Markiyan Lubkivsky

"Wir planen 2012 die beste EM aller Zeiten"

Ukraines Turnierdirektor Markiyan Lubkivsky spricht im Interview mit Morgenpost Online über die Vorbereitung, Sprachprobleme und eine Million Touristen.

Als der europäische Fußballverband Uefa die Europameisterschaft 2012 ausschrieb, gingen acht Bewerbungen ein. Im April 2007 wurde das Turnier Polen und der Ukraine zugeschlagen. Diese Entscheidung rief Skepsis hervor, vor allem die mangelnde Infrastruktur in der Ukraine sahen viele Experten als Problem an. Die Uefa gab im September 2008 bekannt, dass sie an den beiden Ländern festhalte, auch wenn bei Inspektionen Mängel festgestellt worden seien. Doch es gab nicht nur infrastrukturelle Probleme: Weil sich ukrainische Politiker für die Absetzung des Fußball-Verbandschef Grigori Surkis eingesetzt haben sollen, drohte Uefa-Generalsekretär Jerome Valcke Anfang 2011 mit dem Entzug der EM. Kurz vor Ende des gestellten Ultimatums erklärte der ukrainische Verband, dass Surkis seinen Posten behalten werde. Keine leichte Zeit für Markiyan Lubkivsky, Turnierdirektor und Kopf des ukrainischen Organisationskomitees. Der 40-Jährige, früher unter anderem Botschafter in Kroatien, verantwortet als Turnierdirektor die Vorbereitung der EM auf ukrainischer Seite. Dort wurden bislang mehr als 16 Milliarden Euro öffentliche Gelder in die Infrastruktur investiert.

Morgenpost Online: Herr Lubkivsky, noch rund sieben Monate bis zum Eröffnungsspiel am 8. Juni 2012. Ist die Ukraine bereit für die Europameisterschaft?

Markiyan Lubkivsky: Ja. Wir sind noch nicht fertig, arbeiten aber mit Hochgeschwindigkeit an den letzten Details. Die Regierung und wir Organisatoren tun jeden Tag unser Bestes, um das Turnier zur besten Europameisterschaft aller Zeiten zu machen.

Morgenpost Online: Aller Zeiten? Ist das nicht ein wenig hoch gegriffen?

Lubkivsky: Das denke ich nicht. Das ist unser Ziel. Es ist eine riesige Herausforderung, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Ukraine bereit sein wird für das Turnier. Wir werden unsere Gäste überraschen – und uns selbst wohl auch.

Morgenpost Online: Was muss in der verbleibenden Zeit noch getan werden?

Lubkivsky: Alle wichtigen Bauprojekte sind abgeschlossen oder stehen vor der Fertigstellung. Jetzt konzentrieren wir uns auf die Abläufe. Dass wir alle Stadien fertig haben, ist ein Meilenstein in der Vorbereitung. Ich möchte betonen, dass die EM nicht nur ein Sportevent für uns ist. Vor allem ist es ein geopolitisches Projekt. Ich bin absolut überzeugt, dass dieses Turnier uns näher an die europäische Gesellschaft, an europäische Maßstäbe bringen wird. Wir errichten ja nicht nur Stadien, Straßen und Flughafenterminals. Wir ändern gerade viele Dinge in unserem Leben, unserem Alltag.

Morgenpost Online: Die EM wird also langfristigen Einfluss auf Ihr Land haben?

Lubkivsky: Natürlich, das ist doch selbstverständlich. Das ist ja unser oberstes Ziel. Für uns ist das Turnier sehr wichtig, aber es soll nur der erste Schritt sein hin zu europäischen Werten und Standards. Darum freuen wir uns so auf die vielen Besucher, die hoffentlich später noch einmal in unser Land kommen. Sie wollen wir überraschen mit unserer Gastfreundschaft und der Schönheit unseres Landes.

Morgenpost Online: In der Vorbereitung gab es Verzögerungen in der Ukraine. Uefa-Präsident Michel Platini setzte Ihrem Land im April 2010 gar ein Ultimatum bis zum Sommer. Hatten Sie schlaflose Nächte?

Lubkivsky: Nein, nicht während der vergangenen zwei Jahre. Seit Anfang 2010 die neue Regierung unter Präsident Viktor Janukowitsch an die Macht kam, wurde großartige Arbeit geleistet. Die Regierung hat umfangreiche Garantien übernommen. Das hat uns den entscheidenden Push gegeben. Zuvor allerdings war es schwierig, das muss ich zugeben.

