EM-Favoriten im Vergleich

Löw sucht den Code gegen das Jahrhundertteam

Spanien gilt zur Zeit als das Maß aller Dinge, doch die deutsche Elf kommt näher. Morgenpost Online hat die Teams verglichen. Wer ist stärker?

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Mit der rechten Hand hielt er eine Wasserflasche, mit der linken wischte sich Per Mertesacker ab und an den Schweiß von der Stirn. Quasi die Spuren des Erfolges, der ihm kurz zuvor mit seinen Kollegen gegen Belgien gelungen war. 3:1 (2:0) hatte die Nationalmannschaft am Dienstagabend gewonnen – und damit den zehnten Sieg im zehnten Qualifikationsspiel für die EM 2012 erreicht – Rekord in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Das ist schön“, sagte Mertesacker, „aber jetzt muss es unser Ziel sein, den Titel nach Deutschland zu holen.“

Rund acht Monate sind es noch bis zum EM-Turnier in Polen und der Ukraine. Dort zählt Deutschland, da sind sich die Experten einig, zu den Favoriten.

Wie die DFB-Spieler selbst regelmäßig betonen, gibt es allerdings einen essenziellen Gradmesser auf dem Weg zum großen Erfolg – Europameister und Weltmeister Spanien . Jene Mannschaft, die Deutschland im EM-Finale 2008 und im WM-Halbfinale 2010 jeweils 1:0 besiegte und am Dienstag mit ihrem 14. Pflichtspielsieg in Serie (3:1 gegen Schottland) einen Rekord von Frankreich (2002-2004) und den Niederlanden (2008-2010) egalisierte.

Da Deutschland bei der EM-Auslosung am 2. Dezember nur in Topf zwei gesetzt sein wird, kann es sogar in der Vorrunde bereits zum direkten Duell kommen. Doch wie gut ist die deutsche Mannschaft mittlerweile im Vergleich mit den Iberern? „Morgenpost Online“ hat beide Teams miteinander verglichen.

Die Torhüter

„San Iker“, der „heilige Iker“, wird der dreimalige Welttorwart Casillas (30) wegen seiner wundersamen Reflexe zu Hause genannt. Bei der WM rettete er die Spanier mit einem gehaltenen Elfmeter durch ihr kompliziertestes Turnierspiel, das Viertelfinale gegen Paraguay (1:0), und verhinderte im Finale gegen die Niederlande einen Rückstand gegen den allein auf ihn zulaufenden Arjen Robben. Casillas ist ein Torwart der alten Schule, der eher mit unnachahmlichen Paraden brilliert als mit Raumgefühl oder Spieleröffnung.

Demgegenüber besticht Manuel Neuer (25) nicht nur mit hervorragenden Reflexen auf der Linie und im Herauskommen, sondern auch als hinterster Spielgestalter seiner Elf. In der Türkei leitete Neuer am vergangenen Freitag mit seinen weiten und präzisen Abwürfen gleich zwei Tore ein. Casillas’ Vorteil ist dafür seine jahrelange Erfahrung auf allerhöchstem Niveau.

Fazit: Unentschieden.

Die Abwehr

Lang vorbei sind die Zeiten, als die Abwehr das Prunkstück der DFB-Auswahl war. Seit neun Spielen in Folge ist sie nicht mehr ohne Gegentor geblieben . Unter anderem fehlt die Konstanz. In 44 Spielen seit der EM 2008 spielten acht verschiedene Innenverteidiger in 14 unterschiedlichen Formationen.

Immerhin verfügt Bundestrainer Löw hier über eine gewisse Auswahl (Mertesacker, Badstuber, Hummels, Höwedes, Boateng), während in Kapitän Philipp Lahm nur ein gelernter Außenverteidiger höchsten Ansprüchen genügt. „Ich kenne die Diskussionen darüber, dass die Abwehr Probleme hat“, sagt Löw. „Aber ich weiß auch, dass wir bei der EM eine stabile Defensive haben werden. Wir hatten diese Diskussionen auch vor der WM 2006, der EM 2008 und der WM 2010. Bei den Turnieren selbst hatten wir dann aber keine Probleme.“

Das allerdings ist eine sehr freundliche Darstellung der Vergangenheit, wie der Vergleich mit den Spaniern zeigt. Die Iberer kassierten in den K.o.-Runden von EM 2008 und WM 2010 kein einziges Gegentor (Deutschland: sieben). Die spanische Verteidigung profitiert dabei vom sicheren Passspiel und der hohen Ballbesitzquote der Mannschaft.

Kommt sie doch einmal unter Druck, sind die Innenverteidiger Gerard Pique und insbesondere Carles Puyol enorm stark in 1:1-Situationen. Pique hat zudem eine brillante Spieleröffnung. Nicht zuletzt Franz Beckenbauer hält ihn für den momentan besten Abwehrspieler der Welt. Auf den Außen haben die Spanier in Sergio Ramos auf rechts ebenfalls einen Platz mit einer festen Größe besetzt, der Platz links hingegen ist noch vakant.

Fazit: Vorteil Spanien.

