Schwimm-WM

Bronze – Biedermann glücklich, Steffen frustriert

Paul Biedermann schwimmt bei der WM in Shanghai über 400 Meter Freistil auf Platz drei. Britta Steffen enttäuscht beim Bronzegewinn der Frauen-Freistilstaffel.

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Jetzt haben auch die Schwimmer das große Spektakel entdeckt. Wenn die Deckenleuchten ausgehen, wirbeln bunte Lichtkegel über die Zuschauertribüne, dramatische Musik dringt aus den Lautsprechern. Bestimmt wird einer in den nächsten Tagen noch eine Nebelmaschine anwerfen. Zum ersten Mal huldigen sie bei einer Weltmeisterschaft jedem Athleten einzeln. Vom Hallensprecher im Indoor Stadion von Shanghai aufgerufen, treten sie vom Warteraum durch eine Schiebetür in die Manege und vor die 18.000 Zuschauer; einen Moment, den Paul Biedermann schlicht „elektrisierend“ fand.

Die Gladiatoren haben sich gewappnet für den Einzug, beim ersten Finale dieser Weltmeisterschaft über 400 Meter Freistil zogen sie ihre dunklen, teils verspiegelten Schwimmbrillen bereits für den Weg zum Startblock auf die Augenpartie. Sie verhüllten ihre Anspannung vor Publikum, Fernsehkamera und Gegner, wie es Formel-1-Fahrer schon immer gepflegt haben.

Biedermann zog unter dem getönten Blick grimmig die Mundwinkel herunter, das Gesicht von Europameister Yannick Agnel wirkte wie mit Chlor gebleicht. Sun Yang, der chinesische Favorit, empfing seine Landsleute besonders abgeschottet. Das Gejohle konnte und wollte er wohl auch nicht hören. Yang trug tellergroße Köpfhörer und ließ sich beim Einmarsch nur zu einem mechanischen Handheben verleiten.

Einer dieser Popstars des Wassers hielt am Sonntag mit seiner Mimik nicht hinterm Berg: Park Tae-Hwan. Der Südkoreaner war sich seiner Sache offenbar sehr sicher. Er winkte vor Startblock eins freudig in die Menge und wagte sogar einen Blick hinüber, als weitere sechs Mitstreiter neben ihm Stellung bezogen und ihre mächtigen Arme ausschüttelten; jener Park, der zwar Olympiasieger ist, sich aber vor zwei Jahren bei der WM in Rom in der gleichen Disziplin spektakulär im Vorlauf herausbadete – und auch bei diesen Titelkämpfen nur als Siebter ins Finale rutschte.

Ein Bluff und der Beweis, dass Mätzchen in einem hochklassig besetzten Finale, „dem besten seit Jahrzehnten“, wie Biedermann fand, bei der Medaillenvergabe tief blicken lassen. Park verfehlte zwar entgegen seiner Ankündigung Biedermanns Weltrekord um zwei Sekunden, seinen Start-Ziel-Sieg vor Sun Yang aber errang er mit einer Leichtigkeit, die zu seinem tiefenentspannten Auftritt vor dem Rennen passte.

Biedermann vertraute auf ein gewohntes Ritual. Er schlug sich vor dem Start mit der Faust auf die linke Brust. Der Mutmacher in eigener Sache zeigte Wirkung. Von den internationalen Experten abgeschrieben, schwamm der 1,92-Meter-Mann das schnellste Rennen seiner Karriere ohne einen Plastikanzug; auf den war er nach seinen zwei Titelgewinnen 2009 reduziert worden. „Ich habe Bronze gewonnen und bin sehr glücklich damit. Es ist meine beste Bronzemedaille, die ich jemals gewonnen habe“, entfuhr es dem hernach dauerlächelnden Biedermann.

Er tat etwas für seinen Ruf, das war ihm wichtig. Biedermann galt als reiner Anzugschwimmer. Oben ohne hatte er sich bis dato kaum Respekt verschafft. Bei der EM vor einem Jahr ließ er sich vom Franzosen Agnel entzaubern. Nun rückte er genüsslich das seiner Meinung nach schiefe Bild zurecht, Agnel wurde nach furiosen vier Bahnen bis auf Platz sechs durchgereicht.

Biedermann verfolgte eine entgegengesetzte Taktik, lag nach 300 Meter nur auf Platz sieben. „Ich habe mein Ding stur durchgezogen“, sagte Biedermann. Auch nach 200 Metern, als er merkte, dass „der Park weg ist, dann ging es nur noch um Silber oder Bronze“. Am Ende blinkte auf dem Videowürfel unter der Hallendecke 3:44,14 Minuten auf, zwei Sekunden langsamer als Park, aber so schnell war Biedermann seit dem wundersamen römischen Sommer nicht mehr durchs Becken geschwommen.

Der Sieg über seine Zweifler war wichtig fürs Selbstvertrauen. Auf ihn kommt eine einjährige Herkulesaufgabe zu, will er an seinem großen Traum festhalten: einen Sieg bei den Olympischen Spielen 2012. Auch um eine negative Erfahrung ist Biedermann reicher auf dem Weg nach London. „Diesmal gehörten die letzten 50 Meter nicht mir, sondern Sun Yang, das war für mich sehr interessant. Daraus werde ich versuchen zu lernen.“

Er mag zwar immer noch Praktikant der Wasserwerke in Halle an der Saale sein, aber auf internationalem Parkett bewegt er sich sicher. Biedermann übernahm auf der Pressekonferenz kurzerhand selbst die Übersetzung ins Englische und parlierte mit Journalistenkollegen aus Japan, den USA und Frankreich.

Da konnte der vielgefragte Ex-Weltmeister seiner Freundin nicht beistehen. Britta Steffen gewann zeitgleich mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel Bronze hinter den Niederlanden und den Amerikanerinnen. Aber die Olympiasiegerin mochte partout nicht einstimmen in die Feierlaune, die ihre Kolleginnen Silke Lippok, Lisa Vitting und Schlussschwimmerin Daniela Schreiber in der Mixed-Zone verbreiteten. Die Berlinerin kauerte tief geknickt auf einem Plastikstuhl und grübelte über ihre maue Zeit. „54,51 Sekunden – damit bist du nur Mittelklasse“, grummelte sie. „Damit kommst du nicht mal ins Finale.“ Als sie auf die Anzeigetafel geschaut habe, war sie geschockt: „Ich dachte, ich hab mich verguckt.“

Die deutsche Männerriege mit Markus Deibler, Benjamin Starke, Christoph Fildebrandt und Marco di Carli wurde Siebter; es gewann Australien vor Frankreich und den USA. Für die erfolgsverwöhnten Amerikaner eine Schlappe, da konnte auch der Einsatz von Michael Phelps als Startschwimmer nichts ändern. Für die Einzelrennen hat der Rekord-Olympiasieger Besserung gelobt.

Über 200 Meter Freistil hat er noch eine Rechnung mit Biedermann offen, in Rom verlor er über die Distanz klar gegen den Deutschen. „Ich bin in einer viel besseren Form als letztes Jahr. Das wird eine herausfordernde Woche“, brummte Phelps auf einer Pressekonferenz. Da kann Biedermann bestimmt neue Lehren ziehen.