Spitzensport

Vom Kampf gegen das Monster

Top-Athleten haben es schwer in Deutschland, Sport-Karriere und Beruf zu verbinden. Aber einigen gelingt es auf beeindruckende Weise.

Ganz schön erfolgreich: Sophia Saller studiert in Oxford Mathematik und ist U23-Weltmeisterin im Triathlon

Ganz schön erfolgreich: Sophia Saller studiert in Oxford Mathematik und ist U23-Weltmeisterin im Triathlon

Foto: imago/Apress

Berlin.  Sophia Saller ist die Fröhlichkeit in Person. Jedenfalls macht die junge Triathletin keinen gestressten Eindruck, wie man es bei ihrem Tagesablauf vermuten könnte. Aber der steht heute nicht im Vordergrund, an diesem Abend hat sie allen Grund zu strahlen. Für ihre Leistungen in Sport und Studium wird sie von der Deutschen Sporthilfe und der Deutschen Bank als „Sport-Stipendiatin des Jahres“ ausgezeichnet. 80 Leistungssportler hatten sich beworben, fünf waren in die engere Auswahl gekommen. Nun wird die 21-Jährige als Siegerin geehrt und ihre monatliche Unterstützung durch das Finanzunternehmen für eineinhalb Jahre von 400 auf 800 Euro erhöht. Zum dritten Mal wird dieser Preis vergeben. Der Berliner Martin Häner, der ihn 2013 gewann, weil er es schaffte, Hockey-Olympiasieg und Medizinstudium unter einen Hut zu bringen, sagt: „400 Euro sind für uns sehr viel Geld.“

Der Staat gibt jährlich 153 Millionen Euro

Willkommen in der Realität des deutschen olympischen Sports. In knapp einem Jahr werden in Rio de Janeiro Medaillen vergeben. Deutschland ist keine Top-Nation mehr. Dann werden die zuständigen Politiker beim Blick auf den Medaillenspiegel vermutlich wieder die Stirn in Falten legen und mit Kürzungen drohen. 153 Millionen Euro gibt der Staat bis 2019 jährlich für Spitzensportförderung aus.

Da ist es interessant zu erfahren, was eigentlich deutsche Sportler für Einnahmen haben, wenn sie nicht gerade Fußball spielen oder in der Formel 1 unterwegs sind. Sondern ringen, schwimmen, Leichtathletik betreiben. Was etwa eine vielversprechende Athletin wie Sophia Saller leisten muss, um pro Monat (jetzt) 800 Euro Zuschuss von einem Unternehmen zu erhalten, das sich freiwillig für den „kleinen“ Sport engagiert. Plus 200 Euro monatlich als B-Kadermitglied und 4000 Euro im Jahr von der Deutschen Sporthilfe für Ausgaben, die durch sportliche Maßnahmen entstehen.

Bachelor mit Note eins bestanden, Master mit Auszeichnung

Die gebürtige Münchnerin begann vor fünf Jahren mit ihrem Sport. 2014 wurde sie U23-Weltmeisterin und gewann gleich bei ihrem ersten Triathlon über die olympische Distanz EM-Silber bei den Frauen. Weil sie vom Ausdauer-Dreikampf nicht leben kann und schließlich niemand weiß, ob er gesund bleibt, entschied sie sich früh für die duale Karriere: Ausbildung neben dem Sport. Mit 17 begann sie in Oxford, an der berühmtesten Universität der Welt, Mathematik zu studieren. Vier Jahre später hat sie ihren Bachelor mit der Note eins bestanden und auch das anschließende Masterstudium mit Auszeichnung. Ab Oktober will sie promovieren. Ihre Tage beginnen morgens um sieben Uhr mit Schwimmtraining und enden mit mathematischen Formeln am späten Abend.

Natürlich wird sie ständig gefragt, warum sie sich das alles antut, wie sie das schafft. Es soll ja junge Fußball-Millionäre geben, die es neben einem zweistündigen Training pro Tag nicht mal hinkriegen, den Führerschein zu machen. Entwaffnende Antwort: „Weil es mir Spaß macht! Und ich will zeigen, dass es möglich ist, Studium und Sport erfolgreich zu verbinden.“ Unbeirrbar sagt sie: „Das alles ist es mir wert.“ Die Sporthilfe hat errechnet, dass Athleten wie Saller fast 60 Stunden in der Woche an ihrer Doppel-Karriere arbeiten. Aber ist es überhaupt vernünftig, sich so zu belasten?

