Hertha-Union

So blicken echte Fans auf das Derby

Das Derby von Hertha BSC gegen den 1. FC Union beschäftigt zuerst die Anhänger der Vereine. Morgenpost Online hat vier Fans an einen Tisch gebracht, Martin Fischer und Stefan Wendorf für Hertha, Jan Hollants und Jens Antrack für Union. Sie diskutierten über das Derby, die ideale Fanmenge und Berliner Eigenarten.

Morgenpost Online: Zwei Unioner und zwei Herthaner an einem Tisch. Was bedeutet das Derby für Euch?

Jan Hollants: Ich bin zwiegespalten. Weil es die Fortsetzung des Derbys bei uns ist, und das war ziemlich klasse. Auf der anderen Seite: Wir brauchen drei Punkte…

Martin Fischer: …die braucht ihr immer, das ist ja nichts neues (alle lachen).

Jan: Klar ist es etwas Besonderes, im ausverkauften Olympiastadion, lustig.

Martin: Für mich ist es ein besonderes Spiel, meine Jugend habe ich an der Alten Försterei verbracht. Deshalb freue ich mich eigentlich nicht, wenn Union verliert. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite, und mit den Ereignissen auf beiden Seiten, die in den letzten Jahren passiert sind, sind da negative Emotionen hineingekommen. Die gefallen mir nicht. Ich fürchte, es wird wieder von Außen Hass hineingetragen. Das finde ich traurig.

Morgenpost Online: Inwiefern wird Hass hereingetragen?

Martin: Von Außen ist vielleicht falsch, eigentlich kommt der aus beiden Vereinen. Ich glaube, viele Zuschauer finden es unschön, dass wir plötzlich Gegner sind. Ich meine außerhalb des sportlichen Bereichs. Sehr schön war die Erfahrung 1990, als wir alle im Stadion waren und uns gefreut haben. Da war es egal, dass Hertha gewonnen hat. Es war einfach ein schöner Tag. Ich finde, Berlin hat es verdient, Derbys anders zu feiern als andere Städte.

Jens Antrack: Ich denke mal, es wird auch gefeiert. Die Karten sind weg, alle sind heiß drauf. Wenn da solche Massen da sind, gehen ein paar Leute, die Hass predigen wollen, einfach unter.

Stefan Wendorf: Das Problem ist doch, dass die Idioten meistens lauter sind als die Vernünftigen. Ich sehe genau wie Martin eine riesige Chance darin, Derbys anders zu feiern. Wenn man sich andere Städte ansieht, ist es nicht nur die Medienlandschaft, die die Konkurrenz schürt, sondern da kommt echter Hass auf. Das gibt es hier nicht, weil unser Derby noch am Anfang steht. Die Chance zu zeigen, dass man in dieser Stadt Derbys friedlich miteinander feiern kann, sollten wir unbedingt nutzen. Außer am Samstag gönne ich Union jeden Sieg. Ich kenne viele Herthaner, die sich fremdschämen, wenn „Scheiß Union“ gebrüllt wird.

Jan: Für mich war bei uns eine Aktion peinlich, die letzte Saison gelaufen ist. Als einige Union-Fans nach dem Klassenerhalt gesungen haben „Siehst du Hertha, so wird das gemacht“. Das ist etwas anderes, als wenn wir singen „Nur zu Hertha gehen wir nicht“…

Martin: Etwas pieksen ist in Ordnung.

Jan: Es gibt halt sportliche Konkurrenz zwischen uns. Jetzt gibt es ein Derby, und dann hoffentlich nicht so schnell wieder. Erst, wenn Union auch Bundesligist ist.

Morgenpost Online: Zu Zeiten der DDR gab es eine Freundschaft zwischen beiden Klubs. Warum ist davon nicht mehr viel übrig?

Jan: Wir haben unsere direkten Konkurrenten im Osten bzw. Westen verloren. Bei euch war das TeBe, bei uns die Unaussprechlichen (BFC Dynamo, Anm. d. Red.). Dann blieben zwei Vereine übrig, die eine größere Anhängerschaft hatten. Dann kommt eine Fangeneration nach, die kurz vor oder nach der Wende geboren wurde, die können mit den alten Geschichten nichts anfangen. Nach Prag zu fahren, und dort als Unioner Hertha zu unterstützen, zum Beispiel.

