Nachwuchsförderung

Jugendwunder kostete Deutschland 600 Millionen

Seit der Fußball-WM 2010 ist Deutschlands Nachwuchsarbeit in aller Munde und als Vorbild erklärt. Der Erfolg hat allerdings auch seinen Preis.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Mit der Ahnengalerie von Borussia Mönchengladbach stimmt etwas nicht. Statt der Trikots der Klubidole Günter Netzer und Jupp Heynckes hängen im Kabinentrakt die von Marko Marin, Marcell Jansen und Marvin Compper. Insgesamt 16 gerahmte Hemden zieren die Wände im Bauch des Stadion, und Roland Virkus ist stolz auf jedes.

Er ist Leiter des Gladbacher Leistungszentrums, und wer es aus seiner Akademie in die Bundesliga schafft, bekommt hier einen Ehrenplatz. Es ist Ruhmeshalle und gelebte Psychologie zugleich: Die über 200 Nachwuchsspieler des Klubs, die sich hier regelmäßig zum Training umziehen, müssen an ihren „Ahnen“ vorbei, die geschafft haben, wovon die Jungen noch träumen.

Mit drei Sternen hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) das Leistungszentrum der Gladbacher ausgezeichnet, das ist die höchste Bewertung. „Auch wenn man es am derzeitigen Tabellenstand unserer Profis nicht ablesen kann: Unser Konzept wird mittelfristig Erfolg haben“, sagt Virkus. Gladbach ist derzeit Tabellenletzter der Bundesliga.

Ähnlich wie bei der Borussia ist derzeit in nahezu allen 36 Profivereinen des Landes der Jugendwahn ausgebrochen. Spätestens seit der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr, als Deutschland nicht nur eine der besten, sondern auch der jüngsten Mannschaften stellte, ist erfolgreiche Nachwuchsarbeit in aller Munde und als Erfolgsrezept ausgerufen. Borussia Dortmund stürmt gerade mit Mario Götze (18), Sven Bender (21) und Mats Hummels (22) in Richtung Meisterschaft, und bei der Nationalmannschaft geht es mittlerweile zu wie auf einer Klassenfahrt. Das Durchschnittsalter der Truppe von Joachim Löw, die am Dienstag gegen Australien neben Kapitän Philipp Lahm auch auf die Real-Madrid-Stars Mesut Özil und Sami Khedira verzichtete, liegt bei 24 Jahren.

2000 sah das noch ganz anders aus. Damals hießen die Talente Sebastian Deisler (20) und Michael Ballack (23) – und sie waren in der Minderheit. Die Mannschaft von Bundestrainer Erich Ribbeck war ein überalterter Haufen satter Stars. Spieler wie Lothar Matthäus, Thomas Häßler oder Ulf Kirsten hatten längst ihren Zenit überschritten. Doch Druck von unten gab es keinen, also durften sie weiterspielen. Der deutsche Fußball glich damals einem Bären nach der Lachswanderung. Bräsig und fett von zwei Titeln in den 90er-Jahren und einer Schwemme von gut ausgebildeten DDR-Spielern war er. Nachwuchsarbeit war damals ein ungeliebtes Nebengeschäft im Deutschen Fußball-Bund (DFB) und in der Bundesliga. Es ging ja auch so.

Alarmzeichen wurden ignoriert. So sank der Anteil deutscher Spieler in den Klubs nach dem Bosman-Urteil, das den Profis Ablösefreiheit nach Vertragsende garantierte, von 82 Prozent 1995 bis auf 60 Prozent fünf Jahre später. Statt dem eigenen Nachwuchs eine Chance zu geben, bedienten sich die Klubs jenseits der Grenze. Die internationalen Erfolge, welche die deutschen Vereine mit dem ausländischen Hilfspersonal erreichten, verblendeten die Verantwortlichen zusätzlich.

Dann zerschellte das Flaggschiff: Bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden schied die DFB-Elf in der Vorrunde aus. Ein Aufschrei ging durch das Land – und weckte die Verantwortlichen.

