Schwimm-WM

Ohne Anzug ist Paul Biedermann nur Außenseiter

Schwimmer Paul Biedermann muss bei der WM in Shanghai beweisen, dass er auch ohne den mittlerweile verbotenen Wunderstoff zur Weltspitze gehört.

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Sie geben ein hübsches Paar ab in dieser gigantischen Schwimmhalle, die Doppel-Olympiasiegerin und der Doppel-Weltmeister, als sie zum ersten Wassertest schreiten. Sie küssen sich und halten Händchen. Auf dem Videowürfel unter der Decke, wo zwischen den Wettbewerben nach amerikanischem Vorbild turtelnde Zuschauer für den „hug moment“ gesucht und in einem Herz aus Rosen eingerahmt werden, hätten Britta Steffen, 27, und ihr drei Jahre jüngerer Freund Paul Biedermann einen Platz sicher.

Was für ein schönes Bild: Vertrautheit als Schutz vor dem, was da alles auf die erfolgreichste deutsche Sportlerbeziehungskiste einstürzen kann bei diesen Schwimm-Weltmeisterschaften. Für Paul Biedermann geht es darum, seine Titel über 200 und 400 Meter Freistil zu verteidigen – und zu beweisen, dass er auch ohne Wunderanzug zur absoluten Weltspitze zählt. Eine Frage der Ehre also. In Rom vor zwei Jahren rauschte er eingezwängt in einem Auftrieb verleihenden Weltraumstoff – „wie auf einer Luftmatratze“ (Steffen) – zu unerwartetem Ruhm. Die zweite Haut aus Plastik kam seinem Stil und seiner Physiognomie entgegen.

Jetzt drohen ihn seine Pfunde im Wasser buchstäblich runterzuziehen. Knapp 90 Kilo bringt Biedermann bei einer Größe von 1,92 Kilo auf die Waage. Während der Vorbereitung hat er noch einmal drei Kilogramm abgespeckt. „Auf Süßes verzichten und viel Wasser trinken“, umreißt Biedermann seine Diät.

Die Sache mit den überschüssigen Kilos verfolgt ihn seit dem Verbot der Anzüge Ende 2009. Immer wieder hat er sich gewogen und wurde nicht selten für zu schwer befunden. „Jetzt fühle ich mich wohl und topfit“, sagt er. Und sein Trainer Frank Embacher lobt Biedermanns Disziplin im Wasser und bei der Nahrungsaufnahme. Doch Superstar Michael Phelps stichelte gestern: „Er wird es schwerer haben als in Rom.“

Als ob er den 14-maligen Olympiasieger widerlegen wollte, übte Biedermann in den Tagen vor Beginn der Beckenwettbewerbe noch einmal Starts. Eine Schwachstelle, die er schon im Training mit der deutschen Turner-Nationalmannschaft in seiner Heimat Halle auszumerzen versuchte. In der Vergangenheit hatte er sich nach dem Startschuss nicht kraftvoll genug abgedrückt und büßte auch beim Wenden immer wieder Zehntelsekunden ein.

Nach zwei kurzen Einheiten im Indoor Stadium, das 18.000 Zuschauern Platz bietet, zog er sich eine Wollmütze über, um einer Erkältung vorzubeugen. Die größte Gefahr für ihn besteht gleichwohl in der starken Konkurrenz. Heute über 400 Meter muss er sich mit dem Koreaner Tae-Hwan Park und dem Chinesen Sun Yang messen, beide schlugen in Textil nur knapp über Biedermanns Weltrekordzeit an. Gleich im Vorlauf wollte der Titelverteidiger „volle Pulle schwimmen“, kündigte sein Trainer Frank Embacher an, schließlich schwamm er da schon in einem Lauf mit Europameister Yannick Agnel.