Martin: Beide Vereine waren auf die letzte Bastion geschrumpft. Union hatte weniger Anhänger als heute, zu Hertha sind vielleicht 3000 Leute gegangen. Da war es schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Beide Vereine waren so weit voneinander entfernt, weiter als vor der Wende.

Morgenpost Online: Fiel mit der Mauer auch das gemeinsame Feindbild, die DDR?

Jan: Gemeinsames Feindbild weiß ich nicht. Aber klar, es war eine Provokation, bei uns im Stadion für Hertha zu singen.

Martin: Es war vielleicht so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner. Man hätte auch Bayern München rufen können, aber Hertha kam aus der gleichen Stadt.

Jan: Es gehörte einfach dazu, Ha-Ho-He, Hertha BSC. Ob man jetzt für Hertha war oder nicht.

Morgenpost Online: Freut ihr euch auch mal mit dem anderen Verein, wenn er jetzt sein Ziel erreicht? Gibt es so etwas wie Sympathie?

Stefan: Bei mir auf jeden Fall. Als Union aufgestiegen ist, sind auch in den Foren ganz ernst gemeinte Glückwunsche an Union gegangen. Und die meisten Hertha-Fans, die ich kenne, denken genauso.

Jan: Als Hertha abgestiegen ist, habe ich gelitten, also mit den Leuten, die ich da kenne. Ich wünsche Hertha, dass sie aufsteigen. Alleine schon deshalb, weil sie dann aus unserer Liga raus sind. Dann haben wir wieder unsere Ruhe (alle lachen)

Stefan: Mittelfristig wäre es schön, wenn beide Vereine erstklassig spielen, und sich eine echte Derbytradition entwickeln könnte. Das wäre ein Traum.

Jan: Dafür sind bei Union die Vorraussetzungen nicht gegeben. Ich bin sehr dafür, dass wir schön ruhig bleiben.

Stefan: Dann pflegt Ihr auch schön Euer Nischendasein!

Morgenpost Online: Warum ist das eigentlich so? Hertha bezeichnet sich als Hauptstadtklub, Union…

Stefan: …ist Köpenick!

Jan: Nein, Union ist nicht nur Köpenick. Ich bin selber gar nicht von da, und werde trotzdem nie zu Hertha gehen. Viele von uns wollen gar nicht so groß werden.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Jan: Jetzt muss ich den Spruch aufsagen, den kein Herthaner versteht: Wir gehen nicht zum Fußball, wir gehen zu Union.

Jens: Ab einer bestimmten Größe kippt die Art der Fans, dann identifizierst du dich nicht mehr so mit dem Klub. So weiß ich, wann ich meine Leute wo treffen kann. Manchmal ist es mir in der Försterei jetzt schon zu voll.

Jan: Union ist mehr als Fußball. Nicht nur wegen des Stadionbaus. Union ist auch das Drachenbootrennen. Das Weihnachtssingen. Daran hat man als Fan teil. Das ist mehr als das Spiel da unten.

Stefan: Ich weiß nicht, ob man die Bindung der Fans an den Verein herabsetzen kann, nur weil der Verein größer ist.

Jens: Nein, nicht die Bindung an die Mannschaft. Das ist jeder einzelne mit Herzblut dabei…

Stefan: …das will ich meinen…

Jens: . . . aber es ist irgendwie kuscheliger.

Stefan: Gut, den Ansatz kann ich verstehen. Auch wenn ihr sagt, ihr wollt keinen Kommerz. Nur muss man sich die Frage stellen, wie viel man zulässt, wenn man Erfolg haben will. Wenn ihr das nicht wollt, kann man das akzeptieren.

Jan: Die Frage, die sich Union stellen muss, ist: Wollen wir irgendwann Champions League spielen oder nicht? Und was geben wir dafür auf? Ich sage: Ich muss keine Champions League spielen.

