Radsport

Massensturz – Die Tour de France wird zum Gemetzel

Die Tour de France verliert durch Stürze immer mehr Teilnehmer und muss erkennen, dass sie an Grenzen stößt. Vor allem bei engen Straßen.

Wenn selbst ein Tausendsassa wie Alexander Winokurow auf seinem Rennrad das Grausen bekommt, dann müssen die Dinge wirklich schlimm stehen. Bevor er am Sonntagabend im Hospital von Pitie-Salpetriere in den Operationssaal geschoben wurde, reflektierte der Kasache seine folgenschwere Havarie auf der neunten Etappe der Tour de France, und es klang beinahe philosophisch. Ja, gab Winokurow zu, er habe Angst gehabt, denn „wenn du in einen Abgrund stürzt, weißt du nie, wie es ausgeht“. In seinem Fall definitiv ungünstig. Wegen eines Oberschenkelhalsbruchs muss der 37-Jährige die Tour aufgeben.

Mit ihm waren am Sonntag etliche Fahrer des bergab rasenden Hauptfeldes zu Fall gekommen („Plötzlich war da eine sehr enge Linkskurve“), alles endete in einem beträchtlichen Gemetzel . „Es gehen einem viele Sachen durch den Kopf“, sagte Winokurow der Zeitung „L’Equipe“ noch: „Ich habe sofort an meinen Kumpel ‚Kiwi’ gedacht.“ Andrej Kiwilew war 2003 beim Rennen Paris–Nizza tödlich gestürzt.

Nach dem Tod des belgischen Radprofis Wouter Weylandt während des Giro d’Italia vor zwei Monaten ist die Szene extra sensibilisiert. Den Tour-Organisatoren wird vorgeworfen, gefährliche Passagen wie jene am Sonntag im Zentralmassiv nicht ausreichend gekennzeichnet zu haben. Bereits nach der ersten Rennwoche haben mehr als ein Dutzend Fahrer ihre Ambitionen an französischen Straßenrändern begraben müssen, darunter Mannschaftskapitäne wie Bradley Wiggins (Sky) und Jürgen van den Broeck (Omega-Pharma-Lotto). Im Rennen herrscht Nervosität allenthalben, „jeder geht ein größeres Risiko ein als bei anderen Rennen“, weiß der Deutsche Jens Voigt: „Was wir hier machen, das ist ein Vollkontaktsport, kein Bowling.“

Routiniers wie der zweimalige Tour-Gewinner Bernard Thevenet finden die Hektik „normal“: „200 Fahrer sind unterwegs, der Kampf ist rüde um sich unter den besten 30 zu platzieren. Wenn wenig Platz da ist, reicht ein kleiner Fehler, und schon finden sich zehn am Boden wieder.“

Helge Riepenhof, Teamarzt des HTC-Highroad-Rennstalls, führt seit Jahren Statistik. Demnach kommt jeder HTC-Fahrer pro Rennwoche durchschnittlich 2,1-mal zu Fall. Meist gehen Stürze im Rennfahreralltag glimpflich aus. Laut einer von Riepenhof mitverfassten Studie von 2006 stürzt ein Berufsradrennfahrer bei durchschnittlich 31.100 Kilometern pro Jahr nur alle 36.900 Kilometer derart schwer, dass er schlimmere Verletzungen als Schürfwunden erleidet.

Besonders risikoreich ist die Teilnahme an der Frankreich-Rundfahrt, dem wichtigsten Wettkampf des Jahres. Riepenhof fährt jede Etappe gemeinsam mit HTC-Berater Erik Zabel vor den Profis mit dem Auto ab. Informationen über besonders gefährliche Passagen geben beide sofort weiter. „Deswegen“, sagt Riepenhof, „ist die Beibehaltung des Teamfunks auch so wichtig.“

Zumal dann, wenn es eng zugeht – und das ist dieser Tage immer wieder zu beobachten in Frankreich. 2400 Fahrzeuge sind während der drei Wochen akkreditiert. Allein rund 130 davon rollen in jener Karawane mit, die sich tagtäglich zum Etappenzielort aufmacht, und in der die Profis bisweilen wirken wie verirrte Fahrradkuriere im Stadtverkehr von New York. Längst hat die Tour eine Dimension erreicht, die zu Komplikationen führt. Schmale Straßen mögen besonders pittoresk sein fürs Fernsehen und herausfordernd für die Fahrer. Jedoch bergen sie umso mehr Gefahren, je mehr Fahrzeuge sich über sie quetschen.

Sonntag bekam es ein Millionenpublikum besonders perfide illustriert. Da rempelte ein Auto des französischen Fernsehens in dem wahnwitzigen Versuch, eine fünfköpfige Fluchtgruppe rasant zu überholen, Juan Antonio Flecha und Johnny Hoogerland von der Straße. Hoogerland kämpfte minutenlang mit dem Stacheldraht, in dem er sich verfangen hatte, und stöhnte im Ziel blutüberströmt: „Ich habe bloß an Wouter Weylandt gedacht, als ich fiel.“

Etappensieger Luis Leon Sanchez schimpfte: „Das ging den ganzen Tag so. Auf kleinen Straßen wie diesen wurden wir von jeder Menge Fahrzeuge sehr eng mit großer Geschwindigkeit überholt.“ Der Franzose Sandy Casar klagte an: „Wir sind die Hauptakteure – aber wir werden immer weniger beachtet.“