Testspiel

Löw-Team kassiert peinliche Pleite gegen Australien

Herber Rückschlag für Bundestrainer Joachim Löw: Die deutsche Nationalelf verliert nach einer enttäuschenden Vorstellung das Heimspiel gegen Australien.

Am Nachmittag war die Vergangenheit im Teamhotel der deutschen Nationalmannschaft zu Gast. Sie hat 98 Einsätze im patriotischen Dienst absolviert, aber arge Zweifel dürfen daran bestehen, ob in der Zukunft noch weitere dazu kommen werden – an der Annahme ändert auch nichts, dass diese personifizierte Vergangenheit namens Michael Ballack in der Gegenwart offiziell noch Kapitän der Eliteauswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist.

Denn jene, die Bundestrainer Joachim Löw auch faktisch für die gegenwärtig Besten hält, sind mit fünf Siegen aus fünf Qualifikationsspielen klar auf Kurs zur Europameisterschaft, die 2012 in Polen und der Ukraine ausgetragen wird.

Und auch für die Positionen hinter der ersten Elf hat Löw andere im Blick als Ballack. Der stattete gestern zwar den alten Kollegen einen Besuch ab und wurde – so jedenfalls teilte der DFB es hochoffiziell mit – auch von Löw begrüßt. Aber als am Abend das Testländerspiel gegen Australien angepfiffen wurde, da spielten wieder nur andere – wie Debütant Sven Bender, der als 21 Jahre alte Perspektivkraft im defensiven Mittelfeld nur das vorerst letzte personelle Argument bedeutet, weshalb der Bundestrainer fortan auch ohne Ballack auskommen kann und wird.

Das 1:2 (1:0) gegen den Weltranglisten-21. Australien – auf Sinn und Unsinn des Fifa-Rankings soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden – brachte nur sehr unzureichend zum Ausdruck, wie groß die Vielfalt auf hohem Niveau inzwischen ist. Auf acht Positionen hatte Löw die Startelf gegenüber dem 4:0 im Qualifikationsspiel am Sonnabend in Kaiserslautern gegen Kasachstan verändert. Von jenen, die da begonnen hatten, blieben nun nur Thomas Müller, Lukas Podolski und Kapitän Bastian Schweinsteiger übrig; unter anderem hatte der Bundestrainer eine komplett neue Viererabwehrkette nominiert und Tim Wiese anstelle von Manuel Neuer dessen viertes Länderspiel gegönnt.

Sie hätten „so noch nicht oft zusammengespielt und werden das wohl in dieser Formation auch nicht mehr allzu oft tun“, befand Innenverteidiger-Proband Mats Hummels vom angehenden Deutschen Meister Borussia Dortmund: „Trotzdem darf es nicht sein, dass wir so ein Spiel fast ohne Chancen des Gegners herschenken.“ Dass die Seinen „das Spiel in der zweiten Halbzeit aus der Hand gegeben“ hatten, bemängelte auch Löw. „In der ersten Halbzeit hatten wir das Spiel gut im Griff, da haben die Jungen die Vorgaben gut umgesetzt.“ Doch kaum zufällig hatte das ungewöhnlich formierte Ensemble von Hochbegabten arge Probleme, ein funktionierendes Zusammenspiel zu entwickeln.

Meist wurden an sich gut gemeinte Bälle einen Tick zu scharf oder steil gespielt. Als es aber einmal klappte und der um eine ähnlich gute Leistung wie zuletzt bei seinem Verein 1. FSV Mainz 05 bemühte Andre Schürrle den Ball zu Mario Gomez spitzelte, da vollendete dieser Stürmer prompt mit einem platzierten Schuss hoch ins linke Eck (26. Minute). Und sonst in Durchgang eins? Köpfte Mile Jedinak nach einer Serie von Eckbällen aus neun Metern Tim Wiese in die fangbereiten Arme (43.).

Mit dieser je einen Torchance hüben wie drüben ging es in die Kabinen, und als die Teams nach einer Viertelstunde auf den Rasen im atmosphärisch sehr stillen Borussia-Park zurückkehrten, da tat sich Unerwartetes. Denn Löw nutzte nicht schon jetzt den Augenblick zu weiteren Experimenten; erst nach 64 Minuten führte er die Verjüngung dieser jungen Mannschaft noch weiter fort, brachte Toni Kroos (21) für Schweinsteiger (26) und Mario Götze (18) für Müller (21).

Dass sie in ein Team kamen, das da gerade nicht nur den Ausgleich kassiert hatte, sondern sogar in Rückstand geraten war – es war dies eine gleichermaßen unerwartete wie unverdiente Wendung des Geschehens. Gut, dem 1:1 durch Linksverteidiger David Carney – dem insgesamt 1000. Gegentor in der langen Länderspielhistorie des DFB – war eine Fehlerkette vorausgegangen. Dass aber nur rund 180 Sekunden später Rechtsverteidiger Luke Wilkshire einen Foulelfmeter humorlos in die Mitte des Tornetzes bolzen durfte, resultierte aus einer Laune des französischen Schiedsrichters Stephane Lannoy. Das sanktionswürdige Vergehen von Träsch an Kewell hatte nur er gesehen.

Löw zog seinen fast unfehlbaren Joker: Miroslav Klose. Der beim FC Bayern München aufs Reservegleis geratene Torjäger kam nach 73 Minuten für seinen auch im Klub bevorzugten Rivalen Gomez. Im 108. Länderspiel seiner Karriere, womit Klose mit Jürgen Klinsmann gleichzog und im DFB-Ranking nun nur noch den Rekord-Internationalen Lothar Matthäus (150) vor sich hat, vermochte der 32-Jährige nicht aber auch die Lücke zum einzig noch besseren Torjäger Gerd Müller zu verkleinern.

Wobei es ihm nicht an Bemühen mangelte. Einmal schob er den Ball nach energischem Sololauf rechts am Tor vorbei (78.). Und als er in der letzten Minute der regulären Spielzeit im Strafraum statt gegen den Ball in den Rasen trat, da witterte Lannoy eine Schwalbe und zückte Gelb. „Der Gegenspieler hat zugegeben, dass er mich berührt hat“, klagte Klose. „Das habe ich auch so gespürt, da hatte ich keine Chance mehr den Ball zu treffen.“

So stand am Ende des Tages überraschend die erste Niederlage der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika gegen Spanien.