Morgens um acht Uhr am ehemaligen Osthafen in die Spree springen, dort 1,9 Kilometer schwimmen, dann mit dem Rad auf Umwegen zum Tempelhofer Feld, dort radeln, bis die 90 Kilometer voll sind, um abschließend noch 21,0975 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Rund 1100 Sportler hatten sich auf dieses sonntägliche Vergnügen gefreut und vielen war auch anzusehen, was sie hinter sich hatten. Der Sieger aber sah aus, als käme er gerade vom Bäcker um die Ecke mit den Brötchen für ein ausgedehntes Frühstück.
Michael Raelert, im vergangenen Oktober der Liebe wegen von Rostock ans Berliner Roseneck gezogen, überschritt die Ziellinie um gut einen Meter (3:46:56), posierte mit strahlendem Lächeln und dem Zielband für die Fotografen, ging aber gleich zurück, die Tribüne entlang und applaudierte den Zuschauern. Dann kam er wieder in den Zielraum und sagte, ohne den Ansatz einer Schweißperle am Körper und keinesfalls in Atemnot: „Das habe ich mir einfacher vorgestellt.“
Er sei „kaputt, müde“, widersprach er dem äußeren Anschein. „Die Strecke hat es in sich, wegen der vielen Wendepunkte, aber es hat Spaß gemacht. Jeder Sieg ist etwas besonderes, aber das ist jetzt schließlich mein Heimrennen. Zudem war es mein erster Wettkampf in dieser Saison, ich bin sehr, sehr zufrieden.“
Auch an der Wasserqualität der Spree hatte Raelert nichts zu bemängeln. „Fische habe ich gesehen, aber wie immer ein bisschen was getrunken. Mir geht es blendend.“
Viel Wind in Tempelhof
Die, die dem zweimaligen Welt- und Europameister aus dem Grunewald mit mehr als viereinhalb Minuten Vorsprung folgten, der Reutlinger Michael Göhnert (3:51:30), Per Bittner aus Sigmaringen (3:52:14) und der Potsdamer Christian Prochnow (3:55:47), waren kaum mehr gezeichnet als der Sieger. Alle vier sind Anfang dreißig und betreiben den Drei-Disziplinen-Kampf professionell. Mit unterschiedlichen Stärken: Göhner beispielsweise verliert traditionell beim Schwimmen Zeit und musste mit dem Rad und auf der Laufstrecke „die anderen Athleten von hinten einsammeln“.
Prochnow hingegen, immerhin beim olympischen Triathlon 2008 in Peking als 15. ins Ziel gekommen, tut sich traditionell auf zwei Rädern schwer. Beim Schwimmen und Laufen setzte er jeweils die Bestzeit, mit dem Rad waren 23 Konkurrenten schneller. „Ich habe in der zweiten Hälfte des Laufes sehr viel gut gemacht“, freute sich der Potsdamer. „Du musst den Wind als deinen Freund annehmen“, verriet Prochnow den Grund, der auf dem zugigen Terrain des weit offenen Tempelhofer Feldes so gut zu Recht gekommen war. Dann versprach er: „Ich werde bis zum nächsten Jahr mit dem Rad üben, damit es für Micha da vorn nicht so langweilig ist.“
Chilenin gewinnt bei den Damen
Für ähnlich klare Verhältnisse wie Raelert bei den Männern sorge Barbara Riveros aus Chile bei den Frauen. Sie siegte in 4:16:10 Stunden vor Katja Konschak aus Nordhausen (4:21:05) und der Kanadierin Rachel McBride (4:23:48), die, wie sich nach einer längeren Unterredung in Englisch herausstellte, einst auf der John-F.-Kennedy-Schule ihr Abitur machte und fließend deutsch spricht.
Mit dem weitaus prominentesten Teilnehmer der Premiere des Berliner 70.3 Ironmans – die drei Strecken ergeben addiert und umgerechnet 70.3 Meilen – blieb es beim Englischen und dennoch für alle zu verstehen. Formel-1-Star Jenson Button war „happy“. Verständlich, er hatte seine persönliche Bestzeit von 4:29 Stunden, die er Anfang April in Kalifornien aufgestellt hatte, auf 4:19:51 verbessert. „Im Wasser musste ich ganz schön kämpfen. Mit dem Rad lief es gut, das Laufen war dann aber ziemlich hart. Das ist dann schon ein Wechselbad der Gefühle“, erklärte der Formel-1-Weltmeister von 2009, der mit neun Freunden, die allesamt ebenfalls teilnahmen, seiner Schwester und seiner Lebensgefährtin nach Berlin gekommen war.
Button zeigt seine Tattoos
Auch Button sah man die Strapazen kaum an, und es war für ihn selbstverständlich, seine Freunde – mit einigen von ihnen war er zur Schule gegangen – einen nach dem anderen im Ziel zu empfangen. Noch immer im Wettkampfdress, das anders als das feuerfeste Overall auf den Rennstrecken dieser Welt seine Tattoos den Blicken freigab. „Ich habe auf dem Rücken einen Drachen und japanische Schriftzeiten, über die ich nicht weiter sprechen möchte“, sagt Button und tippt sich dann auf die linke Schulter. „Das hier ist ein traditionelles polynesisches Muster des Panzers einer Schildkröte. Das habe ich mir im Winter auf Hawaii machen lassen. Es soll mich beschützen.“
Button hatte im Jahr 2008 mit dem Triathlon begonnen, als es für ihn in der Formel 1 schlecht lief. Aus dem Frustventil ist längst eine Leidenschaft geworden. „Im Triathlon warten so viele Schmerzen auf dich, physisch und mental“, erklärt er. „Wenn du das durchstehst, kannst du es mit allem aufnehmen.“
Wir-Gefühl im Zielraum
Obwohl jeder für oder besser gegen sich schwamm, radelte und lief, warteten gestern viele, die es hinter sich hatten, auf Freunde, um diese im Ziel zu empfangen. Buttons Reisegruppe war bei weitem nicht die einzige.
So nahmen beispielsweise zwei Mitglieder des bahrainischen Königshauses an der Berliner Premiere des 70.3-Ironmans teil: Scheich Nasser bin Hamad Al Khalifa, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees seines Landes und IOC-Mitglied, sowie Scheich Khalid bin Hamad Al Khalifa, der Vorsitzender des nationalen Leichtathletik-Verbandes ist. Die umfangreiche Delegation, die die beiden Scheichs begleitete, machte einen eigenen Fuhrpark und ein eigenes VIP-Zelt nötig, in dem das Adlon für das Catering verpflichtet werden konnte.
Die beiden Scheichs aber waren ansonsten von ihren Konkurrenten nicht zu unterscheiden. Auch sie standen noch lange im Wettkampf-Dress im Zielraum und feuerten ihre Freunde an.






