Der FC Bayern hat es zur Vereinsmaxime erhoben: Eine Saison ohne Titel ist eine verlorene Saison. Es könnte also ein trauriger Sommer für den Branchenriesen werden, nachdem innerhalb von fünf Tagen die letzte kleine Chance auf die Meisterschaft mit dem 1:3 gegen Borussia Dortmund ebenso zerplatzte wie die Aussicht, den DFB-Pokal holen zu können. Das 0:1 im Halbfinale gegen Schalke war eine Offenbarung – im negativen Sinne. Innerhalb weniger Tage wurde der Rekordmeister zweimal mit maßgeschneiderten Taktiken der Gegner ausgehebelt. Nun bleibt nur noch die Champions League; ein wahrlich dünner Strohhalm, an den sich der FC Bayern klammern kann.
Nun sollte man auch den Besten einmal Schwächen zugestehen. Ein (eventuell) zweiter Platz in der Meisterschaft, ein (vielleicht) gutes Abschneiden in der Königsklasse – das wäre doch immerhin etwas nach der tollen vergangenen Saison. Ab der nächsten Spielzeit kann dann ja wieder angegriffen werden. Doch können die Bayern das wirklich? Was ihrem Spiel derzeit völlig fehlt, ist Flexibilität und Inspiration. Ein ewiges Ballgeschiebe und das Hoffen auf einen Geistesblitz der Außenbahngenies Robben und Ribery ist ein reichlich dünnes Repertoire für eine Spitzenmannschaft. Zu einer solchen gehört zudem, in wichtigen Spielen Höchstleistung abrufen zu können. Das schafften die Münchner weder gegen Dortmund noch gegen Schalke.
Vermitteln muss so etwas der Trainer. Es ist also an der Zeit, Louis van Gaal zu hinterfragen. Leistet er wirklich so gute Arbeit, wie er sich auch nach dem Schalke-Spiel wieder einmal selbst attestierte? In der vergangenen Saison tat er es. In dieser nicht. Statt über den inakzeptablen Auftritt seines Team in der ersten Halbzeit redete er lieber von nicht gegebenen (da nicht berechtigten) Elfmetern, von ach-so-defensiven Gegnern und schrieb dem FC Bayern für die zweiten Halbzeit gegen Schalke gar das Attribut „Überragend“ ins Zeugnis und bescheinigte der Mannschaft ein „Löwenherz“.
Das ist realitätsfern.
Die Vereinsbosse um Karl-Heinz Rummenigge werden sehr genau hinschauen, ob der Herr auf dem hohen Ross eine schlechte Saison noch zu einer mäßigen umbiegen kann. Eine Garantie für eine Weiterbeschäftigung kann ihm aber wohl nur noch ein Ereignis sichern: der Gewinn der Champions League.
Und noch eine Schlussbemerkung: Schalkes Torwart Manuel Neuer, der das Spiel mit seiner unglaublichen Ruhe und souveränen Ausstrahlung mit entschied, wird sich sehr genau überlegen, ob er zu einem Verein geht, wo er derartig angefeindet wurde wie am Mittwochabend. Was die Zuschauer in München letztendlich so gegen den besten Keeper der Liga aufgebracht hat, wissen sie wohl selber nicht. Die massenhaften Schilder („Koan Neuer“), die Pfiffe und Beschimpfungen waren auf jeden Fall ein Eigentor der Fans.



