Trainingslager

Kaderplanung - Hertha BSC ist noch im Suchmodus

Hertha hinkt mit seiner Kaderbildung im Ligavergleich weit hinterher. Eine eigentümliche Spannung liegt über der Vorbereitung.

Bad Saarow –.  Sami Allagui fragte seinen Teamkollegen: „Willst du zuerst Peter? Oder kann ich in die Eistonne?“ Peter Niemeyer war es egal, also stieg ein völlig durchgeschwitzer Allagui in die dunkelgrüne Tonne mit tausenden Eiswürfeln. Die Vorbereitung von Hertha BSC am Scharmützelsee ist anstrengend. Sportwissenschaftler streiten noch darüber, ob das Kühlen von extrem beanspruchter Muskulatur in einer Eistonne der Regeneration hilft. Die Debatte ist den Bundesliga-Profis egal, nach anderthalb Stunden unter der sengenden Sonne kletterten fast alle Spieler ins eiskalte Wasser.

Es liegt eine eigentümliche Spannung über dieser Vorbereitung für die Bundesliga-Saison 2015/16. Die Stimmung untereinander ist korrekt und kollegial. Aber Spieler wie Sandro Wagner, Niemeyer, Johannes van den Bergh oder Rune Jarstein wirken ernst. Kein Wunder, zwar haben die Genannten laufende Verträge bei Hertha. Bereits Ende Mai war diesen Profis sowie Ronny und John Heitinga von Trainer Pal Dardai und Manager Michael Preetz bedeutet worden, dass sie keine Perspektive mehr in Berlin haben.

Nun rückt der Saisonstart näher, bis zum DFB-Pokalspiel bei Arminia Bielefeld sind es nur noch vier Wochen (10. August). Die Spannung bei Hertha rührt daher, dass der Trainingsplatz in Reichenwalde einerseits gut gefüllt ist. 23 Profis tummeln sich dort. John Brooks und Nico Schulz werden ebenfalls noch kommen. Zudem gehören Änis Ben-Hatira, Tolga Cigerci und Alexander Baumjohann zum Kader, auch wenn niemand weiß, wann die Rekonvaleszenten wieder ihren Beruf ausüben können.

Andererseits fehlen die dringend benötigten Verstärkungen, die Hertha sucht: Ein Innenverteidiger, ein Außenbahnspieler, ein offensiver Mittelfeldspieler sowie ein Stürmer. Stattdessen wissen fünf der 23 Profis, dass sie nur noch geduldet sind. Bisher hat lediglich Heitinga Hertha verlassen in Richtung Ajax Amsterdam. Es ist kein Zufall, dass sich vier dieser Sorgenkinder in die Vorbereitung voll reinhängen. Niemeyer, Wagner, van den Bergh und Jarstein wissen: Je besser ihre Fitness, desto größer ihre Chance, bis zum 31. August (Transferende) einen neuen Arbeitgeber zu finden. Nur Ronny hat sich abgemeldet. Die Achillessehne, heißt es. Für den Brasilianer sollen sich der chinesische Klub Changchun Yatai und einer aus Dubai interessieren.

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Der Transfermarkt hat in diesem Sommer etwas schwerfällig Fahrt aufgenommen. Aber kein Bundesligist hat so wenig Bewegung in seinem Aufgebot wie Hertha: Mit Mitchell Weiser ist ein Neuer da. Heitinga und Marcel Ndjeng (zum SC Paderborn), dessen Vertrag ausgelaufen war, sind weg. Fabian Holland wechselt für 300.000 Euro zum SV Darmstadt.

Keiner der Namen, über die nachgedacht wurde, hat sich bisher für Hertha entschieden. Nicht Emir Spahic (zum HSV), nicht Sydney Sam (wollte zu Eintracht Frankfurt, fiel dort aber wohl durch den Medizin-Test), nicht der Ungar Balazs Dzsudzsak (bei Dinamo Moskau unter Vertrag).

Trainer Pal Dardai sagt: „Ich mach keine Hektik. Wir können nicht mehr Geld ausgeben, als wir haben.“ Dennoch ist seinen Ausführungen zu entnehmen, dass er sich noch einiges an Bewegung wünscht, in beide Richtungen. „Ich möchte, dass der Kader zu 95 Prozent steht, wenn wir ins zweite Trainingslager gehen.“ Das bestreitet Hertha ab dem 19. Juli in Schladming in der Steiermark.

Hertha ist im Bundesliga-Teich kein großer Fisch, aber ob Bayer Leverkusen, FC Augsburg, FSV Mainz oder Aufsteiger FC Ingolstadt – die Konkurrenten haben die meisten ihrer Transfers bereits abgewickelt.

Es ist die erste Vorbereitung, die Dardai bei den Profis zu verantworten hat. Hertha hat als Tabellen-15. die Liga nur mit Mühe gehalten. Der Trainer-Youngster weiß, dass er nun die Nerven behalten muss. Zumal ihm bekannt ist, dass Hertha ohnehin nicht die Finanzen hat, um nach Belieben fertige Spieler verpflichten zu können. Der Hauptstadt-Klub muss auch in der kommenden Saison über die Geschlossenheit, den Teamgeist kommen. Den zu entwickeln ist jedoch schwer, wenn erwartete Leistungsträger noch nicht verpflichtet sind. Dardai macht, was ein Trainer machen muss. Er lobt seine Jungs. „Großer Respekt, wie hier alle mitziehen. Wahrscheinlich wird auch noch was im Kader passieren.“ Und falls nicht? Er überlegt einen Moment: „Dann kann ich es auch nicht ändern.“