Lukas Podolski

"Löw hat mir in meiner Karriere sehr geholfen"

Lukas Podolski erklärt bei Morgenpost Online, warum er die Vertragsverlängerung des Bundestrainers begrüßt und Köln am Beginn eines Aufschwungs ist.

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Er steht sinnbildlich für den Aufschwung, den der 1. FC Köln in den vergangenen Wochen erlebte. Nach dem 2:6 beim HSV hat Lukas Podolski (25) den Klassenerhalt mit den Rheinländern zwar noch nicht sicher. Doch als Kapitän wird der Nationalstürmer den Ansprüchen als Hoffnungsträger immer öfter gerecht. Am Samstag erzielte er immerhin ein Tor. Nun trifft er am Samstag mit Deutschland auf Kasachstan. Das Hinspiel in der EM-Qualifikation gewannen Podolski und Co. mit 3:0.

Morgenpost Online: Herr Podolski, kommt Köln nach dem Debakel beim HSV noch mal in Abstiegsgefahr?

Lukas Podolski: Wenn wir es nicht abstellen, nur alle 14 Tage gute Leistungen abzurufen und auswärts regelmäßig zu versagen, dann ja. Wir wurden vom HSV eiskalt bestraft, haben viel zu viele individuelle Fehler gemacht.

Morgenpost Online: Im Herbst 2010, als Köln auf einem Abstiegsrang lag, haben Sie Generalkritik geübt und gesagt, dass es so nicht weitergehen darf.

Podolski: Ich habe die Dinge damals angesprochen, weil ich deutlich merkte, dass vieles in die falsche Richtung lief. Vielleicht hatte es eine Signalwirkung. Nun sind wir trotz der Niederlage insgesamt auf einem guten Weg. Wir dürfen nur nicht nach vier, fünf guten Spielen zu euphorisch werden. Mein Ziel ist es, hier in den kommenden Jahren mitzuhelfen etwas zu entwickeln. In dieser Saison müssen wir die Klasse halten. Aber dann muss es schrittweise nach oben gehen.

Morgenpost Online: Wohin genau?

Podolski: Ich bin nicht so vermessen und sage: In zwei Jahren müssen wir einen Platz in der Europa League haben. Aber wir müssen schauen, dass wir auch mal so eine Saison wie Mainz oder Hannover spielen. Das Potenzial haben wir. Wir sind nicht viel schlechter als diese Teams.

Morgenpost Online: Was sind die Gründe für den Aufschwung?

Podolski: Ich denke, der Trainerwechsel (Frank Schaefer für Zvonimir Soldo, d. Red.) hat uns gutgetan. Dazu kommen die Transfers in der Winterpause. Mit Michael Rensing, Christian Eichner und Slawomir Peszko haben wir die Qualität klar verbessert. Zusammen haben wir eine Mentalität entwickelt, alles für den FC geben zu wollen. Das habe ich immer schon gefordert.

Morgenpost Online: Was spricht denn für den Trainer?

Podolski: Wir haben unter ihm ein klares System – 4-2-3-1. Jeder weiß, was er zu tun hat. Entscheidend ist aber auch, dass wir endlich Fußball spielen. Davor haben wir oft nur mit langen Bällen operiert und es war vieles nur Zufall.

Morgenpost Online: Kritiker meinen, jetzt spielen Sie im Verein auch endlich so gut wie sonst nur in der Nationalmannschaft.

Podolski: Das ist nicht objektiv. Natürlich ist in meinen drei Jahren in München nicht alles so gelaufen, wie ich und der FC Bayern sich das vorgestellt haben. Doch es war nicht alles nur schlecht. Als ich unter Jupp Heynckes am Ende mal vier, fünf Spiele am Stück spielen durfte, habe ich gezeigt, dass ich auch für Bayern hätte wertvoll sein können.

Morgenpost Online: Ihr Trainer hat Sie mal wie folgt beschrieben: Sie seien ein sehr sensibler Spieler, der stark von Stimmungen lebt und den Trainer viel Energie kostet. Der es aber zu 1000 Prozent wert sei, diese Energie einzusetzen. Brauchen Sie bestimmte Fürsorge?

Podolski: Für mich ist es wichtig, in ständigem Kontakt zu sein. Ich brauche Gespräche über Dinge, die auf dem Platz passieren oder über die Lage im Verein. Köln ist ein spezieller Verein. Ich hänge am FC – und das weiß der Trainer. Es ist aber nicht so, dass er mir jeden Tag sagt oder sagen muss: „Hey Poldi, du bist der Beste.“ Ich denke, ich brauche das, was jeder Spieler braucht, und zwar Vertrauen. Und Narrenfreiheit, was einige vielleicht denken mögen, weil wir uns seit meiner Jugend kennen, habe ich übrigens nicht. Der Trainer sagt mir genauso knallhart, wenn ich im Spiel Mist gebaut habe.

Morgenpost Online: Es ist Ihnen also wichtig, Vertrauen zu spüren.

Podolski: Ja. Aber es geht nicht nur darum.

Morgenpost Online: Worum noch?

