Levan Kobiashvili

„Deutschland ist Georgiens großes Vorbild“

Georgiens neuer Verbandschef und Ex-Herthaner Levan Kobiashvili spricht im Interview über harte Aufbauarbeit und das Spiel gegen den Weltmeister.

Mit 18 zu 15 Stimmen wurde Levan Kobiashvili (M.) vor seinem Konkurrenten Revaz Arveladze vor einer Woche zum Verbandspräsidenten Georgiens gewählt

Mit 18 zu 15 Stimmen wurde Levan Kobiashvili (M.) vor seinem Konkurrenten Revaz Arveladze vor einer Woche zum Verbandspräsidenten Georgiens gewählt

Foto: dpa Picture-Alliance / LASHA KUPRASHVILI / picture alliance / landov

Es sind intensive Tage für Levan Kobiashvili, 38. Vor einer Woche gewann der ehemalige Profi von Hertha BSC (105 Ligaspiele) die Wahl zum Präsidenten des georgischen Fußballverbandes. Am Donnerstag sah er, wie seine Nationalelf 4:0 gegen Gibraltar siegte. Und nun, an diesem Sonntag (20.45 Uhr, RTL), wird der georgische Rekordnationalspieler (100 Länderspiele) im Leipziger Zentralstadion die Partie Georgiens gegen den Weltmeister Deutschland zum Abschluss der EM-Qualifikation verfolgen. Zwischendrin fand Kobiashvili Zeit für ein Gespräch über Aufbauarbeiten im georgischen Fußball und deutsche Einflüsse.

Berliner Morgenpost: Herr Kobiashvili, wie schläft man so, wenn man Präsident des georgischen Fußballverbandes ist?

Levan Kobiashvili: Weniger schläft man (lacht). Nein. Es ist eine große Verantwortung, die ich trage. Und es ist auch eine große Ehre für mich. Die Leute in Georgien stehen hinter mir. Sie wollten, dass ich jetzt den georgischen Fußball in die Hand nehme.

Ist das der Grund, warum sie Verbandspräsident werden wollten?

Nein. Schon nach meiner aktiven Karriere habe ich immer gesagt, dass ich irgendwann nach Georgien zurückgehen werden. Ich liebe mein Land. Und ich will helfen, dass der georgische Fußball vorwärts kommt. Es gibt seit vielen, vielen Jahren so riesige Probleme bei uns. Für mich aber ist das Schlimmste, dass die Leute den Glauben verloren haben, dass es besser wird. Das will ich ändern.

Georgien steht in der Fifa-Weltrangliste nur auf Platz 110 und verpasst wieder die EM. Was ist das größte Problem?

Wir müssen bei Null anfangen. Infrastrukturell haben wir Probleme. Es gibt zu wenige Stadien. Bei der Nachwuchsförderung haben wir einen riesigen Nachholbedarf. Unsere guten Spieler gehen alle ins Ausland. Zudem wurde die heimische Liga kürzlich von zwölf Teams auf 16 aufgestockt, was ich bis heute nicht verstanden habe. Und sie ist zu schwach: Als die Europapokal-Saison angefangen hat, sind alle vier von unseren Teams sofort rausgeflogen. Und wir haben nicht gegen Bayern München gespielt. Finanziell haben die Klubs sowieso Probleme. Deshalb sage ich: Wir sind nicht gut aufgestellt. Es läuft nicht professionell genug in Georgien. Alles wackelt. Nichts ist gefestigt. Das will ich ändern. Wir brauchen jetzt erst einmal ein gutes Fundament. Da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Sie haben 16 Jahre lang in Deutschland gespielt (Freiburg, Schalke, Hertha). Ihr Nationaltrainer, Kachaber Zschadadse spielte in Frankfurt. Inwiefern gibt es deutsche Einflüsse bei der Aufbauarbeit?

