Es lief nicht bei Mario Götze. Obwohl er sich so gut vorbereitet hatte. Mit einer großen Wasserflasche war der Münchner nach dem 3:1 (2:1) der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen am späten Freitagabend durch die Frankfurter Arena marschiert, eskortiert von Männern in schwarzen Anzügen bis zur Toilette. Dopingkontrolle. Und weil Götze ewig nicht wieder hervortrat, lag die Frage natürlich nahe: War die Angelegenheit zäher als die 90 Minuten zuvor? Götze grinste: „Es hat fast länger gedauert.“
Man muss hier nicht weiter ins Detail gehen. Dennoch darf man wohl behaupten, dass die wichtige Partie gegen Polen um die Tabellenführung in Gruppe D der EM-Qualifikation für Mario Götze wesentlich flüssiger vonstatten gegangen war. Zwei der drei deutschen Treffer erzielte der Angreifer. Das machte ihn zum Gewinner des Abends. Und weil zuletzt beim 23-Jährigen nicht mehr so viel im Fluss war, präsentierte er sich nun ausgesprochen euphorisiert: „Es ist ein tolles Gefühl. Es kommt ja nicht so oft vor, dass ich zwei Tore schieße“, sagte er.
Die deutsche Nationalmannschaft war nach dem WM-Triumph durch eine ziemlich tiefe Talsohle gestapft. Bis zum Freitag hatte sie in zehn Spielen nach dem Finale von Rio de Janeiro nur fünf Siege errungen und sogar drei Niederlagen hinnehmen müssen. Nun – auch dank Götze – steht der Weltmeister wieder, wo er von seinem Selbstverständnis hingehört: an der Tabellenspitze der Gruppe.
Vier Siege in Folge für den Weltmeister
Ebenso wichtig aber ist die ansteigende Tendenz. Das Team von Bundestrainer Joachim Löw hat nun vier Spiele in Folge gewonnen und zeigte gegen die kampfstarken Polen erstmals seit Brasilien eine durchweg ansprechende Leistung. „Es war ein gutes Spiel von uns. Die Mannschaft hat umgesetzt, was wir wollten“, lobte Löw, der zuletzt oft mit dem emotionalen Abfall bei seiner Mannschaft nach dem WM-Erfolg gehadert hatte. Dass der nun überwunden zu sein scheint, erleichterte auch die Spieler. So sagte Torwart Manuel Neuer: „Wir können stolz auf uns sein, denn wir haben unser Spiel verbessert. Wir haben die WM nun hinter uns gelassen und gehen auf die EM zu. Es war ein Schritt nach vorn.“
An kaum einem Spieler ließ sich besser beobachten, wie schwer ein großer Erfolg wiegen kann und wie man sich von dieser Last befreit. Götze war das personifizierte Tief nach Brasilien. Der Finaltorschütze von Rio hatte die größte Fallhöhe. Und er fiel.
Beim FC Bayern war er in der Nach-WM-Saison nur Ergänzungsspieler und blieb es sogar in den wichtigen Champions-League-Partien, als die Konkurrenten Franck Ribéry und Arjen Robben verletzt fehlten. Münchens Trainer Pep Guardiola vertraute ihm nicht. Unzählige Artikel über den Niedergang des WM-Helden wurden geschrieben. Auch in dieser Zeitung. Götze-Dämmerung. Und so war im Sommer ein Wechsel gar nicht so ausgeschlossen, wie Götze das kürzlich behauptete.
Löw setzt großes Vertrauen in Götze
Im Gegensatz zu Guardiola hat Löw dem wendigen Offensivspieler Vertrauen entgegengebracht und ihm Nestwärme gewährt. „Mario ist für uns ein Spieler von enormem Wert“, hatte Löw vor dem Polen-Spiel gesagt. Und nun, nach der Götze-Gala, lobte er: „Mario hat sich wahnsinnig viel bewegt und Räume geschaffen. Das war gut für uns. Er hat ein sehr, sehr gutes Spiel gezeigt.“ Und das war nicht übertrieben.
Um sein unbestrittenes Talent zu entfalten, scheint Götze Zuspruch zu benötigen. Er ist ein sensibler Spieler und einer, der mit dem Geschäft fremdelt. Profifußball ist pure Rastlosigkeit, ein stetes Immer-Weiter – selbst wenn man gerade das Allergrößte erlebt hat. Gern hätte Götze nach seinem Finaltor ein wenig länger im Augenblick verweilt. „Es ist schade, dass immer alles so schnell läuft“, hatte Götze unter der Woche gesagt. „Man kann es nicht genießen. Und wer weiß, ob man das jemals wieder erleben darf.“
Wenn man ein Profi auf dem Niveau Götzes ist, dann empfindet man die Momente, von denen die Fans noch Jahre später schwärmen, wie unter einer Taucherglocke. Man ist dabei, aber heran an sich lässt man sie nicht, um zu funktionieren. Er habe sich in großen Spielen wie dem WM-Finale sagen müssen: „Mario, du bist hier. Nimm es wahr“, hat Götze einmal erzählt.
Zwei Argumente gegen die öffentliche Skepsis
Mit seinen zwei Toren gegen Polen hat er sich nun ins Hier und Jetzt geschossen. Es sind solche Auftritte, die Götze benötigt, um die manchmal unberechtigte Skepsis der Öffentlichkeit ihm gegenüber zu verscheuchen und für mehr Anerkennung zu werben.
Mit der Nationalelf verband Götze nach der WM eine Schicksalsgemeinschaft. Beide zeigten nicht mehr, was in ihnen steckt. Nun tun sie es endlich wieder. Löw hatte gefordert, dass sich sein Team weiterentwickeln müsse. Vor allem auf handlungsschnelle Spieler, die Lösungen auf engstem Raum finden, komme es in Zukunft an, so der 55-Jährige. Götze ist so ein Zukunftsspieler und könnte mit Thomas Müller (dem zweiten Torschützen gegen Polen) Löws leidige Sturmproblematik lösen.
Am Montag, in Glasgow gegen Schottland (20.45 Uhr, RTL), bietet sich schon die nächste Gelegenheit dafür.


