Als Bundestrainer ist man es gewöhnt, dass man bisweilen mit Störgeräuschen umgehen muss. Diesmal kamen sie von oben. Joachim Löw erklärte gerade, warum seine Mannschaft im so wichtigen EM-Qualifikationsspiel gegen Polen am Freitag (20.45 Uhr, RTL) gewinnen werde, da legte sich Flugzeuglärm über seine Stimme. Das kleine Zelt, in dem der DFB seine letzte Pressekonferenz vor der Partie abhielt, liegt neben der Frankfurter Arena – und die wiederum unweit der Einflugschneise von Deutschlands größtem Flughafen. Starten, Landen. Löw sprach einfach lauter, damit auch ja jeder ihn verstand.

Es waren keine ganz unwichtigen Sätze, die der 55-Jährige an den Mann bringen wollte. Und bei öffentlichen Auftritten Löws sind sie meistens in zwei Richtungen gemeint: Nach außen an die interessierte Öffentlichkeit. Und gleichermaßen nach innen an sein Team, den Weltmeister, der im Jahr eins nach Brasilien selten weltmeisterlich auftrat. „Das Jahr nach der WM war mühsam. Die Spieler standen nicht immer unter allerhöchster Spannung“, sagte Löw. Das sei nach dem Triumph von Rio zwar verständlich gewesen, habe aber auch dazu geführt, dass man zurück im Tagesgeschäft der EM-Qualifikation „in Verzug geraten“ sei.

Nach der Niederlage gegen Polen (0:2) im Hinspiel und dem Remis gegen Irland (1:1) liegt die deutsche Nationalmannschaft in Gruppe D nur auf Rang zwei. Das entspricht erstens nicht dem eigenen Selbstverständnis, und zweitens führt es dazu, dass Löws Team nun Nachholbedarf auf dem Weg zur EM hat. Vier Spieltage vor Ende der Gruppenphase braucht es zwei Siege – zunächst gegen Polen und am Montag auch gegen den Drittplatzierten Schottland –, um die Verhältnisse wieder zurechtzurücken und die Teilnahme am Turnier in Frankreich sicherzustellen. Die ersten beiden Teams qualifizieren sich direkt für die Endrunde. Als Dritter würde vielleicht das Play-off drohen.

Thomas Müller erwartet ein Duell auf Augenhöhe

Für Löw und seine Mannschaft besteht kein Zweifel daran, dass letzteres Szenario nicht eintreten wird. Schon in den Tagen vor dem Polen-Spiel vernahm man ungewöhnlich forsche Töne beim DFB. Teammanager Oliver Bierhoff verband seine Lobeshymne auf Polens Topstürmer Robert Lewandowski vom FC Bayern mit den Worten: „Ich freue mich auf ein trauriges und enttäuschtes Gesicht von ihm nach dem Spiel.“ Zudem sprachen zahlreiche Spieler wie Thomas Müller und Kapitän Bastian Schweinsteiger davon, dass sie nach der ärgerlichen Hinspielpleite auf Revanche gieren – ohne freilich den Respekt vor dem aktuellen und noch ungeschlagenen Tabellenführer zu vergessen. „Es ist ein Duell auf Augenhöhe. Da werden wir an die Grenzen gehen“, sagte Müller.

Für Löw, den Eindruck bekam man spätestens am Donnerstag, bedeutet diese Partie gegen die Polen eine dreifache Zäsur. Es läutet erstens das Ende der langen Findungsphase nach dem WM-Titel ein, zweitens den Anfang des Endspurts in der EM-Qualifikation sowie drittens den Auftakt für das übergeordnete Fernziel „Titelverteidigung bei der WM in Russland“.

Nach einem Jahr des mehr oder weniger großen Dahinplätscherns geht es für die DFB-Auswahl wieder wirklich um etwas. Die Spannung ist zurück, und Löw hat sie auch bei seinen Spielern wiederentdeckt. „Wir stehen vor den Wochen der Wahrheit, aber nicht mit dem Rücken zur Wand. Die Mannschaft macht nun einen besseren Eindruck. Die Spieler sind wieder frischer und motivierter“, sagte der Bundestrainer. Und war es nicht so, dass sein Team immer dann da gewesen ist, wenn es wirklich gebraucht wurde? Nun, gegen die wiedererstarkte polnische Mannschaft um den Starspieler Lewandowski, sei das Team gefragt. „Es ist ein gefährlicher Gegner. Das wird kein Selbstläufer“, sagte Löw.

Jene Begegnung gegen Polen ist für Löw auch ein schöner Testballon, ob sein Team schon für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet ist. Die Analyse der Polen habe ergeben, erzählte Löw, dass sie das Spiel gern dem Gegner überlassen, sich tief in der eigenen Hälfte verschanzen und die Räume eng machen, um dann zu kontern. So war es ja auch schon im Hinspiel, als die DFB-Auswahl zwar gefühlte 70 Prozent Ballbesitz besaß, daraus jedoch nichts erwirtschaften konnte und sich zweimal überrumpeln ließ. „Hier wird es heißen: Was haben wir für Lösungen? Wie verhindern wir die Konter?“, sagte Löw.

Aber was seine Mannschaft gegen die Polen erwarten wird, wird auch in Zukunft bei den großen Turnieren auf sie zukommen. Die Entwicklung gehe dahin, dass immer mehr Teams es verstehen, organisiert zu verteidigen, so Löw. Seine Mannschaft müsse sich dahingehend verbessern, dass sie auf engstem Raum trotzdem zielstrebig den Weg zum Tor findet. Das sei die große Herausforderung – jetzt gegen Polen und in der Zukunft überhaupt.

Löw denkt in Vier-Jahres-Zyklen. Und deswegen sagte er: „Die EM ist ein wichtiges Etappenziel. Aber die Mission heißt: Titelverteidigung bei der WM 2018.“ Ein Spieler, der Lösungen auf engem Raum finden kann, ist Marco Reus. Doch Löw muss gegen Polen wie schon bei der WM in Brasilien auf den Dortmunder Offensivmann verzichten. Reus reiste am Donnerstag wegen eines Zehenanbruchs ab.