Morgenpost Online: Wäre die Europameisterschaft ohne die neue Regierung in der Ukraine ausgetragen worden?

Lubkivsky: Nein, auf gar keinen Fall. Ohne die Hilfe und die Verantwortung, die die neue Regierung übernommen hat, wäre es unmöglich gewesen. Dann hätten wir es nicht geschafft.

Morgenpost Online: Wie ist heute die Stimmung in der Bevölkerung?

Lubkivsky: (lacht) Jetzt gerade wird es Winter, die Leute sind etwas zugeknöpft. Im Ernst: Speziell die jungen Leute sind sehr aufgeregt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zum ersten Mal in der Geschichte der Europameisterschaft haben sich 24.000 Menschen um eine Stelle als freiwillige Helfer, als Volunteers, beworben. Wir haben für beide Länder aber nur Platz für 6000. Das zeigt, wie wichtig es den Ukrainern und den Polen ist, ein Teil des Turniers zu werden. Das war für uns eine große Überraschung – und auch die Verantwortlichen der Uefa waren erst skeptisch und dann positiv überrascht.

Morgenpost Online: Wie viele Besucher erwarten Sie?

Lubkivsky: Ich denke, dass mehr als seine Million Besucher während der EM in die Ukraine kommen werden. Nicht nur Fans, die bereits eine Eintrittskarte haben, sondern auch Anhänger ohne Ticket.

Morgenpost Online: Erwarten Sie, dass die EM Gewinn abwerfen wird?

Lubkivsky: Das hat sie bereits. Sehen Sie: Die Ukraine hat zwar eine lange Geschichte, aber eigentlich sind wir ein junges Land, denn wir sind erst seit 20 Jahren unabhängig. Zum ersten Mal in unserer Geschichte modernisieren wir unsere Flughäfen, bekommen neue Terminals, neue Landebahnen, neue Straßen. Es ist das größte öffentliche Investment in unserer jungen Geschichte. Es wird uns in vielen Bereichen voranbringen. Und das nicht nur im ökonomischen Sinne. Es ist auch ein wichtiger Schritt in Richtung Europa.

Morgenpost Online: Noch einmal nachgefragt: Erwarten Sie einen wirtschaftlichen Gewinn?

Lubkivsky: Das ist zwar nicht mein Kernbereich, aber ich weiß, dass in unserer Regierung darüber gesprochen wird. 2008 in Österreich und der Schweiz lagen die Einnahmen der EM bei 1,3 Milliarden Euro. Wir hoffen natürlich, dass die EM auch bei uns zu einem wirtschaftlichen Gewinn führen wird. Wie hoch der sein wird, wird sich zeigen.

Morgenpost Online: Wird es genug englischsprachige Ordner geben?

Lubkivsky: Daran arbeiten wir. Die Ordner und Helfer müssen Englisch können, das ist Voraussetzung, und wir beraten gerade, wie wir die Englischkenntnisse unserer Polizisten verbessern können. Vermutlich werden wir ihnen Volunteers zur Seite stellen, die mit ihnen Streife gehen. So etwas wird es auch im medizinischen Sektor geben. Wir arbeiten auch mit Hochdruck daran, dass alle Schilder sowohl mit kyrillischer als auch mit lateinischer Schrift versehen sind.



Morgenpost Online: Werden europäische Fans ein Visum brauchen?

Lubkivsky: Nein. Unsere Regierung hat ein Gesetz erlassen, wonach Einwohner von Ländern der Europäischen Union sowie der Schweiz, Norwegen und einigen anderen Staaten 90 Tage visafrei in der Ukraine sein dürfen. Außerdem entwickeln wir ein Modell, um die Grenzkontrollen schnell und einfach zu machen.

Morgenpost Online: Wie kann ein deutscher Fan sich ein Hotelzimmer buchen?

Lubkivsky: Nach der Auslosung der Gruppenphase am 2. Dezember wissen wir, welches Team wo spielt. Danach wird die Uefa umfangreiche Informationen auf ihrer Homepage veröffentlichen. Die meisten Hotels kann man wie gewohnt über das Internet buchen. Ich kann allerdings nur den Ratschlag geben, nicht zu lange zu warten. Die Zimmer werden aller Voraussicht nach schnell weg sein. Das Interesse ist jetzt schon riesengroß.