Sonnele Öztürk

Ex-Alba-Star Öztürks Tochter startet als Schwimmerin durch

Diese Familie hat den Hang zum Gold: Teoman Öztürk gewann im Basketball viele Titel, nun tritt seine Tochter Sonnele als Schwimmerin auf die große Sportbühne. Die Berlinerin hat viel vor.

Foto: Theo Breiding

„Wie kann man nur am Stück drei Stunden lang trainieren?“ Teoman Öztürk, einst Center von Alba Berlin und 1993 mit der deutschen Nationalmannschaft Basketball-Europameister, müsste sich an das Pensum seiner Tochter Sonnele längst gewöhnt haben. Er ist mittlerweile 46 Jahre alt und kennt sich als gestandener Sportlehrer mit Trainingsplänen natürlich bestens aus. Aber was seine Tochter täglich absolviert, „hätte es selbst beim Alten“, womit Öztürk seinen damaligen Erfolgstrainer Svetislav Pesic meint, „nie gegeben“.

Öztürk sitzt vor dem Drehkreuz zu den Umkleidekabinen der Schwimmhalle des Olympiastützpunktes in Hohenschönhausen. Es ist ein Sonnabendvormittag, am Tag zuvor ist er aus Hamburg zurückgekehrt, wo er die Woche über arbeitet. Jetzt wartet er, wie immer. Daran, dass nach der Kurznachricht Sonneles, die Haare seien gefönt und sie komme gleich, doch noch etwas Zeit vergeht, bevor zu Hause in Falkensee das Wochenende beginnt, hat er sich gewöhnt.

Starkes EM-Debüt in Dänemark

Sonnele Öztürk gehörte an diesem Morgen nicht zu der Gruppe, die nach dem Einschwimmen fünf Kilometer unter Last absolvierte und dann noch viele, viele Bahnen ausschwamm. Sie absolviert an diesem Tag ein Programm, das sie für die bisher größte Herausforderung ihrer Karriere wappnen soll. Die 15-Jährige darf sich bei der Kurzbahn-EM im dänischen Herning an diesem Wochenende erstmals auf höchstem Niveau mit den Erwachsenen messen. Diese Chance kommt keinesfalls von ungefähr: Im Sommer war Sonnele Öztürk 20 Jahre nach dem EM-Titel ihres Vaters Jugend-Europameisterin über 200 Meter Rücken geworden.

„Es ist ja mein erster internationaler Wettkampf, wo auch die Großen mitschwimmen. Ich freue mich sehr und bin natürlich auch aufgeregt“, sagt die Tochter des ehemaligen Alba-Stars, die am Freitag über 100 Meter Rücken immerhin schon Elfte wurde. „Wenn ich über 200 Meter am Sonntag ins Finale kommen sollte, wäre ich schon sehr, sehr stolz auf mich. Und ich hoffe auf eine Bestzeit. Das wäre schon super gut.“ Natürlich habe sie auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio jetzt schon „immer im Hinterkopf“, gesteht sie. Was ja legitim ist, wenn keine andere 15-Jährige auf diesem Kontinent schneller ist als sie.

Der Frauenanteil im Hause Öztürk ist weit höher, als ihn sich selbst fortschrittlichste Kräfte in anderen Bereichen wünschen. Die 80-Prozent-Mehrheit liegt klar bei Ehefrau Silke, Sonnele sowie ihren Schwestern Talika, 18, und Torina, 9. Dass die Jüngste inzwischen ebenfalls für Spandau 04 schwimmt, dürfte am Vorbild der älteren Schwester liegen. Dass Sonnele ihre Liebe zum Wasser entdeckte, hatte anfangs eher pragmatische Gründe. „Talika und Sonnele sind mit rund zwei Jahren Abstand auf die Welt gekommen, und wenn dann im Urlaub ein Pool in der Nähe ist und die Kinder noch nicht schwimmen können, kannst du sie ja keine Sekunde aus den Augen lassen“ erinnert sich Teo Öztürk. „Da war klar, die beiden müssen ganz schnell schwimmen lernen.“