Über 200 Meter am Dienstag will dann Michael Phelps Revanche nehmen. Die vielleicht größte Ernüchterung für Biedermann ist, dass auch in diesem Rennen fast niemand den Mann aus Halle an der Saale auf der Rechnung hat. Hier ist der Star der vergangenen Asienspiele, Tae-Hwan Park, neben Phelps und dessen Teamkollege Ryan Lochte ebenfalls hoher Favorit.

Mit einer Niederlage angefreundet

Biedermann hat sich mit einer Niederlage offenbar angefreundet – oder ließ er sich clever in die Rolle des Außenseiters drängen? Dass er ohne Medaille in den Einzelwettbewerben aus Shanghai abdampfen könnte, „kann passieren, aber dann muss ich so stark sein und meinen Weg trotzdem weitergehen“, sagt Biedermann. Immerhin wisse er dann, woran es hapert.

Die Weltmeisterschaft könnte er als lehrreiche Durchgangsstation auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2012 abhaken und gegebenenfalls Trost bei seiner prominenten Partnerin suchen. Auch Britta Steffen sieht sich in Shanghai starker Konkurrenz ausgesetzt. Die Niederländerinnen Ranomi Kromowidjojo und Femke Hemskerk, die Britin Fran Halsal sowie die Schwedin Therese Alshammar schwammen allesamt schneller als die blonde Deutsche seit deren Comeback.

Die Mühen, sich wieder an die Weltspitze heranzuarbeiten, meisterte sie auch dank Biedermann. „Es ist schön, jemand um sich zu haben, der das gleich fühlt und denkt“, sagt Steffen. Tatsächlich lassen die beiden keinen Zweifel daran, dass sie gemeinsam das Abenteuer in Fernost bereit sind zu bestehen. Dabei gehen sie durchaus auch getrennte Wege. Während Steffen zu Hause in der Hauptstadt Berlin blieb, holte sich Biedermann seinen letzten Schliff im Trainingslager von La Caleta auf Teneriffa. Und im Mannschaftshotel teilt Steffen mit Brustschwimmerin Sarah Poewe das Zimmer, während Biedermann mit Clemens Rapp zusammen wohnt.

Er hat offensiv wie kühn angekündigt, seine beiden Titel verteidigen zu wollen. Steffen gäbe sich mit weniger zufrieden: „Ich will mich in der Elite der Welt behaupten und eine Medaille gewinnen. Dann wäre das eine super Ausgangsposition für die Olympischen Spiele.“

Verkehrte Vorzeichen

Die Vorzeichen haben sich ins Gegenteil verkehrt. Bei den vergangenen Sommerspielen 2008 schlich sie mit Leidensmiene durch den Pekinger Wasserwürfel, eine fremde Berührung schien zu genügen und sie wäre zerbrochen. Den Triumphzug in China wertet sie noch heute als „Sieg über den Schweinehund“, aber die Zweifel sind auch nach ihrer Rückkehr ins Reich der Mitte geblieben. „Ich werde vor einem Wettkampf immer ein Nervenbündel bleiben.“

Dabei sind ihre Zeremonien vor ihren vergangenen Großtaten in der Rückschau legendär. In Peking ging sie in einen Tempel, in Rom besuchte sie eine Kirche, sie horchte in sich hinein, meditierte, versuchte zur Ruhe zu finden. Auch nach ihrem Einsatz heute in der 4x100-Meter-Staffel will sie in den drei Tagen der Wettkampfpause einen Platz zur inneren Einkehr suchen.

Für Britta Steffen wird es eine neue Erfahrung werden, ohne öffentlichen Druck den Gang vom Aufwärmraum zum Startblock anzutreten. Denn wohl nur die Verantwortlichen des Deutschen Schwimmverbandes, Sportdirektor Lutz Buschkow und Bundestrainer Dirk Lange, erwarten eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte.

Ihren Trip nach Shanghai kann sie genießen, „weil ich nicht mehr irgendwem was beweisen muss. Ich habe meine Schäfchen im Trockenen. Und alles, was ich jetzt mache, ist Kuchen essen.“

Mit wem sie ihn teilen will, ließ Britta Steffen offen.