Probleme über Probleme

Beim DFB liegen die Nerven blank

Der DFB kämpft abseits des Rasen an vielen Fronten: Steuerscheue Schiedsrichter, wütende Fans und Ärger mit dem Vizepräsidenten belasten den Verband.

Foto: dpa/DPA

Eigentlich wollte sich Theo Zwanziger um die Fifa kümmern. So richtig aufräumen wollte er im Fußball-Weltverband, in dem es zuletzt nur noch um Korruption und Vetternwirtschaft ging und dessen Cheffunktionär Sepp Blatter in der öffentlichen Beliebtheit irgendwo zwischen Mafiaboss und Steuerhinterzieher pendelt.

Doch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), frisch in die Taskforce der Fifa zur Überprüfung der Verbandsstatuten gewählt, muss seinen Feuereifer zügeln. Denn sein eigener Verband stürzt plötzlich selbst von einer Krise in die nächste.

Ein Blick in Zwanzigers Terminkalender zeigt, wie es derzeit um den größten Sportverband der Welt steht. Am Mittwoch traf er sich mit dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei und Vertretern der Deutschen Fußball Liga (DFL) zum Sicherheitsgipfel. Am Freitag hat der DFB-Präsident alle Bundesliga-Schiedsrichter in die Zentrale nach Frankfurt einbestellt – darunter auch jene 21, bei denen jüngst die Steuerfahndung vor der Tür stand.

Am kommenden Montag muss dann Zwanzigers Vizepräsidenten Rainer Koch beim Boss zum Rapport antreten. Er hatte sich am vergangenen Dienstag ohne Rücksprache mit dem ehemaligen Schiedsrichterobmann Manfred Amerell getroffen, der wegen seiner Rolle im Sexskandal beim Verband als persona non grata gilt.

Und eine Woche später, am 14. November, nimmt Zwanziger dann zusammen mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich am Runden Tisch Platz. Dort soll entschieden werden, wie mit der neuen Gewaltwelle in den deutschen Fußballstadien umgegangen werden soll.

Es ist schon kurios, auf wie vielen Nebenkriegsschauplätzen der DFB derzeit aktiv ist. Amerell, steuerscheue Referees, der Konflikt mit Rainer Koch – nie zuvor musste der Verband so viele Brände gleichzeitig austrampeln. Nun trifft auch die Wut der Fans den Fußballbund mit Wucht.

Ärger um Pyrotechnik

Zwar wird sich wohl jeder anständige Stadionbesucher von jenen Chaoten distanzieren, die zuletzt im DFB-Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden für Ärger sorgten. Doch seit der Kontrollausschuss angeregt hat, die Dresdener wegen ihrer Problemfans für ein Jahr vom DFB-Pokal auszuschließen , wird über Sinn und Unsinn von derartig harten Kollektivstrafen gestritten.

„Es kommt so rüber, als ob man ein Exempel statuieren will . Man sollte alle Vereine gleich behandeln und sich nicht einzelne Klubs herauspicken“, sagte der ehemalige Nationalspieler Ulf Kirsten, der sieben Jahre für Dynamo Dresden gespielt hat.

Dazu kommt der Ärger um Pyrotechnik: DFB und DFL hatten sich in der Vergangenheit mehrfach mit Fangruppierungen getroffen und Hoffnungen geweckt, dass in Zukunft Feuerwerkskörper unter gewissen Umständen in Stadien abgebrannt werden dürfen.

Dem wurde nun von Verbandsseite eine klare Absage erteilt: „Pyrotechnik hat in den Stadien nichts zu suchen, der Einsatz ist komplett ausgeschlossen, er ist illegal“, sagte Zwanziger. Das ruft vor allem die Ultras, jene ebenso treuen wie machtbewussten Fans, auf die Barrikaden. „Da ist eine Tür zugeschlagen worden, die man besser offen gehalten hätte“, sagte Matthias Stein, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte.

Ein Problem mehr für den DFB, dessen Popularität sich in Fankreisen seit jeher in Grenzen hält. „Es gibt derzeit in der Tat eine Häufung von Themen, die wir uns gern ersparen würden“ sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach „Morgenpost Online“, „aber wir suchen sie uns ja nicht aus. Immer, wenn wir denken, wir haben alle Kühe vom Eis, wird eine neue raufgetrieben.“

Vor allem zwei Triebfedern halten die Funktionäre derzeit auf Trab: Zum einen jene gewaltbereiten Zuschauer, die den Fußball als Bühne für Selbstdarstellung und Frustabbau missbrauchen. Zum anderen Manfred Amerell . Der 64-Jährige, der mehrere junge Referees sexuell belästigt haben soll und deshalb vom DFB vor die Tür gesetzt wurde, will offenbar so viele Leute wie möglich mit in den Abgrund reißen .

Anzeige gegen unbekannten Tippgeber

So gehen die aktuellen Ermittlungen der Steuerfahnder gegen Schiedsrichter auf persönliche Recherchen Amerells zurück. Als die Wohnung von Michael Kempter, dessen Enthüllungen den Skandal ins Rollen brachten, durchsucht werden sollte, tauchte Amerell morgens um sechs Uhr vor dem Haus auf – in Begleitung eines Fotografen.

Der DFB erstattete Anzeige gegen den unbekannten Tippgeber aus Justizkreisen, der Amerell von der Razzia berichtet haben muss. Zuvor hatte der Verband Amerell gerichtlich untersagen lassen, zu behaupten, dass der DFB Kempters Anwalt bezahlt habe.

Auch der Konflikt zwischen Rainer Koch und seinem Vorgesetzten Zwanziger ist letztendlich ein Werk Amerells. Der soll auf das Treffen mit Koch gedrängt haben, um vom neu gewählten Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) den Ausschluss Kempters aus dem BFV zu fordern.

Brisantes Treffen

Koch rechtfertigt die brisante Begegnung: „Das Gespräch erfolgte ausschließlich im Interesse des DFB und diente dem Versuch der Durchbrechung des immer größer und gefährlicher werdenden Konfliktpotentials.“

Allerdings versäumte Koch es offenbar, das Treffen mit dem „Staatsfeind Nr. 1“ dem Verband zu melden. „Ich kann bestätigen, dass wir von seinem Treffen mit Amerell erst aus den Medien erfahren haben und nicht von ihm direkt, was nach meiner persönlichen Einschätzung absolut angebracht gewesen wäre. Wir haben ihn nun zu einer Stellungnahme aufgefordert und gebeten, uns über das Zustandekommen und die Inhalte zu informieren“, sagte Wolfgang Niersbach. Koch hingegen behauptet, „nachweislich keinen Alleingang“ gemacht zu haben.

Nerven liegen blank

Die Aufregung um diese Lappalie zeigt, dass die Nerven blank liegen beim Fußballbund. Vor allem, weil der Verband in den meisten Fällen nur agieren kann. Gegen Schiedsrichter, die ihre Einnahmen nicht versteuern wollen und für diese Zwecke sogar Auslandskonten eingesetzt haben sollen, ist der DFB machtlos. Ebenso bei randalierenden Hooligans. Und Manfred Amerell auf persönlichem Rachefeldzug ist ohnehin längst außer Kontrolle.

„Wir stehen sportlich, wirtschaftlich und damit auch perspektivisch glänzend da und werden trotzdem mit Themen wie Gewalt oder möglichen Steuerdelikten von Schiedsrichtern konfrontiert. Das ist schade, aber nicht zu ändern“, sagte Generalsekretär Niersbach nachdenklich: „Mit dem Bild, das der DFB derzeit öffentlich abgibt, bin ich natürlich nicht zufrieden.“