Podolski: Du musst als Spieler wissen, woran du bist. In der Nationalmannschaft spiele ich seit Jahren fast immer auf der gleichen Position. In Köln aber wurde ich quasi herumgereicht. Mal habe ich zentral gespielt, mal links und mal rechts. Wie soll da Konstanz in mein Spiel kommen? Das geht nicht. Dass sich da Frust aufbaut, ist doch klar. Aber jetzt haben wir endlich Struktur auf dem Platz. Davon profitiere ich ganz eindeutig.

Morgenpost Online: Würden Sie sagen, dass Sie nach Ihrer Rückkehr nach Köln 2009 jetzt so richtig angekommen sind?

Podolski: Das klingt ja so, als wären die vergangenen anderthalb Jahre verschenkte anderthalb Jahre gewesen. Aber dem ist nicht so. Ich habe einfach nicht so gut gespielt. Aber vielleicht habe ich ja auch dieses eine Jahr gebraucht, um mich wieder an den FC zu gewöhnen. Denn nachdem ich 2006 gegangen bin, haben sich hier einige Dinge verändert.

Morgenpost Online: Und nun sind Sie sogar Kapitän.

Podolski: Ich finde es toll, die Binde tragen zu dürfen. Es gibt mir ein Gefühl von Stärke und sehr viel Selbstvertrauen. Das ist jedes Mal ein besonderer Augenblick, das Team als Erster auf den Platz zu führen.

Morgenpost Online: Hat Sie das Kapitänsamt wirklich verändert?

Podolski: Ich bin viel enger in Kontakt mit dem Trainer und muss viel mehr Gespräche führen. Aber das ist okay. Menschlich bin ich der Alte. Locker wie immer, aber verantwortungsvoll.

Morgenpost Online: Die Saison verläuft ziemlich kurios. Es stehen Teams oben, die dort niemand erwartet hat. Und dazu herrscht bei einigen Teams Chaos.

Podolski: Zum Glück zählen wir – was Letzteres betrifft – derzeit mal nicht dazu. Aber was das Sportliche in der Bundesliga angeht: Wir sollten in Deutschland mal anerkennen, dass andere Mannschaften aufgeholt haben. Wir schauen hier immer nur auf die Bayern. Aber das ist seit Jahren ein Fehler. Andere Teams sind besser geworden und die Bayern nicht mehr der einzige Titelkandidat. Es ist eben nicht mehr so, dass der Tabellenerste den Tabellenletzten locker schlägt. Und das ist gut. Schauen Sie doch nur mal nach Spanien. Da stehen der FC Barcelona und Real Madrid oben. Dahinter kommt dann erst einmal lange nichts. Das ist doch langweilig und wenig attraktiv. Bei uns ist Spannung garantiert.

Morgenpost Online: Die einzige Mannschaft, die sich abgesetzt hat, ist Borussia Dortmund.

Podolski: Sie spielen Woche für Woche einen guten Fußball. Sie haben zwar keinen überragenden Spieler, der eine Partie allein entscheiden kann. Aber Ihr Plus ist die Geschlossenheit auf dem Platz. Die Dortmunder gehen immer hohes Tempo und attackieren hervorragend. Sowohl mit dem Ball als auch gegen den Ball.

Morgenpost Online: Und was ist mit dem 1. FC Köln? Brauchen Sie noch neue Stars?

Podolski: Es geht nicht um Stars. Außerdem ist alles auch immer eine Frage des Geldes. Ich habe mich gefreut, als wir im Winter drei richtig gute Leute dazu bekommen haben. Sie haben direkt eingeschlagen. Das hat hier so auch jahrelang nicht geklappt. Für mich war das schon ein Schritt nach vorn. Ich kriege lieber zwei, drei neue Kollegen, die einen guten Charakter haben und sportlich passen, als dass hier – wie schon oftmals geschehen – sieben, acht neue Spieler kommen, von denen die ersten nach einem Jahr schon wieder verschwinden.

Morgenpost Online: Der Vertrag des Trainers läuft am Saisonende aus.

Podolski: Für ihn gilt das Gleiche: Ich hoffe, dass er bleibt. Was mir total gefällt: Er will Fußball spielen und hat einen Plan von dem, was auf dem Platz passieren soll.

Morgenpost Online: Joachim Löw, Ihr Förderer, hat vorige Woche bis 2014 verlängert.

Podolski: Das ist eine positive Nachricht für den deutschen Fußball. Löw hat in den vergangenen Jahren etwas aufgebaut. Aber er ist mit seinem Werk noch nicht am Ende. Wir haben ein junges Team mit viel Potenzial. Ich freue mich, dass ich mit ihm weiterarbeiten kann. Er hat mir in meiner Karriere sehr geholfen. Er hat mir nicht nur sportlich viel mit auf dem Weg gegeben, sondern auch menschlich.

Morgenpost Online: Löw sagt, dass die Mannschaft jetzt reif für einen Titel ist.

Podolski: Wir Spieler sehen das genauso. Unser Ziel muss es sein, bei der EM 2012 oder spätestens bei der WM zwei Jahre später in Brasilien den Titel zu holen. Das Zeug dazu haben wir. Definitiv. Und vielleicht haben wir da auch mal das nötige Glück.