinem Landsmann David Haye, der Sie auch dauerhaft beleidigte und dann im Kampf den Schwanz einzog, auch gesagt.

Und ich bin stolz, dass es bei David Haye funktioniert hat. Die Niederlage gegen mich hat ihm geholfen, ein besserer Mensch zu werden. Ich hoffe, dass das bei Tyson Fury auch funktionieren wird.

Zu einem anderen Menschen werden viele nach der Geburt des ersten eigenen Kindes. Ihre Tochter ist nun fast ein Jahr alt. Wie empfinden Sie die langen Phasen der Trennung?

Ich kenne es nicht anders, denn ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der der Vater durch seinen Beruf im Militär oft weg war und wir ihm hinterherreisen mussten. Dennoch spüre ich natürlich auch eine Sehnsucht nach meiner Tochter und meiner Partnerin. Es liegt an jedem selbst, damit umzugehen. Die Distanz schafft auch Nähe. Letztlich geht es um ein paar Wochen, die ich weg bin, danach jedoch auch um ein paar Monate, die ich uneingeschränkt Zeit habe. Wir haben das in unser Leben integriert, und für mich ist alles im grünen Bereich.

In den einschlägigen Promi-Magazinen war zuletzt zu lesen, dass Ihre Partnerin Hayden Panettiere mit schwerem Baby-Blues und Depressionen zu kämpfen hat. War die Verletzungspause unter diesem Aspekt gut, weil Sie Zeit hatten, sich zwischendurch um die Familie zu kümmern?

Das war auf jeden Fall ein positiver Nebeneffekt, ja. Aber andererseits wäre ich ohne die Verletzung jetzt schon wieder seit fast drei Wochen zu Hause. Insofern gibt es immer Gutes und Schlechtes, man muss es nehmen, wie es kommt, und das Beste daraus machen.

Das versuchen in diesen Wochen auch die Hamburger, die am Tag nach Ihrem Kampf darüber abstimmen, ob die Stadt die Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2024 weiter verfolgen soll. Was denken Sie als Olympiasieger von 1996 und Wahl-Hamburger über dieses Thema?

Ich verfolge intensiv, was passiert, habe vor ein paar Tagen die menschlichen Ringe im Stadtpark im Internet gesehen. Ich drücke die Daumen, dass die Bevölkerung mit Ja stimmt, denn ich bin überzeugt davon, dass Olympia die Stadt in vielen Bereichen nach vorn bringen wird. Infrastruktur, Wirtschaft, Tourismus und der Breiten- und Leistungssport profitieren davon, und Hamburg würde endlich als Weltstadt wahrgenommen. Ich verstehe, dass manche Menschen sich Sorgen machen, aber ich sehe kein Argument, das gegen Olympia spricht.

Eins, das oft genannt wird, ist die Flüchtlingskrise. Sie haben selbst mehrfach erfahren, wie es ist, sich in einem fremden Land integrieren zu müssen. Schließen die Hilfe für die Flüchtlinge und das Werben um Olympia einander aus?

Ich habe mitbekommen, dass diese Frage die Stimmung in der Stadt beeinflusst. Aber ich finde, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Je erfolgreicher eine Stadt ist, desto mehr spiegelt das positiv auf alle Bürger ab. Und wenn die Flüchtlinge 2024 Bürger der Stadt sind, werden auch sie von Olympia profitieren. Es ist eine Win-win-Situation.

Sie hatten sich schon bei der letzten Bewerbung Hamburgs engagiert, scheinen auch jetzt wieder Feuer und Flamme zu sein. Stehen Sie als Olympiabotschafter bereit?

Hamburg ist meine Wahlheimat, deshalb ist es mir wichtig, wie sich die Stadt entwickelt. Wenn ich von offizieller Seite gebeten würde, könnte ich mir das gut vorstellen, aber erst muss am 29. November der erste Schritt von den Hamburgern gemacht werden.