Fußball

Plötzlich Profi in Schottland: Die Geschichte des Luis Zwick

2014 spielt Luis Zwick mit Hertha Zehlendorf in der Berlin-Liga. Nur ein Jahr später ist er Nummer eins bei Dundee United. Ein Märchen.

Luis Zwick, 21, hat sich innerhalb eines Jahres vom Berlin-Liga-Torwart zum Stammkeeper des schottischen Erstligisten Dundee United entwickelt

Luis Zwick, 21, hat sich innerhalb eines Jahres vom Berlin-Liga-Torwart zum Stammkeeper des schottischen Erstligisten Dundee United entwickelt

Foto: REUTERS / Graham Stuart / REUTERS

Berlin.  „Manchmal“, sagt Luis Zwick, „manchmal frage ich mich wirklich, ob das alles real ist.“ So richtig glauben kann der 21 Jahre alte Berliner noch immer nicht, was mit ihm passiert ist. Zwick erlebt ein Fußballmärchen, das in Zeiten rundumversorgender Nachwuchsakademien und flächendeckender Scoutingnetzwerke eigentlich nicht mehr vorgesehen ist.

Vor gut einem Jahr hielt der Torwart noch den Kasten von Hertha 03 Zehlendorf in der Berlin-Liga sauber – jetzt spielt er in der ersten schottischen Liga vor bis zu 50.000 Zuschauern. Dazwischen: Ein kurioser Weg und etliche Rückschläge. Doch der Reihe nach.

Zwicks ungewöhnliche Geschichte beginnt vor den Toren Berlins. Er wächst auf in Kleinmachnow und landet über den Teltower FV bei Hertha Zehlendorf. Zwick steigt auf bis zum Stammtorwart der U19 und wird bald darauf ins Männerteam berufen. Ein großer Aufstieg im kleinen Berliner Fußball.

Hertha BSC und der 1. FC Union geben ihm keine Chance

Zwick aber will mehr. „Luis war immer ein bisschen engagierter als andere“, sagt Timo Steinert, der Teammanager der Zehlendorfer. Das Talent arbeitet mit einem Athletiktrainer und lässt sich Ernährungspläne schreiben, versucht nach dem Abitur einen Fuß in die Türen der Profiklubs zu bekommen. Hertha BSC und der 1. FC Union gewähren ihm jedoch nicht mal ein Probetraining; beim Regionalligisten Optik Rathenow könnte er lediglich als Ersatzmann anheuern. Enttäuschung.

Vater Carlos, der größte Förderer seines Sohnes, will dem Glück auf die Sprünge helfen. Er dreht ein Bewerbungsvideo und verschickt es an alle Vereine in der Bundesliga und der Zweiten Liga. 36 Mal Hoffen, doch in den meisten Fällen kommt nicht mal eine Absage zurück. Weil ein Freund der Familie das Video aber auch in Großbritannien verbreitet, landet es bei Dundee United. Die Schotten beißen an – Zwick fliegt auf die Insel und überzeugt. Einziges Problem: United ist knapp bei Kasse. Zwick soll für die U20 spielen und kostenfrei im Vereinsinternat leben. Gehalt? Fehlanzeige.

„Ich wusste: Wenn ich den Sprung in den Profibereich schaffen will, muss ich nehmen, was kommt“, sagt Zwick. Seine Familie sichert ihm finanzielle Unterstützung zu. Ein Jahr lang soll er sich voll auf den Fußball konzentrieren. Zwei Chancen auf einmal. Die erste und die letzte.

Zwick überwindet Heimweh, Zweifel und Druck

Mit 20 wagt Zwick den Sprung in ein neues Leben. Dundee empfängt ihn mit dem Charme einer typischen schottischen Arbeiterstadt, knapp 150.000 Menschen leben hier. In der Internatsvilla bezieht er ein schmuckloses Doppelzimmer, an das Essen muss er sich genauso gewöhnen wie an den Akzent, der weiter von Schulenglisch entfernt ist als Zwick vom Profikader. Selbst in der U20 ist er anfangs nur Reservist. Heimweh, Zweifel, Druck – ein Jahr ist schließlich schnell rum.

Luis nennt ihn fast niemand, stattdessen „Big Fucking German“ oder „Fucking Neuer“. Spitznamen in Anlehnung an die Weltmeister Per Mertesacker und Manuel Neuer, Zwicks Vorbild. Streicheleinheiten auf Schottisch.

Ob er überlegt hat, hinzuschmeißen? „Da wäre ich von mir selbst zu sehr enttäuscht gewesen“, sagt der 1,92-Meter-Schlacks. Also beißt er sich durch. Das registrieren auch seine Coaches. „Er ist ein moderner Keeper, der fantastisch Fußball spielen kann“, sagt Dundees Torwarttrainer Craig Hinchliffe, „und er hat bewiesen, dass er die mentale Stärke besitzt, um sich durchzusetzen.“

Das Derby überstrahlt alles in Dundee

Als United sich im Sommer von seinem Stammtorwart trennt, wittert Zwick seine Chance. Das Trainingslager läuft perfekt, und als er auch noch in den Tests gegen Alkmaar, Watford und die Queens Park Rangers überzeugt, geht sein Traum in Erfüllung. Er ist die Nummer eins, auch wenn die Zahl auf seinem Trikot (51) ihn noch immer als Reservisten ausweist.

Dass Dundee schwach in die Saison startet, ist zwar schlecht für den Klub und Trainer Jackie McNamara, der Ende September gefeuert wird. Zwick aber kann sich häufig auszeichnen. Plötzlich steht der Deutsche im Mittelpunkt.

Er selbst kostet jeden Moment aus. Die Atmosphäre in den Stadien, die Gesänge der stimmgewaltigen Schotten, die großen Spiele gegen Celtic Glasgow oder Aberdeen und natürlich das Derby gegen den Stadtrivalen Dundee FC. „Die Menschen hier sind fußballverrückt“, sagt Zwick, „und das Derby ist wichtiger als alles andere.“

Der Traum von den großen Ligen lebt weiter

Luis Zwick ist angekommen in Dundee. Er lebt inzwischen in einer WG im Zentrum, hat Freunde gefunden. Sein Vertrag läuft bis 2017. Zwick will sich etablieren, noch robuster werden. Das Niveau in Schottland vergleicht er mit dem der zweiten Bundesliga. Ein gutes Level, um sich weiterzuentwickeln.

Was danach kommt? Offen. „Dass ich in einem Jahr vom fünften zum ersten Torwart geworden bin, zeigt doch, dass alles möglich ist, wenn man daran glaubt“, sagt Zwick und lächelt. Vielleicht wird er irgendwann ja doch noch interessant für seinen Herzensverein. Der heißt Hertha BSC.