Ligachef Gerhard Mayer-Vorfelder berief eilig eine Kommission ein, die nach Lösungen aus dem hausgemachten Schlamassel suchen sollte. Sie fand eine: Am 28. Februar 2001 trafen sich die 36 Vereine der Bundesliga und Zweiten Liga und verabschiedeten einen wegweisenden Beschluss. Wenn ein Klub ab sofort eine Spiellizenz bekommen wollte, musste er ein eigenes Nachwuchszentrum haben. Ab 2002 galt das auch für Zweitligaklubs. Mittlerweile kann sich die Liga für diese Entscheidung auf die Schulter klopfen: Mehr als 5400 Nachwuchskicker spielen mittlerweile in den 36 Jugendakademien, seit 2001 wurden mehr als 600 Millionen Euro investiert. Im aktuellen Kader der Nationalmannschaft sind 19 der 22 Spieler in einem Leistungszentrum ausgebildet worden. „Es ist eine Erfolgsstory“, lobt Ligapräsident Reinhard Rauball: „Auch wegen unserer Jugendarbeit konnten wir uns in der Fünfjahreswertung an Italien vorbei auf Rang drei schieben. Und auch Platz zwei werden wir versuchen anzugreifen.“

Doch in die Lobgesänge mischen sich Misstöne. Der Boom im Jugendwunderland hat Begehrlichkeiten geweckt. Zweitligaklub Hertha BSC echauffierte sich jüngst über das Abwerben zweier Nachwuchsspieler, 14 und 15 Jahre alt, durch die TSG Hoffenheim. Prompt prangerte Hertha-Manager Michael Preetz eine „immer rüder werdenden Abwerbepraxis“ an. Auch der VfB Stuttgart stimmte in das Wehklagen über das Hoffenheimer Vorgehen ein. Andreas Rettig, Vorsitzender der „Kommission Leistungszentren“ der DFL und Manager des FC Augsburg, kennt die Problematik: „Ich erinnere mich, wie Heiko Herrlich Ende der Achtziger als 17-Jähriger von Freiburg nach Leverkusen wechselte. Es ging ein Aufschrei durch die Republik. Heute werden Zwölfjährige angequatscht. Das sind schlimme Auswüchse.“

Ursprünglich hatte es in Deutschland ein Abkommen gegeben, das derlei Abwerbeversuche untersagte. 2007 wurde es gekündigt. „Die Vereine haben nicht eingesehen, warum sie sich an so eine Absprache halten sollten, während ausländische Vereine sich in Deutschland die Rosinen rauspickten“, sagte Rauball und forderte eine „Vereinbarung der Vernunft“: „Mir scheint die Bereitschaft vorhanden zu sein, Exzesse wie zuletzt im Fall Hoffenheim zu verhindern.“ Allerdings könne das Problem nicht in Deutschland gelöst werden: „Wir müssen es zur Uefa transportieren“. Der europäische Verband müsse für alle Länder einheitliche Regeln schaffen.

Und noch eine Bedrohung für die Jugend haben die Hüter des deutschen Fußballs ausgemacht: Spielerberater. Wie die Geier würden sie über dem Nachwuchs kreisen, heißt es bei der DFL, und jedem Ansinnen auf Vereinswechsel mit Wonnen nachkommen – schließlich verdienen sie dabei kräftig mit. „Da gibt es deutlich mehr schwarze als weiße Schafe. Die Tendenz, dass heute schon 14-Jährige Berater haben, ist alarmierend. Das Thema belastet uns sehr“, sagte Rettig. Die DFL arbeite gerade etwas aus, um dem Problem Herr zu werden, doch die Umsetzung sei schwierig.

In Mönchengladbach hat Akademieleiter Virkus mit den Bundesligaklubs in der Nachbarschaft ein „Gentleman’s Agreement“ geschlossen. Mit Bayer Leverkusen und dem 1. FC Köln wurde vereinbart, sich keine Talente abspenstig zu machen. Vielleicht aber liegt die Lösung des Problems auch ganz woanders. Akademieabsolvent Marko Marin, der nach zwei Jahren im Gladbacher Profiteam zu Werder Bremen wechselte, hat im Gruppenraum des Jugendinternats eine Widmung hinterlassen. „…und danke für den Grießbrei“, steht da. Manchmal hinterlassen auch kleine Dinge große Wirkung.