Volleyball

BR Volleys stoßen mit Finaleinzug in neue Dimensionen vor

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Theo Breiding

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Nach dem 3:1 gegen Friedrichshafen stehen die Berlin Recycling Volleys im Meisterschaftsfinale – und könnten am Anfang einer Ära stehen.

Als es passiert war, blieb jeder der Macher erst mal einen Moment lang für sich. Stelian Moculescu, der Trainer des VfB Friedrichshafen, der den Klub zu sieben Meisterschaften in Folge geführt hatte, blickte mit vor der Brust verschränkten Armen zu Boden, während sein Team am Netz den BR Volleys aus Berlin gratulierte. Mark Lebedew und Kaweh Niroomand, Trainer und Manager der Berliner, saßen mit einigem Abstand auf der Berliner Bank, und es schien, als schauten sie durch ihre feiernden Spieler hindurch und genossen den Moment.

„Die Friedrichshafener bleiben im deutschen Volleyball so lange das Maß aller Dinge, bis sie jemand besiegt“, hatte Lebedew immer wieder gesagt. Nun haben er und sein Team genau das geschafft. Die Berliner beendeten mit 3:1 Siegen im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft die Ära Friedrichshafen und stehen von Sonnabend an in der Finalserie Generali Haching gegenüber.

Einen historischen Moment mochte Niroomand den Triumph über den Serienmeister nicht nennen. „Wir haben hier einiges vor“, sagte er nur, „und das war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.“ Mit „hier“ meint der Volleyballmanager die Stadt, in der Mittelmaß unerwünscht ist. Die Stadt des EHC Eisbären, fünfmal deutscher Eishockeymeister in den vergangenen sechs Jahren und derzeit erneut im Halbfinale, des Handballteams der Füchse, Champions-League-Viertelfinalist und Bundesligazweiter sowie Albas Basketballmannschaft, Europas Zuschauerkrösus und aktuell in der Bundesliga seit elf Spielen unbesiegt – „hier“ müssen Sportteams erfolgreich sein, ihre Auftritte Eventcharakter haben.

Letzteres gelang den Volleys seit dem Umzug in die Schmeling-Halle zu Saisonbeginn schon öfter. Sie halten dort mit 7700 Gästen den Zuschauerrekord der Liga. Gegen Friedrichshafen standen nun 7042 Fans hinter ihrem Team. Zahlen, von denen die Liga und fast ganz Europa nur träumen.

Kein Platz für Touristen

Kein Wunder, dass Niroomand die eingeschlagene Richtung gefällt. Und nicht nur ihm. „Es ist gut, dass Friedrichshafen Konkurrenz bekommt“, findet Bundestrainer Vital Heynen. „Und für Berlin ist der Finaleinzug eine Bestätigung für die hervorragende Arbeit, die dort geleistet wird.“ Als Lokomotive des deutschen Volleyballs gelten die Berliner, die noch vor einem Jahr als SCC Berlin starteten.

„Es bringt den Volleyball erheblich nach vorn, wenn ein Verein einmal sein Herz in beide Hände nimmt. Es wäre gigantisch, wenn andere diesem Beispiel folgen würden“, findet Marko Beens, Geschäftsführer der Bundesliga (VBL). Sogar Friedrichshafens Trainer Moculescu, ein Mann, der bekanntermaßen ungern verliert, zollt sportlich fair Respekt. „Es ist zu begrüßen, was die Berliner gemacht haben.“

Trauer über verstorbene Trainer-Tochter

Viel wichtiger als das Lob von außen ist, dass sich jeder einzelne im Team als Teil eines Aufbruchs fühlt. Berlins Volleyballspieler hatten auf dem Weg ins Finale einige Rückschläge zu verkraften. Sie mussten die Trauer über den Tod der Tochter von Mark Lebedew überwinden, die im Oktober nur eine Woche nach der Geburt gestorben war.

Sportlich wurden sie Mitte Februar zuerst durch die schwere Schulterverletzung ihres Starangreifers Paul Carroll zurückgeworfen. In Spiel drei der Serie gegen Friedrichshafen erlitt der deutsche Nationalspieler Ricardo Galandi einen Achillessehnenanriss und US-Olympiasieger Scott Touzinsky einen Einriss des Meniskus im linken Knie. „Der Meniskus ist so gut wie durch, und das Knie fühlt sich nicht so toll an“, sagte Touzinsky, nachdem er drei Tage später mit dickem Tapeverband dennoch entscheidenden Anteil daran gehabt hatte, dass sein Team Friedrichshafen in den Urlaub schickte. „Ich muss nach der Saison ohnehin operiert werden.“ Wegen eines lapidaren Meniskusrisses nicht mehr Teil des Aufbruchs zu sein, kommt für ihn, der seine Karriere gern in Berlin beenden würde, nicht in Frage. Es gäbe „auf der Welt keinen besseren Platz, Volleyball zu spielen“.

Manager ist für Finale skeptisch

Sätze wie diese freuen Niroomand. „Wenn ich mit den Spielern rede, und das tue ich oft, spreche ich immer von unserem Projekt“, erklärt der Manager. „Und dass sie einen Teil dazu beitragen sollen, es weiter voran zu bringen. Volleyball-Touristen helfen uns dabei nicht weiter.“ Er gehe „jetzt nicht davon aus, dass wir Meister werden“, sagt Niroomand weiter. Allein schon das Erreichen des Finales habe das Projekt eine großen Schritt voran gebracht, ist er sich sicher. „Das zeigen mir die Reaktionen, die Aufmerksamkeit, die uns in der Öffentlichkeit zuteil wird. Und auch die Sponsoren sehen, dass die Investitionen nicht einfach nur verballert sind.“ Der Vater des Erfolges der Berliner Volleys blickt auch aufgrund des Verletzungspechs, das seinen Klub zur Unzeit ereilte, skeptisch auf das Finale. Mit Galandi ist nicht mehr zu rechnen, Touzinsky und Carroll spielen mit hohem gesundheitlichen Risiko und am Sonntag erwischte es auch noch Urpo Sivula mit einer schweren Sprunggelenksverletzung. Aber standen die Chancen gegen Friedrichshafen wirklich gut? Niroomand dürfte sich wohl auch gern noch ein zweites Mal angenehm überraschen lassen.