Das Mittelfeld

Was ist über das spanische Mittelfeld noch zu sagen? Angefangen bei Xavi verfügt der Weltmeister über die besten Spielgestalter der Welt: Andres Iniesta, David Silva, Cesc Fabregas. Sie orchestrieren den identitätsprägenden Tiqui-Taca-Fußball, der die ganze Mannschaft in perfekten Ballstaffetten integriert.

Silvas 1:0 am Dienstag gegen Schottland etwa ging ein Spielzug mit 42 Ballkontakten voraus. Während der 94 Sekunden langen Kombination berührte kein Schotte, aber alle elf Spanier die Kugel. Hinter den Spielgestaltern agiert in Sergio Busquets ein unauffälliger, aber extrem kluger Defensiver, bei der WM stellte ihm Trainer Vicente del Bosque noch Xabi Alonso zur Seite.

Auch wenn die Kunst der Spanier unerreichbar ist: Das deutsche Mittelfeld ist so gut aufgestellt wie lange nicht. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira oder der Allrounder Toni Kroos agieren resolut vor der Viererkette. Vor ihnen brilliert Mesut Özil, dessen Ideen maßgebend für die Offensive sind.

Aber auch Mario Götze hat sich zuletzt als Gewinn auf hohem Niveau erwiesen. Das deutsche Passspiel ist im Vergleich zum spanischen etwas direkter und in den vergangenen Jahren immer besser und schneller geworden. 2005 lagen im Durchschnitt 2,8 Sekunden zwischen Ballannahme und Abspiel, bei der EM 2008 waren es nur noch 1,8 Sekunden, bei der WM 2010 nur noch 1,1. Gegen Belgien dauerte es nach der Balleroberung durch Özil am eigenen Strafraum in der 33. Minute nur 19 Sekunden, bis Andre Schürrle den Konter zum 2:0 abschloss.

Fazit: Vorteil Spanien.

Der Angriff

Schürrle ist eine gute Option für Lukas Podolski auf der linken Außenbahn, rechts ist Thomas Müller gesetzt. Der Bayer ist schnell, robust und hat einen exzellenten Abschluss. Bei der WM erzielte er wie Spaniens David Villa und Diego Forlan (Uruguay) fünf Treffer und wurde Torschützenkönig. Müller ist ein unberechenbarer, anarchischer Spieler, den die Spanier deshalb mehr als jeden anderen DFB-Akteur fürchten.

Anders als bei den Deutschen mit Mario Gomez und Miroslav Klose ist bei den Spaniern der Mittelstürmer kein fester Bestandteil des Systems. EM-Torschützenkönig Villa und Pedro kommen eher über den Flügel. Im Angriffszentrum kann Fernando Torres, so er zu seiner Bestform zurückfindet, eine klassische Nummer neun spielen oder – wie gegen Schottland – mit dem aus dem Mittelfeld vorstoßenden Silva, ein so genannter „falscher Neuner“ agieren.

Fazit: Unentschieden.

Die Ersatzbänke

Als vor der WM 2010 gleich fünf Nationalspieler verletzt absagen mussten, allen voran der damalige Kapitän Michael Ballack, prognostizierten Experten ein frühes Scheitern der deutschen Elf. Doch die Ersatzspieler fügten sich nahtlos ein.

Mittlerweile ist die deutsche Elf so gut aufgestellt, dass sie – wie gegen Belgien – auch gewinnt, wenn der Bundestrainer gleich auf fünf Positionen etwas verändert. 23 Mann darf Löw für die EM nominieren, und die Auswahl ist groß. „Ich habe ein gutes Gefühl, dass wir auf allen Positionen gleichwertig doppelt besetzt sein werden“, sagt Löw.

Davon ist Spanien etwas weiter entfernt. Zwar ist die spanische Bank zu klein für all die Weltklasse-Mittelfeldspieler des Landes, in der Abwehr ist die Reservistendecke jedoch extrem dünn. Als Puyol (33) nach der WM mit dem Rücktritt liebäugelte, wurde er entsprechend vehement zum Weitermachen überredet. Fallen er, Pique oder Ramos aus, hat Spanien ein ernstes Problem.

Fazit: Vorteil Deutschland.

Die Trainer

Von den Erfolgen her kann es Joachim Löw nicht mit seinem Gegenüber aufnehmen. Der Bundestrainer wurde 1997 DFB-Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart und 2002 österreichischer Meister mit Tirol. Vicente del Bosque hingegen gewann vor der WM schon je zwei Champions-League-Titel und spanische Meisterschaften mit Real Madrid.

Als große Stärke des Spaniers gilt die Menschenführung. Del Bosque behält stets den Überblick und kann mit Stars umgehen. Er hat es geschafft, dass seine Nationalelf noch immer siegeshungrig ist.

Doch auch Löw genießt inzwischen höchstes Ansehen. Unter ihm wurde der Fußball der Nationalelf revolutioniert, er ist taktisch versiert und ständig bemüht, sein Team voranzubringen. Die Spieler folgen ihm bedingungslos. Einen Code gegen das spanische Jahrhundertteam zu finden, wäre sein Meisterstück .

Fazit: Unentschieden.