In voller Stärke war die Führung des FC Bayern nach Hannover gereist, sogar Paul Breitner kam mit, der Scout und Berater seiner alten Weggefährten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Die Münchner Entscheider ahnten wohl, dass es nach dem Spiel Dringliches zu besprechen geben würde.
Ein paar Meter weiter unten auf dem Platz schien auch der Mannschaft jeglicher Glaube abhanden gekommen zu sein, dass sie ihren Negativtrend in Niedersachsen würden stoppen können. Die Bayern spielten wie eine Museumsausgabe ihrer selbst, ihr Ballbesitz war Selbstzweck, die Verteidigung noch träger als bei den letzten Niederlagen gegen Dortmund und Schalke. Folgerichtig verloren die Bayern erstmals seit zehn Jahren ein drittes Pflichtspiel in Folge. 1:3 in Hannover, fünf Punkte Rückstand auf die Champions-League-Plätze. Der Super-Gau.
Trainer van Gaal in Not
Was wird nun aus Trainer Louis van Gaal? Wenn die Qualifikation für die Champions League in Gefahr gerate, das hatte Präsident Hoeneß vor Wochen erklärt, werde er unruhig. Es war ein Euphemismus für: Dann droht van Gaal das Ende, zumal er einen Zusammenhang herstellte zur Entlassung von Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren – auf Platz drei. Zumal er nicht unerwähnt ließ, wie peinlich es für den Verein wäre, ausgerechnet nächstes Jahr die Königsklasse zu verpassen. Das Champions-League-Finale findet 2012 in München statt.
Das Spiel, man kann es bei allen Verdiensten van Gaals nicht anders sagen, lieferte reichlich Entlassungsargumente. Wieder hatten die Bayern keinen Plan B, wenn ihr normales Spiel nicht funktioniert. Wieder waren sie durchschaubar. Die laute Kabinenpredigt, die der Niederländer nach der Pokalpleite gegen Schalke gehalten hat – sie verpuffte wirkungslos.
Selten lief ein Fußballspiel so exakt nach Drehbuch wie dieses zu Beginn. Die Bayern begannen mit viel Ballbesitz, es dauerte geschlagene drei Minuten, bis Hannover überhaupt erst mal in Besitz der Kugel kam – sofort wurde sie hoch wieder weggedroschen. Doch mit all ihrem Ballbesitz entwickelten die Bayern nicht mehr Torgefahr als das Schiedsrichtertrio. Hannover stellte, wie schon Schalke und Dortmund, die Außenbahnen zu, wo Arjen Robben und Franck Ribéry aber sowieso nicht allzu inspiriert waren. Und die Bayern ließen ihre Außenpositionen hinten weit offen für Konter.
Die Torchancen hatte daher allein 96, und stets brauchten die Gastgeber dabei nur wenige Sekunden Ballbesitz, um gefährlich zu werden. So war das Führungstor in der 16. Minute exemplarisch für die Tugenden, die das Team von Mirko Slomka so sensationell nach vorn gespült hat. Mit giftigem Forechecking wurden die Bayern in die Zweikämpfe gezwungen, Daniel Pranjic verlor dabei den Ball, und dann ging es ganz schnell. Der exzellente Manuel Schmiedebach drückte den Ball mit dem ersten Kontakt auf die linke Angriffsseite, dort zog Rausch davon und seine halbhohe Flanke beförderte Mohammed Abdellaoue per Dropkick ins Netz. Es war technisch perfekt exekutierter Konterfußball.
Bayerns Reaktion blieb orthodox, man ließ den Ball zirkulieren, aber die Fehler häuften sich. Als es in die Halbzeitpause ging, musste sich 96 über den Zwischenstand mehr ärgern als die Münchner. Vor allem Rausch hätte erhöhen können, als er einen über die Flügel eingeleiteten Angriff in aller Ruhe abschließen durfte – im Strafraum konnte er die Flanke von Lars Stindl stoppen, den Ball auf den anderen Fuß legen und abziehen. Aber sein Schuss landete links neben dem Tor (37.).
Van Gaal wechselte in der Pause, natürlich, er musste etwas zu tun. Aber er brachte nicht Miroslav Klose, den Nationalstürmer, nicht Hamit Altintop, den Mittelfeldspieler, dessen Energie und Kampfgeist die Bayern gut hätten gebrauchen können. Er brachte Daniel van Buyten, den Verteidiger, und Andreas Ottl, den Defensivabräumer. Die erhoffte Stabilität brachte auch das nicht. Fünf Minuten waren wieder gespielt, da präsentierte sich die Abwehr so ungeordnet, dass Rausch eine kurz ausgeführte Ecke ins Tor schlenzen konnte – Mario Gomez fälschte den Ball noch ab (51.)
Ob Spieler oder Fans: Hannover wurde jetzt vom Enthusiasmus übermannt, kein Wunder bei dieser märchenhaften Geschichte: Als Abstiegskandidat waren die 96er in das Spieljahr gestartet, nun standen sie kurz vor dem 15. Saisonsieg, mehr als es in der Klubgeschichte je gegeben hatte – in der Erregung ging Hannover kurz die zuvor so unverrückbare Ordnung verloren. Umgekehrt warfen die Bayern jetzt, endlich, ihren verletzten Stolz in die Waagschale. Nach einem Angriff über Müller und Ribéry köpfte Robben zum 1:2-Anschluss ein (55.).
Rote Karte für Breno
Doch als sich nun eine bayerische Aufholjagd abzeichnete, kam es zu einer Szene, die als stellvertretend für das mögliche Ende von van Gaal gelten muss. Thomas Kraft, der junge Torwart, den er gegen den Widerstand des Bayern-Managements in der Winterpause zum Stammkeeper befördert hatte, ausgerechnet er machte in dieser Situation seinen ersten schweren Fehler. Einen Fernschuss von Sergio Pinto ließ er durch die Finger gleiten und erwischte sie erst hinter der Linie (62.).
Und wem das alles noch nicht symbolisch genug war, der bekam noch einen oben drauf – einen Platzverweis für Breno nach einem Gerangel mit Stindl, das Schiedsrichter Drees als Tätlichkeit auslegte (73.). Van Gaal sagte: „Wir haben innerhalb von zehn Tagen viel weggegeben.“ Was seine Jobsicherheit angeht, sagte van Gaal: „Das entscheidet der Vorstand.“


