Schwimmen

Doping-Verdacht – Weltmeister Cielo wird ausgebuht

Der dopingbelastete Brasilianer Cesar Cielo weint nach seinem Sieg über 50 Meter Schmetterling. Die Konkurrenten halten ihn für einen Schauspieler.

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Cesar Cielo hängt mit seinem hünenhaften Oberkörper auf der roten Schwimmleine und weint. Siegertränen verdrücken viele, aber dieser Moment tut weh. Die besiegten Gegner im Finale über 50 Meter Schmetterling sind längst dem Becken entstiegen, da drückt sich der neue Weltmeister immer noch die tränennassen Augen. Wirklich ein „Ausbruch der Erleichterung“, wie der Brasilianer später versichern wird, oder alles nur gespielt, wie Silbermedaillengewinner Matthew Targett aus Australien mit einer Reibebewegung unter dem Lid andeutete?

Dinko Jukic steht an einem Absperrgitter und stiert auf den Boden. Ein Journalist will wissen, ob er zuletzt zur Dopingprobe musste. Er bekommt keine Antwort, auf Nachfrage wendet er sich kommentarlos dem nächsten Fragesteller zu. Beim dritten Mal wirft der österreichische Delfin-Spezialist gelangweilt in die Runde. „Am 3. August wird sich alles klären. So einfach ist das.“

Ist es das? Die Geschichten von Cielo und Jukic sind nicht miteinander verknüpft, beide aber haben mit Doping zu tun und sprechen Bände über den Umgang dieser Sportart mit dem hässlichen D-Wort. Cielo wurde kurz vor der WM positiv auf das Doping verschleiernde Mittel Furosemid getestet. Die brasilianische Antidopingbehörde beließ es bei der mildesten Sanktion: einer Verwarnung.

Daraufhin rief der Schwimm-Weltverband Fina den Internationalen Sportgerichtshof Cas zur Klärung an. In einem Eilverfahren sprach die Schweizer Instanz am Donnerstag vergangener Woche Cielo das Startrecht für Shanghai zu. „Das ist für mich nach wie vor völlig unverständlich und ein falsches Signal“, sagte Steffen Deibler aus Hamburg nach Platz sechs und grummelte: „Der hat hier eine Show gemacht.“

Eine Urteilsbegründung wollen die Richter nachliefern. Vermutlich wurde Cielo wegen eines Verfahrensfehlers freigesprochen. Er behauptet, verunreinigte Koffeinpillen geschluckt zu haben.

Cielo sprach mit stockender Stimme

Am Montag durfte sich der stark angefasste Sieger den „psychischen Stress“ von der Seele reden. „Ich habe bei dieser Goldmedaille andere Gefühle als bei allen Medaillen zuvor“, sprach Cielo mit stockender Stimme. „Mein eigentliches Talent ist das Schwimmen, aber diesmal musste ich auch beweisen, wie gut ich im Aufstehen bin.“

Bei Dinko Jukic liegt der Fall so: Er bekam unangemeldeten Besuch von den Kontrolleuren. Im Wiener Stadionbad verweigerte der Blondschopf am 24. Mai vor dem Training die Abgabe einer Blutprobe. Formal ist das ein positiver Test, aber jetzt sind erst einmal die Anwälte am Zug. Erst führte Jukic mangelnde hygienische Zustände an, dann wurde über den Österreichischen Schwimmverband (OSV) eine Erklärung veröffentlicht.

Die Kontrolleure zogen wieder ab

Demnach habe er nach Rücksprache mit OSV-Generalsekretär Thomas Gangel um einen Test nach dem Training gebeten, da aus Sicht von Jukic die Voraussetzungen für eine „entsprechende Kontrollstation“ nicht gegeben waren. 15 Minuten später sei ihm der Aufschub durch die nationale Antidopingagentur gewährt worden. Doch zehn Minuten vor Ende des Trainings seien die Kontrolleure unverrichteter Dinge abgezogen. Am 3. August muss sich Jukic einer Kommission der österreichischen Dopingagentur stellen. Die Fina ist alarmiert.

Lange sahen die Funktionäre manch undurchsichtigem Treiben und vollmundiger Erklärungen der Athleten tatenlos zu und mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, wenig Interesse an der Überführung von Dopingsündern zu haben: Der französische Olympiazweite Fredrick Bousquet wurde beispielsweise der Einnahme von Heptaminol überführt. Urteil: zwei Monate Sperre. Der Sprinter, am Montag Vierter, gab an, sich eine Hämorrhoidensalbe besorgt und angewandt zu haben, ohne den Beipackzettel zu lesen.

Jetzt sollen schwarze Schafe etwas härter angepackt werden. Erstmals seit 2005 werden bei dieser WM wieder Bluttests durchgeführt, das hat die Fina jedenfalls angekündigt. Außerdem will der Dachverband Blutprofile anlegen lassen, wie es der Radsport 2008 eingeführt hat.

Bei den Sportlern ist die Botschaft noch nicht angekommen. Für kritische Fragen hatte Dinko Jukic einen Tag vor seinem Vorlauf über 200 Meter Schmetterling so wenig übrig wie Cielo nach seinem Sieg. Was er zu den Buhrufen bei der Siegerehrung sage? Die habe er nicht gehört, behauptete Cielo und widersprach sich gleich im nächsten Satz: „Diese ganzen Fragen finde ich ärgerlicher als alle Buhrufe.“

Den Weltrekord über 50 Meter Schmetterling hält übrigens Rafael Munoz. Der Spanier war vor der EM im vergangenen Jahr bei drei Dopingkontrollen nicht anzutreffen gewesen. Er sei in einem „psychischen Ausnahmezustand“ gewesen, behauptete er und legte der Fina das Attest seines Hausarztes vor. Er durfte starten und holte den Titel.

In Shanghai ist Munoz nicht dabei. Er konnte sich nicht qualifizieren.