An ihren ersten großen Sieg kann sich Gesa Felicitas Krause noch gut erinnern. 2008, im Alter von 15 Jahren, gewann sie bei den deutschen Jugend-Meisterschaften über 1500 Meter Hindernis. Im Berliner Olympiastadion. Und dort, wo ihre Karriere den ersten Höhepunkt hatte, wird die 23-Jähre nun am Sonntag beim Internationalen Stadionfest der Leichtathleten (Istaf) gefeiert werden. Zehn Tage nachdem sie bei der Weltmeisterschaft in Peking sensationell die Bronzemedaille über 3000 Meter Hindernis gewonnen hat.

„Ich freue mich sehr auf das Rennen beim Istaf“, sagt sie, auch wenn sie müde wirkt. Kein Wunder, die Saison war lang, die waren Strapazen groß. „Zum groß Feiern bin ich gar nicht so richtig gekommen“, sagt sie.

Es kommt ihr sicherlich entgegen, dass die Veranstalter eigens für sie die selten gelaufene Strecke von 2000 Meter Hindernis ins Programm genommen haben. Ein Ziel hat sie sich dennoch gesetzt: „Ich will den inoffiziellen deutschen Rekord über diese Strecke unterbieten.“ Den hält Krause selbst seit dem 17. Mai 2015, als sie im schwäbischen Pliezhausen 6:15,52 Minuten lief.

So richtig scheint sie erst zu realisieren, was sie mit ihrem Lauf zu Bronze bewegt hat. „Es ist super, dass viele sagen, dass ich ihnen Gänsehautmomente beschert habe.“ Wenn die zierliche Frau (1,67 Meter groß, 50 Kilogramm schwer) davon erzählt, strahlen ihre Augen. Ebenso, als über einen großen Bildschirm bei der offiziellen Istaf-Pressekonferenz noch einmal die letzten 20 Sekunden ihres Laufes mit dem euphorischen Kommentar von ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann flimmern.

Mit 16 Jahren zog sie ins Sportinternat nach Frankfurt

Es war die erste deutsche Einzel-Laufmedaille bei einer WM seit 2001, als 400-Meter-Läufer Ingo Schultz in Edmonton Silber gewann. Ob sie mit ihrem Coup für einen Sog sorgen kann? „Mal sehen, schön wäre es schon, wenn das andere motivieren könnte.“

Alle Mühen „haben sich für mich gelohnt“, erklärt die Läuferin von der LG Frankfurt. Zielgerichtet hat sie darauf hingearbeitet. Mit gerade mal 16 Jahren verließ sie die Heimat im hessischen Dillenburg und zog ins Sportinternat der Carl-von-Weinbergschule nach Frankfurt. Ihr Abitur bestand sie mit der Note 2,1.

Ein Ziel hatte sie schon als kleines Mädchen in ihrem Poesiealbum vermerkt: Ihr „größter Traum“ sei die Teilnahme an Olympischen Spielen. Ein Traum, der sich 2014 erfüllt hat, als sie in London Achte wurde.

In der Trainingsphase sind es in der Woche manchmal 180 Kilometer, die sie absolviert. Einen mitentscheidenden Schritt voran brachten sie Trainingsaufenthalte in den vergangenen Jahren in Kenia, dem Lauf-Mekka. „Anfangs habe ich gedacht, ich komme gar nicht vorwärts.“ Die Luft in 2400 Meter Höhe war nicht förderlich. Doch das besserte sich von Mal zu Mal.

In manchen Wochen läuft sie 180 Kilometer

Sie spricht vom „sehr einfachen Leben“, das man im Trainingszentrum in Ostafrika führe. Anfangs musste sich die Trainingsgruppe aus Deutschland die Hindernisse selbst zusammenzimmern. „Es ist hart, weil es dort weder ein Shopping-Center oder eine coole Einkaufsstraße und Cafés gibt. Doch das nehme ich gerne in Kauf, wenn so ein Resultat dabei rauskommt.“ Im kommenden November steht der nächste Trainingsaufenthalt in Kenia auf dem Programm.

Natürlich verfolgt auch sie die Doping-Diskussionen, die Enthüllungen, die speziell auch kenianische Athleten betreffen. „Ich weiß, das wirft ein schlechtes Licht auf Kenia. Ich hoffe eben, dass auch dort die Kontrollen vor­angetrieben werden. So wie bei uns in Deutschland.“

Sie hat für sich beschlossen: „Wenn man sich als Athlet zu sehr damit beschäftigt, ob andere dopen, ist es schwierig, überhaupt den Sport zu betreiben.“

Bei der EM 2012 in Helsinki belegte sie Rang vier, wurde aber drei Jahre später auf Rang drei herausgestuft, weil die Zweitplatzierte Swetlana Schmidt aus der Ukraine nachträglich wegen Dopings disqualifiziert wurde. „Ich wurde um meinen Moment auf dem Podest gebracht. Im Herzen werde ich mich wohl nie als richtige Medaillengewinnerin fühlen“, sagt sie. „Dennoch ist es ein kleiner Trost.“

Sport und Studium ließen sich nicht miteinander vereinbaren

Seit etwa acht Jahren wird sie von Wolfgang Heinig trainiert, dem Leitenden Bundestrainer Lauf. Ein Mann, der nicht unumstritten ist. Etwa 30 Läufer hatten sich 2014 in einem Brief an den Verband über Heinigs Führungsstil beklagt. Doch für Krause, die ihren Trainer respektvoll siezt, passt die Zusammenarbeit.

Gesa Felicitas Krause ist sich sicher: „Ich kann noch schneller laufen. Das steckt in mir, ich weiß es.“ Das nächste Ziel heißt Rio, die Olympischen Spiele im kommenden Jahr. „Das Training wird nicht leichter“, ist ihr jetzt schon klar. „Das wird qualvoll werden.“

Helfen wird ihr, dass sie sich wieder voll auf den Sport konzentrieren kann. Seit dem Jahr 2013 ist sie bei der Sportkompanie der Bundeswehr, inzwischen im Rang einer Hauptgefreiten. Der Versuch, zuvor eine duale Karriere aus Spitzensport und Studium (International Business) zu schaffen, ging daneben.

Sie fühlte sich ausgebrannt, musste erkennen, dass sie sich nicht mit derselben Intensität und Konzentration um zwei Bereiche gleichzeitig kümmern kann. „Damit bin ich nicht zurechtgekommen.“ Oft kam sie müde zum Training. Einige Male schickte sie Trainer Wolfgang Heinig wieder nach Hause.

Seit 2013 dient sie bei der Sportkompanie der Bundeswehr

Jetzt ist sie bei der Truppe und sagt: „Ich bekomme nun ein Gehalt. Es ist gut zu wissen, dass man seinen Sport so finanzieren kann, dass man ein optimales Ergebnis erzielen kann.“ Ihren Geist will sie aber dennoch fordern. Nebenbei, allerdings mit gebremstem Schaum, hat sie ein Fernstudium in Wirtschaftspsychologie aufgenommen.

Für Gesa Felicitas Krause hatte der Umstieg zur Bundeswehr allerdings auch noch einen schönen Nebenaspekt. Sie lernte dort ihren Freund Marc kennen. Er war in der Grundausbildung ihr Ausbildungsoffizier.