Bayern-Trainer

Louis van Gaal sinniert über sein Karriere-Ende

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Julian Buhl

Vor dem Spiel in Hannover philosophiert der Niederländer darüber, wie schwer es für den Bayern-Vorstand wäre, einen geeigneten Nachfolger für ihn zu finden.

Eigentlich war alles wie immer. Louis van Gaal schüttete braunen Zucker in seinen Milchkaffee, ein schon gewohntes Prozedere für den Trainer des FC Bayern München vor der von ihm wenig geschätzten Fragestunde durch die Journalisten. Er rührte langsam mit dem Löffel in der Tasse herum, und als dann im Raum auch noch ein Handy klingelte, hatte der Niederländer kurzzeitig seinen feinen Sinn für Humor wiedergefunden. Er forderte ein Bußgeld für den lärmenden Journalisten.

Doch die zur Schau gestellte Lockerheit vermochte der Trainer Freitagmittag nicht lange zu halten. Er habe in der Nacht sehr gut geschlafen, sagte van Gaal, und damit sei es ihm komplett anders ergangen als in den Stunden nach dem bitteren 0:1 daheim im Pokalhalbfinale gegen Schalke 04. „Vorgestern Nacht nicht“, verriet der Übungsleiter, „weil es eine große Enttäuschung war. Es war ein Titel, und den geben wir weg.“

Die knappe Einschätzung eignete sich vortrefflich als aktuelle Situationsbeschreibung für die Bayern im Frühjahr 2011. Nach der Meisterschaft ist nun auch die Aussicht auf den Pokalsieg dahin, was längst schon große Ängste hervorruft an der Säbener Straße in München. Denn es geht um das Wohl des Klubs – und um die Zukunft des Trainers. Sollte van Gaal mit seiner jüngst seltsam uninspirierten Mannschaft am Samstag auch noch in Hannover verlieren (15.30 Uhr), soviel ist klar, droht ihm die Entlassung beim Rekordmeister.

Noch bemühen sich die Protagonisten um Präsident Uli Hoeneß („Das ist keine Krisensituation“) und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge („Ich führe keine Trainerdiskussion“) zwar um demonstrative Gelassenheit. Aber die Aussicht, im direkten Duell mit den Niedersachsen möglicherweise weiter an Boden zu verlieren im Kampf um die Champions-League-Plätze, hat auch bei den Bossen zur fortgesetzten Nervosität geführt. In der Endabrechnung nur auf Platz drei einzulaufen wäre „schwer verdaulich“, sagte Sportdirektor Christian Nerlinger Freitag. „Unser Ziel ist es, Zweiter zu werden.“

Dass nur das Erreichen des Minimalziels als joberhaltende Maßnahme dienen kann, ist auch van Gaal, diesem bisweilen beratungsresistenten Eigenbrödler, nicht verborgen geblieben. Er sei „einverstanden“ mit der Einschätzung, dass sein Team am Samstag drei Punkte holen müsse, egal wie. „Es zählt alleine das Resultat. Wenn wir gewinnen, sind wir Dritter. Dann können wir unsere Ziele wieder erreichen“, sagte van Gaal. Angst vor dem Gau hat er aber offenbar nicht. „Ich kann damit leben und umgehen, finde es auch normal. Ich habe mehr Mitleid mit meinen Stab-Mitgliedern. Ich bin schon am Ende meiner Karriere.“

Selten zuvor hatte sich van Gaal öffentlich Gedanken gemacht um einen Schlusspunkt seiner Laufbahn. Noch aber hofft der Trainer, dessen Vertrag bis 2012 läuft, auf eine Zukunft beim FC Bayern. „Ich bin nicht so oft entlassen worden. Ich bin immer lange bei meinen Vereinen geblieben. Ich bin stolz und froh, dass ich bei Bayern München arbeiten kann. Wenn wir gewinnen, sind wir Dritter, dann können wir unsere Ziele wieder erreichen, dann sieht die Welt wieder anders aus“, sagte er. Er habe noch immer „viel Energie“.