Gesagt, getan. Aber während Talika damit zufrieden war, dass sich ihre Eltern am Pool nicht mehr sorgen mussten, schwamm die mittlere der Öztürk-Schwestern „einfach immer weiter. Die ersten Rennen habe ich dann in der sechsten Klasse gewonnen, so mit elf oder zwölf Jahren.“

Mit zwölf Jahren ins Sportinternat

Diese ersten Siege haben das Leben Sonneles einschneidend verändert. Denn sie müssen so beeindruckend gewesen sein, dass sie sich entschloss, vieles in ihrem Leben dem Schwimmen unterzuordnen. Sie zog mit zwölf Jahren ins Sportinternat. „Vier Jahre war ich in Potsdam, seit dem Sommer bin ich in Berlin. Im Moment wohne ich mit einer Volleyballerin zusammen, und es gefällt mir sehr“, erzählt Sonnele. „Zum einen ist es wegen der kurzen Wege eine enorme Erleichterung, das sehe ich jeden Tag bei denen in meiner Trainingsgruppe, die eine Stunde nach Hause fahren und dann noch Hausaufgaben machen. Wenn ich mal längere Zeit zu Hause bin, staune ich immer, auf wen ich alles Rücksicht nehmen muss und dass ich nicht die einzige im Bad bin.“

Das Pensum seiner Tochter, über das Teoman Öztürk nur staunen kann, weil es selbst beim „Alten“ nicht denkbar gewesen wäre, sieht in etwa so aus: „Ich stehe um sechs Uhr auf, ziehe mich an und gehe frühstücken. Um sieben gehe ich zum Training, das geht bis neun. Die Schule geht von 9.50 Uhr bis 16 Uhr. Das zweite Training geht von 16.30 Uhr bis 18 oder 19 Uhr. Danach bin ich im Internat“, erzählt Sonnele. „Normalerweise schwimme ich pro Woche 40 bis 50 Kilometer, es können aber auch 50 bis 60 werden.“

Dass anders als in der Sportart, die er so erfolgreich betrieben hat, nie ein anderer da ist, der einen Rebound holt oder einen Dreier versenkt, nötigt Vater Öztürk größten Respekt ab. 50, 60 Kilometer mit dem Fahrrad wären ja außerordentlich sportlich. Über eine solche Distanz die Kacheln des Beckenrands zu zählen, hin und her und her und hin, ist für Öztürk unvorstellbar. „Das geht, wenn man an seine Erfolge denkt, aber noch viel eher an seine Ziele, dass man sie erreicht oder vielleicht noch mehr. Ich sage mir, dass es einen Sinn macht, was ich tue“, erklärt seine Tochter, die sich zudem nur bei wenigen Saison-Höhepunkten beweisen kann, während der Papa oft zwei Spiele pro Woche bestreiten durfte. „Wir schwimmen im Training Tests, ansonsten gibt es vielleicht zwei Höhepunkte im Jahr, und da man muss man auch viel Disziplin aufbringen, wenn der Zeitpunkt, an dem man seine beste Leistung bringen will, noch sehr weit weg ist“, sagt Sonnele Öztürk.

Mit 15 schon 1,90 Meter groß

Wenn sie die Fernsehkameras von Eurosport in diesen Tagen bei der Vorstellung der EM-Starterinnen einfangen, ist die Berlinerin übrigens sehr schnell zu erkennen. Denn die Gene ihres Vaters, der mit seinen 2,08 Meter unter den Basketball-Körben regierte, hat ihr eine Körpergröße von 1,90 Meter beschert. „So groß zu sein, hat Vor- und Nachteile. Schnelle Bewegungen, wie meine langen Arme mal ganz schnell durchs Wasser zu ziehen, sind natürlich schwerer. Auch bei der Wende ist sie ein kleiner Nachteil, wenn ich mich klein machen muss“, erklärt Sonnele. „Aber beim Anschlag ist es natürlich ein großer Vorteil, wenn ich die zehn Zentimeter mehr habe.“

Nach ihrem gelungenen Debüt in der Welt der Erwachsenen ist es nun zumindest nicht mehr ganz unwahrscheinlich, dass zum ansehnlichen Familienschatz der Öztürks in den kommenden Jahren noch die eine oder andere Goldmedaille hinzukommt.

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