Deutschland ist unser großes Vorbild. Ich habe in Deutschland selbst miterlebt, wie neue Strukturen geschaffen wurden. Der DFB ist damit zurecht in Brasilien Weltmeister geworden. Sie haben Schritt für Schritt Verbesserungen geschaffen. Ob das die Nachwuchsleistungszentren waren, oder die Infrastruktur der Stadien. Davon werde ich vieles in meine Arbeit in Georgien mitnehmen. Und ich bin überzeugt, dass es besser wird.

Nun spielt Georgien gegen den Weltmeister. Der braucht noch einen Punkt, um bei der EM sicher dabei zu sein. Ist das eine Chance für Ihr Land, sich zu zeigen?

Für uns ist das ein Traum. Was will man mehr, als gegen den Weltmeister in einem ausverkauften Stadion zu spielen? Wir haben nichts zu verlieren. Mal gucken, wie sich die Jungs präsentieren werden.

Können Sie sich an das allererste Spiel gegen Deutschland nach der Unabhängigkeit Georgiens 1995 in Tiflis erinnern?

Ich war damals als Jugendlicher im Stadion. Es waren 110.000 Menschen da. Nie wieder haben ich so viele Leute bei einem Fußballspiel gesehen. Leider haben wir 0:2 verloren, weil Jürgen Klinsmann zweimal getroffen hat.

Georgien hat sich seither noch nie für ein großes Turnier qualifizieren können. Sie wurden für vier Jahre gewählt. Wo soll ihr Nationalteam dann stehen?

Als Spieler habe ich das, was ich mir am meisten gewünscht habe, nie erreicht: Ich wollte unbedingt mit meinem Land an einem großen Turnier teilnehmen. Das habe ich leider nicht geschafft. Ich hoffe, dass ich es jetzt als Funktionär schaffe. Das ist mein Ziel.

Sie waren vor nicht einmal anderthalb Jahren selbst noch Spieler. Nun sind Sie Funktionär. Wie gelingt Ihnen dieser Rollenwechsel?

Ich wollte immer in diese Rolle nach meiner Karriere. Ich habe in Deutschland Sportmanagement studiert. Bei Hertha habe ich in der Jugendakademie in der Nachwuchsförderung Erfahrung gesammelt. Die Leute glauben vielleicht, dass ich noch zu jung für diesen Posten bin. Aber ich denke das Gegenteil: Ich bin zwar jung, aber erfahren in dieser Branche. Und das kann uns bei der Aufbauarbeit nur helfen.

Man hat sie als Spieler meistens als sehr ausgeglichen wahrgenommen. Als Präsident aber muss man auch ein Machtmensch sein. Wie kriegen Sie das hin?

Ich bin eigentlich jemand, der nicht auf Konfrontation geht. Aber ich weiß, es werden harte Entscheidungen anstehen. Und wenn es hart wird, bin ich auch hart. Denn es geht nicht um mich, sondern um den georgischen Fußball.

Ihre Familie hat lange in Berlin gelebt. Zieht sie nun mit nach Tiflis?

Bis Januar bleibt alles, wie es ist. Dann werden meine Frau und meine Tochter zu mir nach Tiflis ziehen. Mein Sohn bleibt in Berlin, um seine Schule zu beenden. Wir gehen aber nicht ganz weg aus Berlin. Wir behalten unser Haus und kommen so oft wie möglich.

Bei all dem Stress des Wahlkampfes zuletzt, haben Sie trotzdem Zeit gehabt, Herthas Entwicklung zu verfolgen?

Leider konnte ich mir das letzte Spiel gegen den HSV nicht anschauen. Normalerweise habe ich auch in Georgien immer alle Hertha-Spiele verfolgt. Aber ich freue mich riesig für Hertha. Pal Dardai macht einen klasse Job. Ich wünsche mir, dass ich in den nächsten Monaten Zeit finde, zumindest ein Heimspiel zu besuchen. Denn bei all dem Neuen, das gerade auf mich zukommt, vermisse ich das schon.