Ab 1. Juli

Die dritte Bayern-Mission des Jupp Heynckes

Die frühe Bekanntgabe des Wechsels nach München birgt Brisanz: Mitte April tritt Jupp Heynckes mit Bayer Leverkusen bei seinem künftigen Arbeitgeber an.

Mitten im kleinen Provinznest strebten die Bayern-Bosse nach der großen Lösung. Als sich am Donnerstagabend die Vorstände Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner gemeinsam mit Sportdirektor Christian Nerlinger im Landhaus von Jupp Heynckes in Fischeln am Niederrhein einfanden, waren nur noch letzte Details zu klären.

Schließlich hatten beide Parteien zuvor schon ihre Zuneigung füreinander kundgetan und die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass nun zusammen kommt, was in den Augen vieler Münchner Fans ohnehin zusammengehört. Jupp Heynckes wird nach 1987 und 2009 erneut Trainer der Bayern. Anders als bei seinem vorherigen Engagement als Interimscoach für den geschassten Jürgen Klinsmann soll er diesmal aber länger bleiben, für zwei Jahre ist die Zusammenarbeit ausgelegt.

Die Vollzugsmeldung mochte am Freitag in der Branche niemanden mehr sonderlich überraschen. Nach Heynckes’ Absage an seinen jetzigen Arbeitgeber Bayer Leverkusen, der seit 2009 bestehenden erfolgreichen Liaison noch ein drittes Jahr hinzuzufügen, galt der Abgang des Trainers Richtung München als sicher.

Hier will sich Heynckes als Nachfolger des Niederländers Louis van Gaal kurz vor dem Ruhestand – im Mai wird er 66 Jahre alt – noch einmal jenen Traum erfüllen, der ihm bislang mit den Münchner Bayern nicht vergönnt war: den Gewinn der Champions League. Das Finale 2012 findet zudem in München statt, was eine passende Gelegenheit für den ersten Coup des Rekordmeisters seit 2001 in Europas Fußball-Königsklasse wäre.

Bei derlei großen Zielen fiel die übliche Lobhudelei – nach dem gemessen an den jüngsten Trainerpossen der Bundesliga eher konservativen Vorgehen – noch ein wenig feuchter aus als gewöhnlich. „Jupp Heynckes war unser Wunschkandidat. Wir sind sehr glücklich, dass wir mit ihm eine Einigung über einen Zweijahresvertrag erzielen konnten“, sagte Vorstandsboss Rummenigge. „Ich bin überzeugt, dass wir mit Jupp Heynckes eine erfolgreiche Zusammenarbeit haben werden.“

Und der Umworbene ergänzte brav: „Ganz abgesehen von den guten persönlichen Beziehungen zu den Verantwortlichen des FC Bayern hat mir immer imponiert, wie professionell dieser Klub geführt wird. Ich war bereits zweimal Trainer beim FC Bayern und habe dabei immer das Klima geschätzt, in dem dort gearbeitet wird“, sagte Heynckes und wusste um die exponierte Stellung: „Natürlich ist man als Bayern-Trainer gewissermaßen zum Erfolg verpflichtet. Ich sehe dabei aber eine reizvolle Aufgabe, der ich mich zusammen mit der Mannschaft in den kommenden zwei Spielzeiten gerne stellen möchte.“

Dass die neue Aufgabe schon in Bälde Brisanz birgt, haben sowohl die Bayern als auch ihr neuer Übungsleiter in den rasch abgeschlossenen Verhandlungen billigend in Kauf genommen.

Am 17. April tritt das Leverkusener Team bei den Münchnern an, beide Vereine wollen die Champions League erreichen, Bayern steht sogar unter großem Zugzwang, dieses Ziel zu realisieren. Und am Ende des Duells könnte sich eine seltsame Konstellation abzeichnen: Heynckes besiegt mit seinem aktuellen den künftigen Arbeitgeber und steht ehedem als Grund dafür, dass die Bayern in der nächsten Spielzeit vielleicht nur in der Europa League antreten dürfen – womit das Ziel, 2012 im eigenen Stadion den Pott der Königsklasse zu erringen, schon vor Saisonbeginn gescheitert wäre.

In der unweigerlich auftretenden Interessenvermischung sieht Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler allerdings keine Gefahr. „Jupp Heynckes wird alles dafür tun, dass wir in dieser Saison in die Champions League kommen und am Ende Bayer vor den Bayern liegt“, sagte er. „Dieses Spiel gegen die Bayern ist für uns noch Zukunftsmusik.“

Für Heynckes ist es aber vermutlich jetzt schon aktueller denn je. Schließlich wird er sich auch messen lassen müssen an jener Ära, die 1991 jäh endete. Nach zuvor zwei Titelgewinnen war der damalige Bayern-Vorstand in der neuen Saison schon nach dem zweiten Spieltag auf Distanz gegangen. Präsident Fritz Scherer diskutierte nach einem 1:2 gegen Hansa Rostock die Trainerfrage, und nach dem Pokalaus gegen Zweitligist FC Homburg (2:4) boten die Klubbosse Rummenigge den Trainer-Job an.

Da kündigte Heynckes innerlich, sein Kumpel Uli Hoeneß erlöste ihn nach dem zwölften Spieltag (1:4 gegen Kickers Stuttgart), nachdem sich zuvor schon einige zerstrittene Bayern-Fans eine handfeste Auseinandersetzung geliefert hatten. Im Bayern-Magazin wurde daraufhin appelliert, „die lautstarken Duelle zwischen Südtribüne und Haupttribüne wegen Trainer Jupp Heynckes einzustellen“.

Schon vor der Saison waren die Bayern skeptisch gewesen. Manager Hoeneß sagte: „Wir stehen vor einem Neubeginn mit der jüngsten Mannschaft, die wir je hatten. Für sie ist die Meisterschaft kein Muss. Wir sagen nicht: Der Titel, der Europacup muss her, wir sagen nur: ‚Schaun mer mal’.“

Ursache der Sorgen waren die Abgänge im Sommer 1991 (Klaus Augenthaler, Jürgen Kohler, Stefan Reuter) und die Unstimmigkeiten im Kader. Die Anführer Stefan Effenberg und Olaf Thon konnten sich nicht leiden, bereits am Ende der Saison 1990/91 hatte zudem Effenberg seinen Unmut über die sportliche Situation dem Trainer Heynckes mit schlichten Worten mitgeteilt: „Wollen wir raus gehen?“

Später stritt er ab, damit Faustrecht gemeint zu haben, aber im Team kam es so an – und Heynckes war entsprechend geschwächt. Immerhin standen nach dem vollzogenen Rauswurf Effenberg und Mitspieler Brian Laudrup abends mit drei Flaschen Wein vor Heynckes’ Haus – sie leerten die Pullen gemeinsam.

Am Ende tat auch ihnen die Entlassung leid, die Hoeneß noch immer als „meinen größten Fehler“ bezeichnet.

Diesen wollte der inzwischen zum Vereinspräsidenten aufgestiegene Hoeneß nun wohl ausmerzen, als er Heynckes mehrmals von einem abermaligen Engagement in München überzeugte.

Wie sang schon einst der große Franz Beckenbauer: Gute Freunde kann niemand trennen. Offenbar selbst der Misserfolg nicht.