Play-off-Finale

Für Katzurin ist Basketball eine Lebenseinstellung

Alba-Coach Muli Katzurin hat die Berliner ins Finale geführt. Am Mittwoch hat sein Team gegen Bamberg die Chance, die Serie gegen den Meister noch zu drehen. Der Trainer meint: "Wir können das schaffen."

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Vorfreude ist Muli Katzurin anzumerken. „Basketball ist ein emotionaler Sport, ich liebe es, Teil davon zu sein“, sagt der Cheftrainer von Alba Berlin. Und vor allem im Play-off-Finale, wenn sich noch mal alles extrem verdichtet, jeder auf dem Feld noch härter hinlangt, verbale Scharmützel an der Tagesordnung sind, die Fans noch lauter schreien und trommeln, „wenn es wirklich um alles geht“, dann ist der 56-Jährige so richtig in seinem Element. „Dafür leben wir doch.“ Wir – die Mannschaft, die Trainer, die Fans, der ganze Klub.

Dieser Mittwoch ist wieder so ein Tag, wenn sein Team im zweiten Finalspiel der Serie „Best of five“ in der O2 World (19 Uhr) auf den Titelverteidiger Brose Baskets Bamberg trifft. 76:90 hat Alba die erste Partie am Sonntag in Bamberg verloren, die Wende kann nur über einen Sieg in eigener Halle gelingen. „Wir können das schaffen“, sagt er voller Überzeugung und schaut mit wachen Augen.

Keine Spur von Müdigkeit, obwohl er selbst zugibt, zuletzt schlecht geschlafen zu haben. „Aber das ist nach Spielen immer so – egal, ob nach einem Sieg oder einer Niederlage.“ Er kommt dann sowieso nicht zur Ruhe. „Basketball ist meine Leidenschaft.“ Und deshalb arbeitet der Israeli auch gleich in der Nacht nach und vor. Ganz nach seinem Credo: „Basketball-Coach bist du rund um die Uhr.“ Bei seinen Stationen außerhalb der Heimat war er immer alleine unterwegs, die Familie besuchte ihn oft, blieb aber in Israel wohnen. Er hat zwei erwachsene Kinder, der Sohn ist 22, die vier Jahre ältere Tochter wird Ende des Monats heiraten, erzählt der stolze Papa.

Diese Spannung, der Nervenkitzel, die Herausforderung, den richtigen Plan zu finden, eine Mannschaft optimal vorzubereiten, fehlte dem in Tel Aviv geborenen Katzurin vor fünf Monaten. Er, der schon mit 23 Jahren („Als Spieler war ich nicht gut genug, um Profi zu werden“) als Assistenztrainer begann, der später in Israel, in Polen und Tschechien bei Klubs als Chefcoach Titel en masse holte und der israelischen und polnischen Nationalmannschaft vorstand, saß zu diesem Zeitpunkt unglücklich in seinem Büro beim israelischen Verband. Für fünf Jahre hatte er im Herbst 2010 als Sportdirektor dort angeheuert. Jetzt kann er darüber scherzen: „Das ist zweifellos eine wichtige Aufgabe, aber das kann ich mit 80 Jahren ja auch noch machen.“ Er merkte: „Da hatte ich einen Fehler gemacht.“ Er braucht einfach die Halle, das Training, die Spiele, nicht Akten, Organigramme, Büro. „Ich hätte sowieso aufgehört.“

Dann kam das Angebot von Alba. „Genau zum richtigen Zeitpunkt“, erinnert sich Katzurin. Alba-Geschäftsführer Marco Baldi spricht im Rückblick von einer „glücklichen Fügung“. Katzurin gehörte zu einer überschaubaren Gruppe von Trainern, „die in Europa Spuren hinterlassen haben“. Es sei bei der Nachfolger-Suche für den kurz zuvor beurlaubten Trainer Luka Pavicevic natürlich auch „um Verfügbarkeit“ gegangen. Und Muli Katzurin war verfügbar, der mit Vornamen eigentlich Samuel heißt, der sich aber selbst auf seinem Anrufbeantworter kurz mit einem sonoren „Muli“ meldet.

Berlin ist seine 14. Trainerstation

Am 24. Januar landete Katzurin morgens auf dem Flughafen Schönefeld – und begann sofort mit der Arbeit. Der Israeli übernahm eine verunsicherte und instabile Mannschaft, krempelte das Team ziemlich um, trichterte ihm einen schnelleren und attraktiveren Stil ein. Und führte es, trotz aller Rückschläge, ins Finale.

In seiner langen Trainer-Karriere – Berlin ist seine 14. Station – sprang er zum ersten Mal mitten in einer Saison ein. Bei diesem Thema kommt ganz schnell ein lautes „never“. Nie, nie mehr wird er sich auf so etwas einlassen. „Das ist nicht mein Ding. Ich will normalerweise eine Mannschaft entwickeln, Schritt für Schritt über die ganze Saison.“ Das fängt eben im Trainingslager an. „Das Ziel hier war einfach: Resultate zu bringen, nichts sonst.“ So musste er Konzessionen machen, weil Dinge nicht mehr zu ändern waren, die er von vorneherein anders gemacht hätte. Aber: „Lassen Sie uns nicht über die Vergangenheit sprechen.“ Nur so viel: „Das war wirklich nicht einfach und eine große Herausforderung für mich.“ Dass fünf der ersten sieben Spiele unter ihm verloren gingen, machte alles noch schwieriger. Doch er ging seinen Weg.

Katzurin macht klare Ansagen. „Die Spieler haben zu tun, was ich von ihnen verlange.“ Ehrlichkeit und Gradlinigkeit fallen Baldi gleich ein, wenn er Katzurin charakterisieren soll. „Er ist kein Mann des Konjunktivs.“ Hätte, könnte, würde – in seinem Sprachschatz so gut wie nicht vorhanden. Jeder kann Fehler machen, wenn der Gegner besser oder schneller ist. „Aber ich hasse dumme Fehler“, sagt der Trainer. Ein Fehlpass ohne Not, eine Nachlässigkeit in der Abwehr – sofort kann es einem Spieler passieren, dass er auf die Bank beordert wird.

„Er hat da seine spezielle Art mit Wechseln“, sagt Flügelspieler Sven Schultze. „Mancher mag sagen: Was macht er denn jetzt schon wieder? Aber alles hat Hand und Fuß – und der Erfolg gibt ihm Recht.“ Sicher brodelt es in ihm, aber an der Seitenlinie ist Katzurin selten richtig impulsiv. „Das kommt durch Erfahrung“, sagt er. Seinem Team helfe er mit Ausbrüchen eher nicht. Dass er – wie sein Vorgänger – Spieler bei einer Auswechslung so zusammenfaltet, dass der riesige Profi anschließend eigentlich in ein Trikot mit Größe M passt, kommt so gut wie nicht vor.

Der Privatmensch Katzurin hat es „gern ruhig“. Er entspannt bei Oldies, liebt die ruhigen Titel zum Beispiel von Elvis Presley. Er ist keiner für Bars und Partys, „Alkohol trinke ich sowieso nicht“. Lieber geht er mit seiner 36-jährigen Lebensgefährtin Marketa ins Kino oder in ein Restaurant. Aber wann hat er schon mal Zeit? „Basketball-Trainer zu sein, ist eben eine Lebenseinstellung.“