Hamburger SV

Trainer Fink sieht sich als "Typ wie Jürgen Klopp"

Samstag feiert der 43-Jährige mit dem HSV gegen Wolfsburg seine Bundesliga-Premiere. Beim Tabellenletzten wird er behandelt wie der Erlöser.

Die Anweisung von Paul Kernatsch an die Belegschaft war knapp, aber deutlich. Thorsten Fink müsse jeder Wunsch von den Augen abgelesen werden, forderte der Direktor die Mitarbeiter des Hotels „Grand Elysee“ auf.

Anfang der Woche bezog Fink eine Suite in der Luxusherberge an der Rothenbaumchaussee. Seither kümmert sich Chefkoch Peter Sikorra persönlich um das leibliche Wohl des Mannes, der mit seiner Vertragsunterschrift am vergangenen Montag nicht nur Trainer des Hamburger SV, sondern zugleich Hoffnungsträger aller Fans des Traditionsklubs geworden ist. Kernatsch und Sikorra zählen sich dazu.

Zu Beginn dieser Saison erlebte der HSV einen sportlichen Niedergang. Nach sechs Partien stand erst ein Punkt zu Buche, da sahen sich Vereinsboss Carl-Edgar Jarchow und Sportdirektor Frank Arnesen gezwungen, den Trainer Michael Oenning zu entlassen.

Rodolfo Cardoso vom Amateurteam übernahm eine völlig verunsicherte Mannschaft, unter seiner Führung gelang zumindest ein Sieg in Stuttgart, gefolgt von einer Niederlage gegen Schalke.

Beim Auftritt zuletzt in Freiburg wurde Cardoso von Arnesen in der Chefrolle abgelöst – mit Erfolg. Dem HSV gelang der zweite Saisonsieg. Eine historische Negativserie wurde jedoch fortgesetzt: Seit sechs Spieltagen belegen die Hamburger den letzten Tabellenplatz. Das hat es in ihrer Geschichte seit Gründung der Fußball-Bundesliga 1963 noch nie gegeben.


Nummer 14 in zehn Jahren

Fink kennt diese Fakten. Dennoch fasste er den Entschluss, seinen sicheren Posten beim Schweizer Meister und Champions-League-Teilnehmer FC Basel für den Schleudersitz in der Hansestadt einzutauschen. Er ist Trainer Nummer 14 in den zurückliegenden zehn Jahren.

„Das interessiert mich nicht“, stellte Fink klar. Er sei fest davon überzeugt, langfristig in Hamburg zu arbeiten. Warum? „Weil ich gut bin. Wenn wir erfolgreich sind, dann ist der HSV ein Verein, bei dem ich vielleicht mein Leben lang bleibe.“

Der 43-Jährige berichtete, wie stark die Verantwortlichen um seine Zusage geworben hätten: „Frank Arnesen versicherte mir, dass er zur Not so lange warten würde, bis ich frei werde. Das ist für mich ein klares Signal.“

Die Aufholjagd soll am Samstagabend (18.30 Uhr, Sky) beginnen, dann empfängt Hamburg den VfL Wolfsburg im Volksparkstadion. Mit Blick auf das Nordderby und den weiteren Saisonverlauf präsentierte sich Fink, für den der HSV 650.000 Euro Ablöse zahlte, massiv selbstbewusst.

Als erstes Ziel gab er aus, die Abstiegsplätze „so schnell es geht“ zu verlassen. Schritt für Schritt soll es dann aufwärts gehen. „Wir haben eine Truppe, die viel besser ist als viele andere, die im Moment noch vor uns stehen. Ich glaube ganz fest an die Qualität dieser Mannschaft. Ich denke sogar, dass ihr die Zukunft gehört“, sagte Fink.

Trotz der prekären Tabellensituation hat der neue Trainer in Hamburg für Euphorie gesorgt. Die Übungseinheiten in dieser Woche waren besser besucht als so manches Pflichtspiel in der Dritten Liga.

Mehr als 1000 Zuschauer sahen am Mittwoch das 6:0 im Test gegen die eigene Regionalliga-Mannschaft. Fink spürt, welche Hoffnungen in ihn gesetzt werden. „Klar, die Anforderungen sind sehr hoch. Ich muss Leistung bringen und jetzt zeigen, was ich kann. Aber mit dieser Rolle komme ich gut zurecht.“

Der HSV ist für Fink die erste Station in der Bundesliga. Dennoch sieht er sich auf einer Stufe mit den Größen der Fußballlehrerzunft. „Ich bin ein Typ wie Jürgen Klopp“, verglich er sich selbst mit Borussia Dortmunds Meistertrainer, und es wirkte so, als habe Fink mit dem HSV in Zukunft ähnlich Großes vor: „Wenn die Mannschaft meine Vorgaben umsetzt, wird sie erfolgreich sein.“

Für den Trainer eines Tabellenletzten sind das forsche Töne, doch Sportdirektor Arnesen freute sich über das selbstbewusste Auftreten seines neuen Partners: „Das ist auch ein Grund dafür, warum wir unbedingt ihn verpflichten wollten. Thorsten Fink strahlt Gewinnermentalität aus. Er ist es gewohnt, ein Sieger zu sein. Einst als Spieler mit dem FC Bayern, jetzt als Trainer.“

Mit den Münchnern wurde Fink viermal Deutscher Meister. Er gewann die Champions League und den Weltpokal, spielte unter Lehrmeistern wie Ottmar Hitzfeld und Giovanni Trapattoni. Sein Erfolgsrezept: „Ich bin einfach überzeugt von mir. Ich habe keine Angst, vor nichts und niemandem.“ Diese Einstellung will er weitergeben.

Rolle des Beobachters

In den Übungseinheiten der vergangenen Tage hat Fink meist die Rolle des Beobachters eingenommen. Die Leitung überließ er seinem Assistenten Patrick Rahmen, den der Trainer vom FC Basel mitgebracht hatte.

Dabei nahm Fink immer wieder einzelne Profis zur Seite und führte kurze Gespräche. „Ich muss ein Gespür dafür bekommen, wie die Spieler ticken“, sagte Fink, der sich weder als „autoritär“ noch als „Kumpeltyp“ versteht.

„Mein Umgang mit den Spielern hängt von der jeweiligen Situation ab. Sie müssen gestreichelt werden, aber auch einen mitbekommen, wenn es nötig ist.“ Bei seiner ersten Ansprache an das Team forderte Fink die Hamburger Kicker auf, sich als „eine Familie“ zu betrachten. „Da gibt es klare Regeln, an die sich jeder zu halten hat.“

Im Gegensatz zu Oenning, dem von einigen Führungsspielern vorgeworfen worden war, „mit jedem 18-Jährigen zu diskutieren“, setzt Fink auch auf Eigenverantwortung. Kapitän Heiko Westermann gefällt das: „Es tut uns gut, dass der Trainer eine klare Linie vorgibt. Auf und neben dem Platz. Jeder spürt, dass er selbst Fußballspieler war. Er lebt die Disziplin und Leidenschaft vor, die er von uns fordert, verfolgt konsequent seinen Plan. Er bringt Feuer ins Team.“

So locker und selbstbewusst sich Fink bei seiner Präsentation gezeigt hatte, so angespannt wirkte er am Tag vor der Premiere gegen Wolfsburg. „Wenn ich nicht eine gesunde Nervosität verspüren würde, dann müsste ich diesen Beruf sofort aufgeben und hätte beim HSV nichts zu suchen“, sagte der Trainer. In erster Linie freue er sich aber auf seine Rückkehr auf die Bundesliga-Bühne: „Das war immer mein Ziel. Jetzt geht die Post ab.“