Schwimm-WM

Biedermann holt Bronze – und ist trotzdem enttäuscht

Über 200 m Freistil wird Paul Biedermann in Shanghai von Ryan Lochte als Weltmeister entthront. Mit Bronze kann er sich nur schwer anfreunden.

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Zum Glück war Mutti zur Stelle. Debbie Phelps schüttelte ihrem tropfnassen Sohn über die Balustrade am Beckenrand hinweg aufmunternd die Hand. Der Kerl hatte es wirklich nicht leicht. Er hechelte vom WM-Finale über 200 Meter Freistil schnurstracks weiter in den Aufwärmraum zur Vorbereitung auf seinen zweiten Einsatz des Abends, im Halbfinale über 200 Meter Schmetterling.

14 olympische Goldmedaillen und 21 goldene WM-Plaketten hat Michael Phelps (26) gehamstert, ein Großteil gewann er mit einer Körperlänge und mehr Vorsprung. Nun wird der erfolgreichste Sportler der Geschichte in jedem Wettkampf von neuen Gegnern gepiesackt. Gegen seinen ärgsten Rivalen kassierte er am Dienstag eine deftige Niederlage. Der gleichaltrige Ryan Lochte wühlte sich beim prestigeträchtigsten Rennen dieser WM, den 200 Metern Kraul, am schnellsten durchs Wasser. Paul Biedermann mochte sich über seine zweite Bronzemedaille hinter Phelps nicht freuen. „Ich bin enttäuscht, vielleicht, weil ich selbst zu hohe Erwartungen hatte.“

Tatsächlich hängt Biedermann nicht sonderlich an der bronzenen Erinnerung. Er ließ die Plakette nach der Pressekonferenz auf dem Tisch liegen, sein Blick galt Olympia in einem Jahr. „So wird auch das Rennen in London besetzt sein. Ich weiß, was ich zu tun habe, um dann Sieger zu sein“, sagte er.

Lochte lächelt eher verhalten

Ryan Lochte hatte die Medaille nach der Siegerehrung in die Hosentasche wandern lassen. Auf dem Podest lächelte er mit seiner diamantbesetzten Zahnreihe eher verhalten. „Ich steh nun mal auf Diamanten und Mode“, erklärte er einer chinesischen Reporterin. „Das ist Ausdruck meiner Persönlichkeit.“

Auch für ihn ist Shanghai nur Durchgangsstation auf dem Weg nach London, zum nächsten großen Duell mit dem Überschwimmer. Lochte gegen Phelps, das ist eine uramerikanische Rivalität in seiner prächtigsten Blüte. Und vielleicht ist die WM auch der Beginn einer Wachablösung, die bei den Spielen 2012 vollzogen wird.

Ein Zweikampf wie einst zwischen den Tennisspielern Andre Agassi und Pete Sampras, mit all seinen Facetten, Wendungen und Klischees: Hier Phelps wie Sampras der stille Musterknabe , dort Lochte wie Agassi der coole Paradiesvogel. Was für den einstigen Tennis-Punk die kurzen Jeans in Wimbledon waren, sind für Lochte die schrillen Schuhe. Am Dienstag trug er giftgrüne Turnschuhe, er hat sie selbst entworfen, wie auch schon mal einen neonfarbenen Schwimmanzug.

Seit acht Jahren pflegt Lochte eine „gute Rivalität“ mit Phelps. Bis zu den Olympischen Spielen 2008 stand Lochte im Schatten des Superstars; ebenso talentiert, mit dem gleichen starken Willen ausgestattet und mit einer vorzüglichen Technik, allen voran dem kräftigen Delfinbeinschlag, der ihm unter Wasser zum Vorteil gereicht. Genau während dieser Tauchphasen hatte Biedermann das Rennen gegen seine Konkurrenten aus Übersee verloren. „Mit meinem Start und den Wenden war ich nicht zufrieden“, japste der Deutsche.

Phelps in der Verfolgerposition

Nachfolger Lochte hat sich frei geschwommen. „Jetzt bin ich in der Verfolgerposition“, hat Phelps erkannt, wie vor zehn Jahren am Anfang seiner glorreichen Karriere. „Ich bin damals immer ein Stückchen höher gestiegen. Dass ich noch mal unten stehe, macht mir Spaß. Ich werde hart dafür arbeiten, es noch einmal zu schaffen.“ Beide Amerikaner treten bei der Weltmeisterschaft in Shanghai in vier Einzelentscheidungen an, nach den 200 Meter Freistil kommt es auch morgen über 200 Meter Lagen zum direkten Vergleich. In diesem Rennen droht Phelps der nächste Hieb.

Lochte ist der einzige Schwimmer, der nach dem Verbot der Wunderanzüge Anfang 2010 zu zwei Weltrekorden schwamm, nur auf der Kurzbahn, aber über beide Lagenstrecken. Er sagt, er widerstehe täglich der Versuchung, sich dem ausschweifenden Studentenleben in Florida hinzugeben. Hat dem Cheeseburger entsagt („Ich ernähre mich seit zwei, drei Jahren gesund“) und sein Trainingspensum im Trockenen erhöht.

Michael Phelps ist nach einem kurzen Tapetenwechsel in Ann Arbor nahe Detroit wieder in seine Heimatstadt Baltimore zurückgekehrt, er braucht die vertraute Umgebung, sein Stammcafé, seine Schwimmhalle, seine Mutter. „Was Michael 2008 geleistet hat, wird definitiv in die Geschichte eingehen, aber das war vor drei Jahren, jetzt haben wir 2011, alles kann passieren. Ich habe mich seit 2008 gesteigert“, hatte Lochte bereits vor dem 200-Meter-Rennen gesagt, und in der Rückschau klingt es fast schon wie ein Abgesang auf Phelps.

Seit 2008 ist der Trainingseifer bei Phelps verblasst, darüber hat sich sein Trainer Bob Bowman wiederholt öffentlich beklagt. Er hielt ihm vor, dass er nur noch 30 statt 80 Trainingskilometer die Woche schrubbe. Schon von der vergangenen Weltmeisterschaf in Rom kehrte Phelps mit für seine Maßstäbe bescheidenen zwei Einzelsiegen heim, er verlor seinen Weltrekord über die kurze Lagendistanz – an Ryan Lochte.

Bei den panamerikanischen Meisterschaften gewann Phelps fünf Finals, Lochte sechs, und im April unterlag Phelps zum ersten Mal nach neuen Jahren und 60 Siegen infolge auf seiner Paradestrecke, den 200 Metern Schmetterling. „Das tat weh. Ich hätte die Serie gerne bis zu meinem Karriereende gehalten“, gab Phelps zu und verlor danach zwei weitere Male. „Golf spielen und 200 Meter Schmetterling vertragen sich definitiv nicht“, stichelte Bowman daraufhin.

Eisen und Hölzer beiseite gelegt

Michael Phelps beteuerte in Shanghai, er habe die Eisen und Hölzer beiseite gelegt. Davon war am Dienstag jedoch nicht viel zu spüren. Er zog nach der Niederlage gegen Lochte nur mit der drittbesten Zeit ins Delfin-Finale ein.

Der Überschwimmer hat seinen Meister gefunden. „Ich denke nie darüber nach, dass ich verlieren kann, ich denke immer nur, ich kann gewinnen“, sagte Lochte noch und verabschiedete sich mit den Worten, die der Athlet Michael Phelps als Warnung empfinden muss. „Wir sind Freunde und werden es bleiben, egal, was passiert.“