Ob das allein reicht, erscheint indes mehr als fraglich. Zu deutlich sind zuletzt die von van Gaal befeuerten Probleme zutage getreten: Eine für höhere Ansprüche ungeeignete Defensive in ständig wechselnden Formationen und mit dem Verlegenheits-Verteidiger Anatoli Tymoschtschuk im Zentrum, das unausgefüllte Vakuum nach dem Weggang von Kapitän und Antreiber Mark van Bommel sowie das Hin- und Herschieben von Winterzugang Luiz Gustavo zwischen Mittelfeld und linker Abwehrseite waren dem erhofften Erreichen der Stabilität abträglich. Hinzu kommt, dass der Trainer auch nicht um Rat weiß, wenn – wie gegen Dortmund und Schalke geschehen – das Kreativduo Franck Ribery und Arjen Robben durch geschickte Taktik des Gegners ausgeschaltet wird.

Angesichts der seltsamen Berg- und Talfahrt der Bayern, die nach dem euphorisch gefeierten 1:0 bei Inter Mailand in der Champions League drei Tage später 1:3 gegen Fast-Meister Borussia Dortmund eingegangen waren und dann auch das Duell mit Schalke verloren, ahnt selbst Joachim Löw Böses. „Die Bayern sind zum Siegen verdammt“, sagte der Bundestrainer bei einer Podiumsdiskussion mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister in Hannover. „Sie müssen dominieren.“

Offensichtlich hat er selbst Zweifel, ob das seinen zuletzt besonders müde wirkenden WM-Stars Bastian Schweinsteiger und Philip Lahm gelingen kann. Hannover könne davon profitieren und „hat jetzt mal die Chance, Bayern zu schlagen“, sagte Löw. Die Münchner liegen als Vierter zwei Punkte hinter der Überraschungsmannschaft aus der Landeshauptstadt und könnten bei einer Pleite schon vorentscheidend ins Hintertreffen geraten. Zumal der Tabellenzweite Bayer Leverkusen daheim gegen Wolfsburg vor einer lösbaren Aufgabe steht.

Als schlechtes Omen könnte gelten, dass sich Gegner Hannover zuletzt als wahrer Trainer-Killer etabliert hat. Zvonimir Soldo (1. FC Köln), Jens Keller (VfB Stuttgart) und Steve McClaren (VfL Wolfsburg) mussten jeweils nach knappen Niederlagen in Hannover gehen. Köln und der VfB verloren jeweils 1:2, Wolfsburg 0:1. Selbiges Schicksal wollen die Bayern-Profis, die heute ohne den gelbgesperrten Schweinsteiger antreten müssen, ihrem Coach ersparen. Für Kapitän Philipp Lahm ist es daher das „vielleicht wichtigste Spiel der Saison“ – was natürlich übertrieben erschein. Schließlich kommt in eineinhalb Wochen Champions-League-Sieger Inter Mailand zum Rückspiel nach München, was vermutlich nicht nur die Fans höher einschätzen als eine Auswärtspartie in Hannover. Deshalb spielt auch van Gaal das Spiel ein wenig herunter. „Hannover ist kein Dortmund“, sagte er. „Aber auch keine Mannschaft, gegen die wir leicht gewinnen.“

Aber auf welches Team trifft das dieser Tage schon zu? Vielleicht kommen deshalb auch die Gedanken ans Karriereende, die van Gaal in der ihm eigenen Art kommentierte: „Das ist auch für den Vorstand eine sehr schwierige Entscheidung. Wer soll van Gaal nachfolgen? Das ist auch eine schwierige Frage. Als alles gesagt schien, blickte er in seine Tasse. „Ich habe meinen Kaffee noch nicht leer getrunken“, sagte er. „Ich habe mich vorbereitet auf eine sehr lange Pressekonferenz.“ Dann nahm er seinen Kaffee und ging.