Pfiffe in Lautern

Deutschlands stärkster Gegner sind die eigenen Fans

Die deutschen Nationalspieler und ihre Fans haben eine unterschiedliche Herangehensweise an Länderspiele. Ein Dilemma, aus dem es kaum einen Ausweg gibt.

Wenigstens einen Gegner hatten die deutschen Nationalspieler am Samstagabend ausgemacht. Die kasachische Mannschaft war es nicht, die hatte zwar tapfer gekämpft, war aber quasi schon nach Miroslav Kloses 1:0 in der dritten Minute geschlagen gewesen. Nein, es waren die Zuschauer auf dem Kaiserslauterer Betzenberg, die sich doch tatsächlich erdreistet hatten, die Darbietung des deutschen Teams in der zweiten Halbzeit mit Pfiffen zu quittieren.

Bastian Schweinsteiger fehlte dafür das Verständnis, Sami Khedira fand es unfair und selbst der sonst so diplomatische Philipp Lahm gab zu, dass er „lieber bejubelt worden wäre“. Alle drei Protagonisten wiesen wortreich auf die souveräne Gruppenführung hin, auf die frühe Führung, den 3:0-Pausenstand und den tief stehenden Gegner.

Alles richtig. Allerdings redeten hier zwei Parteien aneinander vorbei.

Die Nationalspieler sehen ein Länderspiel als ein Ereignis in einer Kette. Diese beginnt beim ersten Qualifikationsspiel und endet im besten Fall im Finale einer Welt- oder Europameisterschaft. Sie sind Profis und wissen, dass der zählbare Erfolg ihre primäre Aufgabe ist. Ansonsten haben sie gesund zu bleiben und möglichst heil zu ihren Arbeitgebern, den Vereinen, zurückzukommen. Die Spieler erwarten Anerkennung für die Gesamtleistung und Verständnis, sich bei einer souveränen Führung nicht mehr völlig zu verausgaben. Schließlich wollen die Anhänger ihrer Heimatklubs am kommenden Wochenende auch wieder gute Leistung sehen.

Für die Besucher eines Länderspiels ist dieses Ereignis jedoch eine singuläre Sache. Sie haben für die Eintrittskarten viel Geld ausgegeben, sich beflaggt, geschminkt oder sonst wie auf die Partie gefreut. Sie sind voller Vorfreude ins Stadion gepilgert, denn so oft kommt die Eliteauswahl ja nicht in ihre Region. Die Fans befinden sich in der Konsumentenhaltung. Wenn dann so eine zweite Halbzeit kommt wie gegen Kasachstan, empfinden sie es als Affront: Eine Primaballerina würde ja auch nicht nach der Pause nur noch mit halbem Engagement tanzen. Und wenn doch, würde sie ausgebuht werden.

Ein Argument, das selbst ein Bastian Schweinsteiger nicht weggrätschen kann. Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann es kaum geben. Das Schöne ist: Nicht jedes Spiel findet gegen eine Mannschaft wie Kasachstan statt.