Nach seinem Tor wanderte der Blick von Sebastian Kehl die Haupttribüne entlang. Er suchte seinen Sohn Luis (5), der dort irgendwo mit der Mama sitzen musste. „Er hat mich vor dem Spiel im Mannschaftshotel angerufen und mir gesagt: ‚Papa, wenn du heute kein Tor machst, brauchst du gar nicht erst nach Hause zu kommen‘“, erklärte der ehemalige Nationalspieler: „Ich habe ihm gesagt: ‚Das ist eine harte Forderung.’“ Schließlich sei er ja nicht gerade als Torjäger bekannt.

Doch er durfte nach Hause kommen. Es passte ins Bild, dass selbst der Kapitän beim 5:0 (3:0) über den 1. FC Köln treffen konnte. Sein wuchtiger Kopfball zum Endstand in der 66. Minute war Kehls erstes Bundesligator seit dem 13. März 2010.

Kehl war aber nicht der einzige Dortmunder Borusse, der an diesem Tagen Frustabbau betreiben konnte. Nur drei Tage nach dem neuerlichen Ausrutscher in der Champions League durfte fast jeder einmal ran. „Wir haben bewiesen, dass wir keine Versager sind, sondern Menschen, die auch einmal einen schlechten Tag haben können“, sagte Marcel Schmelzer nach dem Torfestival gegen einen überforderten Gegner. Auch er traf am Samstag, es war das erste Bundesligator des Linksverteidigers überhaupt. Das Erfolgserlebnis fiel umso süßer aus, weil es von den Dortmunder auch als Antwort auf die teilweise beißende Kritik nach dem schwachen Auftritt in der Champions League verstanden wurde, wo der BVB in der vergangenen Woche 1:3 in Piräus verloren hatte.

Wer ihr bisheriges Auftreten in der Königsklasse als „Lachnummer“ bezeichne, der habe „keine Ahnung“, sagte Abwehrchef Mats Hummels voller Genugtuung. Und Trainer Jürgen Klopp pflegte – wie schon häufiger nach Rückschlägen in dieser Saison – ein Feindbild, die Medien. „Wer den Charakter der Mannschaft in Frage stellt, hat nicht alle Latten am Zaun“, sagte der Cheftrainer in Anspielung auf Mutmaßungen, seine Spieler könnten die Champions League möglicherweise zu leicht genommen haben .

Klopp kritisiert seine Spieler nur intern

„Eine solche Niederlage wie die in Piräus macht die Jungs nicht zu schlechteren Fußballspielern oder Menschen“, sagte Klopp, der in den zwei Tagen zwischen den zwei höchst unterschiedlichen Auftritten seines Teams die Spieler intern hart kritisiert, sie nach außen aber massiv in Schutz genommen hatte. „Wir waren unzufrieden und enttäuscht, weil wir zum wiederholten Male in der Champions League nicht das bekommen haben, was wir wollten“, erklärte er und verwies auf die spezifischen Schwierigkeiten, mit denen die junge Mannschaft in laufenden Saison zu leben habe. Die Erwartungshaltung sei wegen der überragenden Leistungen in der Vorsaison gestiegen, die Wahrnehmung als Meister sei eine ganz andere als die in der vergangenen Saison.

Aufgrund der Niederlagen in Marseille (0:3) und in Piräus (1:3) habe sein Team zweimal „einen Riss“ erlitten. „Es ist nicht einfach damit umzugehen. Aber wir sind gewillt, es zu tun“, lobte der Trainer die Lernfähigkeit der Profis. Die grundsätzliche Ausrichtung stimme, erklärte Jürgen Klopp, das lasse sich nicht zuletzt an der Entwicklung in der Bundesliga erkennen: „Wir sind auf dem Weg, uns zu finden. Und dabei haben wir schon 19 Punkte gesammelt.“ In der Tat haben sich die Dortmunder mit dem bereits vierten Saisonsieg wieder in Lauerstellung hinter Spitzenreiter Bayern München festgesetzt.

Auffällig ist, dass es Klopp trotz der frustrierenden Erlebnisse im Europapokal immer wieder gelungen ist, seine Mannschaft schnell zurück in die Spur zu bringen. „Wir haben uns den Mist am Mittwoch selbst eingebrockt und wollten gegen Köln möglichst schnell wieder unser anderes Gesicht zeigen. Wir sind mit viel Wut im Bauch aus Griechenland zurückgekehrt“, sagte Kehl, der so etwas wie der Gewinner der Euro-Krise sein könnte: Klopp hatte den Routinier bewusst in die Startelf genommen, weil er gespürt hatte, dass das Team momentan eine Leitfigur benötigt. „Wir haben Kehls Kopfballstärke, seine Zweikampfstärke und seine Erfahrung gebraucht“, hielt der Trainer ein Plädoyer für den Kapitän, der in einer schwierigen Phase ein entscheidender Stabilisator sein könnte.

Der 31-Jährige, über dessen Absetzung als Spielführer vor Saisonbeginn spekuliert worden war, ist mit seiner Präsenz für eine junge Mannschaft derzeit unverzichtbar. Kehl präsentiert sich aktuell als herausragende Persönlichkeit eines Teams, geht speziell in heiklen Phasen mit gutem Beispiel voran. Nach einem schmerzhaften Zusammenprall mit Kölns Martin Lanig ließ er sich an Seitenauslinie sogar die aufgeplatzte Oberlippe tackern. Dass er anschließend aussah, als hätte er sich Botox spritzen lassen und deshalb zum Zielscheibe von Witzen der Kollegen wurde, nahm er gern in Kauf. „Andere zahlen dafür schließlich richtig Geld“, sagte er, bevor er sich auf den Heimweg begab.

Söhnchen Sohn Luis ließ ihn dann auch herein. Seine Vorgabe hatte der Papa schließlich erfüllt.