– Für den Schlusspunkt des Abends sorgte Deutschlands Lieblingstorschütze höchstpersönlich: Mario Götze schaute, ein schneller Schritt, ein Schuss, ein Tor – und das Frankfurter Fußballvolk jubelte: „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen.“ Am Ende gewann die deutsche Nationalmannschaft 3:1 (2:1) gegen Polen und durfte sich erstmals in der EM-Qualifikation über die Tabellenführung in der Gruppe D freuen. Mit 16 Punkten liegt das DFB-Team zwei Zähler vor Polen, vier vor Irland (4:0 gegen Gibraltar in Faro) und fünf vor Schottland (0:1 in Georgien), dem deutschen Gegner am Montag.
Ein ganz besonderes Leckerli für die 48.500 Zuschauer in der Frankfurter Arena hatte Bundestrainer Joachim Löw bereits vor dem Anpfiff parat. So durfte sich der in Frankfurt-Nordweststadt aufgewachsene Emre Can über sein Nationalmannschaftsdebüt in der Heimat freuen.
Ein wirkliches Heimspiel war es für Löws Neuling Nummer 76 zunächst allerdings nicht. 41 Jahre nach der Wasserschlacht von Frankfurt hatten sich mehr als 10.000 Polen erneut auf den Weg nach Hessen gemacht, um den bisherigen Tabellenführer der Gruppe D mit lautstarken „Polska! Polska!“-Rufen – und ein wenig Pyrotechnik – zu unterstützen. Doch wirklich beeindrucken lassen wollten sich die Deutschen von der Folklore nicht.
Ein Hinterkopfball hier (4./Thomas Müller), ein Schuss rechts (6./Karim Bellarabi) und ein Schuss links vorbei da (9./Bellarbai) – dann machte der Weltmeister Ernst. Die Stadionuhr auf dem großen Videowürfel hatte gerade die zwölfte Minute angezeigt, als auf dem Rasen genau das geboten wurde, was jeden Preis der Welt für eine Eintrittskarte gerechtfertigt hätte. So ließen Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Mesut Özil, Jonas Hector und Bellarabi den Ball hin und her zirkulieren, ehe schließlich Müller in typischer Müller-Manier den Ball über die Linie drückte. Ein Tor wie ein Gedicht!
Götzes erstes Tor im DFB-Team seit dem WM-Finale von Rio
Und der Weltmeister wollte sich nicht mit einer profanen 1:0-Führung zufrieden geben. So dauerte es gerade mal sieben weitere Minuten, ehe Götze erstmals an diesem Abend Löws Lobeshymnen des Vortags („Mario ist ein Spieler, der auf engsten Raum immer noch eine Lösung hat“) mit einem sehenswerten Solo rechtfertigte. Es war, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, Götzes erster Nationalmannschaftstreffer seit seinem Finaltor von Rio. 2:0 nach 19 Minuten – die angekündigte Revanche für die 0:2-Hinspielpleite nahm ihren Lauf. „Es hätte schlechter laufen können“, grinste Götze schelmisch: „Aber man hat gemerkt, dass wir unbedingt gewinnen und Platz eins in der Gruppe erobern wollten.“
Dass dieser Lauf aber noch in der ersten Halbzeit auf rüde Art und Weise von Polens Nationalmannschaft unterbrochen wurde, hätten zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die wenigsten Zuschauer im Stadion gedacht. Dabei dürfte es kaum überraschen, dass Robert Lewandowski, der Führende der EM-Qualifikations-Torjägerliste, beim eifrigen Wettschießen keinesfalls zurückstehen wollte. Kamil Grosickis Flanke wuchtete der Münchner per Kopf vorbei an seinem Vereinskollegen Manuel Neuer ins Tor (36.).
Es sollte nicht das letzte Duell Lewandowskis gegen Neuer an diesem Abend gewesen sein. Mit einem Weltklasse-Reflex lenkte der Torhüter zunächst in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit einen Lewandowski-Schuss über das Tor, ehe der erneut geschlagene Neuer bei der folgenden Ecke auf die Hilfe von Götzes Kopfballabwehr auf der Torlinie angewiesen war.
Pünktlich mit dem Wiederanpfiff durch Nicola Rizzoli ging das muntere und bisweilen unorthodoxe Spektakel mit Chancen auf beiden Seiten weiter. Zunächst war es der gerade erst eingewechselte Ilkay Gündogan, der gleich mehrfach für Applaus sorgte. Dann war es wieder einmal Götze, der den rechten Pfosten traf (57.). Doch auch Polen blieb mit schnellen Kontern gefährlich (60./Milik, 68./Grosicki).
In Frankfurt spielte Löws Mannschaft keinesfalls brilliant, aber doch gut genug, um nach 90 Minuten verdient den bisherigen Tabellenführer der Gruppe D gestürzt zu haben. „Wichtig waren die drei Punkte“, bilanzierte der Bundestrainer: „Die Chancen der Polen resultierten meist aus unseren Fehlern.“