Hochleistungssport in Deutschland ist ein Wagnis

Falsche Frage: Menschen, auch Sportler, sind verschieden. Für den Leichtathleten Silvio Schirrmeister jedenfalls war es nicht der richtige Weg. Der 400-Meter-Hürdenläufer, 2012 Olympia-Teilnehmer in London, war parallel in einer Bank tätig, fühlte sich dadurch ausgebrannt und beendete jetzt seine sportliche Karriere. Zweimal 100 Prozent zu geben, sei ihm zu viel, beschrieb er sein Dilemma auf seiner Internetseite und nannte das duale System ein „Monster“.

Michael Ilgner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe, sieht das Problem. Bei der Ehrung Sophia Sallers betonte er: „Sportler sind keine Medaillenmaschinen, das sind Menschen.“ Es müsse noch viel mehr für sie getan werden. Und: „Hochleistungssport in Deutschland ist ein Wagnis, auf das man sich einlassen wollen muss.“ Denjenigen will die Sporthilfe die Möglichkeit dazu geben. Verblüffend genug ist, wie viele Athleten das Wagnis auf sich nehmen. Von der Sporthilfe werden aktuell rund 4000 Sportler unterstützt; ein Stipendium von der Deutschen Bank erhalten derzeit rund 400.

Ringerin Aline Focken geht neben Studium und Sport noch arbeiten

Mit erstaunlichen Geschichten dahinter. Wie von der Weltmeisterin im Ringen, Aline Focken, die neben dem Spitzensport studiert und als Therapeutin arbeitet. Oder von der Ski-Freestylerin Laura Gersemann, die Tennis-Trainerstunden gibt, um sich den zweiten Olympia-Traum zu erfüllen. Oder vom Fechter Maximilian Hartung. Der 25-Jährige studiert in Friedrichshafen, trainiert aber fast 600 Kilometer entfernt in Dormagen in der Nähe von Düsseldorf. Trotzdem wurde der Säbel-Spezialist 2014 Team-Weltmeister und in diesem Jahr WM-Dritter im Einzel.

Dabei hatte er vorher eine Absicherung gehabt, die viele sich wünschen, eine Stelle als Sportsoldat. Doch nur Fechten – da „fiel mir die Decke auf den Kopf“. Als er nach Platz sieben bei den Olympischen Spielen in London seinem langjährigen Trainer seinen Entschluss mitteilte, sprach der ein halbes Jahr kaum ein Wort mit ihm. Das hat sich mit den Erfolgen geändert. Und Hartung wurde zum Verfechter der dualen Karriere. „Für mich ist es wichtig, ein Angebot zu haben, das attraktiv genug ist zu sagen: Ich gehe das Risiko Leistungssport ein.“

In Südkorea fahren die besten Fechter im Maserati vor

Gleichzeitig kämpft er als Athletensprecher für Verbesserungen für seine Kollegen. Was ihn mehr stört als die große Belastung, ist etwas ganz anderes. Ihn nervt das Vokabular, wenn es um Sportförderung geht. „Das hat immer so etwas vom Auffangen einer sozialen Problemgruppe“, ärgert er sich, „es kommt nie rüber wie eine Belohnung, dass vielleicht gesagt würde: Einem erfolgreichen Sportler soll es auch gut gehen.“ In der deutschen Realität fühle man sich wie ein Bittsteller.

„Es geht nicht darum, dass wir alle Millionäre sein wollen. Ich würde mir mehr Anerkennung wünschen“, sagt er, „als Spitzensportler sollen wir doch auch Vorbilder sein. Wie können wir das, wenn wir mit 30 noch in einer WG leben und einen Golf fahren, von dem der Lack abblättert?“

Nun könnte man antworten: Hätte er Fußballer werden sollen. Da winkt der Weltmeister ab: „Wenn wir beim Weltcup in Korea sind, fahren die Koreaner im Maserati vor.“ Dort sind Top-Sportler Helden. Hartung fragt sich: „Warum will das reiche Deutschland den Sport eigentlich nicht auf andere Beine stellen?“ Da können sogar Sportler wie er schon mal ihre Fröhlichkeit verlieren.