Fußball-Drittligist

Ex-Herthaner soll SV Babelsberg 03 retten

Beim Fußball-Drittligisten SV Babelsberg 03 ist vieles in Ordnung zu bringen. Dafür hat sich der Verein die Dienste von Ex-Herthaner Klaus Brüggemann als neuen Geschäftsführer gesichert. Und der 52-Jährige hat große Pläne.

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Draußen vor dem Stadion kreischen die Maschinen und rollen Bagger, in den Büroräumen wuseln die Mitarbeiter durch die Gänge. Die neuen blauen Sitzschalen auf der Tribüne sind noch in Plastikfolie eingepackt, darüber wabert der unverkennbare Baustellengeruch von abgeschliffenem Beton. Es ist der Geruch des Neuanfangs beim SV Babelsberg 03. Pünktlich zum Heimauftakt im DFB-Pokal gegen Duisburg übernächste Woche wollen sie in Potsdam nicht nur ihr renoviertes Karl-Liebknecht-Stadion, sondern auch einen neuen Verein mit einer neuen Mentalität präsentieren. Der Slogan dafür lautet: „Berlins geilster Verein – Näher dran geht nicht“; drei Dauerkarten gibt es zum Preis von zwei. „Unsere Werbeplakate werden wir auch in Köpenick aufhängen. Nach allem was passiert ist, steht es uns irgendwie zu, selbstironisch zu sein“, sagt Präsident Thomas Bastian.

Der Begriff Ironie ist vielleicht untertrieben. Denn die Babelsberger Skandale der letzten Wochen und Monate muten eher grotesk an. Ende Mai verkündete Ex-Präsident Rainer Speer, dass dem Drittligisten 1,4 Millionen Euro zur Deckung des 3,1-Millionen-Euro-Etats fehlten. Der Zwangsabstieg drohte. Kurz darauf wurde die Geschäftsstelle vom Landeskriminalamt durchsucht. Der zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgetretene Aufsichtsrats-Chef Peter Paffhausen hatte in seiner Funktion als Chef der Potsdamer Stadtwerke über die Stadtwerketochter EWP zwei Jahre lang illegale Bürgschaften gewährt, um Bilanzlücken auszugleichen. Ebenfalls bekannt wurde, dass Paffhausen seiner EWP, mit 370.000 Euro pro Saison Hauptsponsor des Vereins, die Gesamtprojektsteuerung für die Sanierung des Stadions zugeschustert hatte. Dass einen Monat zuvor Haftbefehl gegen Mittelfeldspieler Süleyman Koc wegen des Verdachts auf schweren Raub erlassen wurde, mutierte da schon zur Randnotiz.

Doch Babelsberg wäre nicht Babelsberg, wenn es sich nicht irgendwie am eigenen Schopfe aus dem Potsdamer Filz gezogen hätte. Die Runde um Speer, Paffhausen und anderen Vertretern der Brandenburger Politik musste gehen. Dank einer Bankbürgschaft und einem Zuschuss der Stadt konnte der Etat ausgeglichen und die Lizenz gesichert werden. Die Fans steuerten mit Hilfe zahlreicher Spendenaktionen einen sechsstelligen Betrag bei. Der Brand ist gelöscht, jetzt folgt der Neuaufbau. Dazu hat Babelsberg sich die Dienste von Ex-Herthaner Klaus Brüggemann (52) als neuen Geschäftsführer gesichert. „Die Situation hier erinnert mich daran, wie ich 1994 bei Hertha BSC angefangen habe. Damals hatten wir gerade einmal vier Sponsoren“, sagt der Betriebswirt. Vor 17 Jahren gründete Brüggemann bei Hertha einen Förderkreis und akquirierte Geldgeber, später fungierte er im Aufsichtsrat und als Präsidiumsmitglied. Innerhalb von 15 Jahren stieg der Jahresumsatz von sechs Millionen Mark auf 80 Millionen Euro. Jetzt soll Brüggemann der neue starke Mann in Babelsberg werden. „Am Anfang war ich schon skeptisch. Leute wie Falko Götz haben mich angerufen und gefragt, ob ich irre sei“, gesteht er.

Doch Brüggemann will die Herausforderung. Der gebürtige Dortmunder gilt als Finanzexperte mit guten Kontakten in Wirtschaft und Sport. In Babelsberg will der gelernte Koch das Potenzial der Region nutzen. „Der Verein muss sich öffnen. Wir wollen das Bunte und Tolerante nach Berlin transportieren.“ Mit dem Motto „Näher dran geht's nicht“ soll die Nähe des Vereins zur Hauptstadt hervorgehoben werden. Die Zielgruppe: „Mitte und Prenzlauer Berg“. Dazu setzt er auf die Fans: „Was die mit den Spendenaktionen geleistet haben, ist unglaublich.“ 600 statt vormals 450 Dauerkarten, 4000 statt 2800 Zuschauer pro Spiel, außerdem soll ein namhafter Trikotsponsor her – Brüggemann ist ehrgeizig. Trotzdem warnt er vor zu hohen Erwartungen: „Unser Ziel kann nur der Klassenerhalt sein.“ 13 Abgängen stehen zehn Zugänge gegenüber. „Die meisten müssen sich erst mal an die dritte Liga gewöhnen“, sagt Trainer Dietmar Demuth.

Schon bald könnte es zum ultimativen Härtetest für die Mannschaft kommen. Denn Brüggemann hat bereits ein Freundschaftsspiel gegen Hertha im Hinterkopf. „Warum sollte ich meine Kontakte nicht nutzen? Außerdem hängt mein Herz noch an dem Klub, alles andere wäre geheuchelt“, sagt er und zieht seine Hertha-Mitgliedskarte hervor, Mitgliedsnummer 958.