Stefan: Dafür bist du auch zu alt! (Gelächter)

Morgenpost Online: Martin, du lächelst. Worüber?

Martin: Über diese Art der Selbstdefinition. Ich kenne das ja von früher. Als ich da in den 80er Jahren stand, war es ein Stück Freiheit, im Stadion zu schreien: „Die Mauer muss weg“. Das war so gut! Das ist mehr als Fußball. Als dann die Mauer fiel, musste sich Union neu ausrichten. Gegen die Mauer schreien machte wenig Sinn, deswegen kann ich diese Selbstdefinition nachvollziehen. Aber sie ist auch der Grund, warum ich da nicht mehr hingehe.

Morgenpost Online: Warum?

Martin: Dieses Sektendasein…puh! Ich finde es provokant zu sagen: Wir sind Unioner, wir haben den Fußball, und ihr bei Hertha seit die Event-Typen. Da fühle ich mich angemacht. Nur weil da Masse ist, heißt das doch nicht, dass da alle nur wegen des Events hingehen.

Jens: Aber du ziehst eine Veranstaltung anders auf, wenn 40.000 kommen statt 10.000.

Martin: Aber diese Stadt ist riesengroß! Und bei attraktiven Gegnern kommen die Leute. Selbst gegen Bochum waren damals 70.000 da. Das sind keine Event-Fans, und es ist auch nicht nett, so etwas zu sagen!

Jan: Aber die Schickeria…

Martin: …ja, die kommt zu Hertha, klar. Aber Hertha ist nicht Bayern München.

Jan: Ist ja alles richtig, aber…

Martin: ..ist schon ok, du kannst das ruhig so sehen, du brauchst was für deine Selbstdefinition.

Jan: Ich brauche keine Selbstdefinition bei Union…

Martin: …aber der Verein braucht es, und der Verein bist doch du!

Jan: Mein Eindruck ist jedenfalls, dass sich Union mehr über die Fans definiert als Hertha. Und noch ein Punkt, warum ich da nie hingehen würde, ist das Stadion. Unser Stadion ist wie unser Wohnzimmer.

Martin: Jeder Räuber hat seine Keule, na und? Jan, das was du sagst, ist das Sahnehäubchen, auf das viele Klubs neidisch sind. Ist doch super, wenn ihr das habt. Aber wenn ihr das Stadion nicht neugebaut hättet, wärst du trotzdem Unioner. Du hättest gar keine Wahl!

Stefan: Das ist doch alles eine sehr selektive Wahrnehmung. Am Ende ist es doch so, dass jeder mit seinem Verein eine persönliche Geschichte hat. Mein Vater hat mich mitgenommen, als ich fünf, sechs Jahre alt war. Das heißt, ich habe es mir nicht ausgesucht, dass ich Herthaner bin. Ich bin es halt geworden. Ich bin sogar mal zu Blau-Weiß 90 gegangen. Aber da kam kein Gefühl auf, also bin ich wieder zurück. Deshalb glaube ich nicht, dass es Dinge gibt, die man Vereinen von außen so zuschreiben kann. Man schwärmt für einen Verein, weil man eine persönliche Geschichte hat.

Morgenpost Online: Wenn Klubs an sich für nichts stehen – wofür steht das Berliner Derby? Warum ist es in vielen europäischen Städten anders?

Stefan: Weil das Derby in Berlin noch ein Prozess ist. Einer, der ganz viele Chancen bietet. Wir können Deutschland zeigen, wie man ein Derby auch machen kann. Ich finde, dass wir davon wegkommen müssen, das Haar in der Suppe bei den anderen zu suchen, sondern mehr die eigene Mannschaft nach vorne zu schreien.

Jan: Genau da sehe ich Union vorn. Da wird die eigene Mannschaft besungen.

Stefan: Da gebe ich dir Recht. Ich dachte da mehr an meine Herthaner.

Martin: Es ist schon interessant. Von den Fans her sind eher wir Herthaner die Schlimmen. Bei Union kommt so etwas eher von offizieller Seite, das ist wirklich traurig. Ich meine konkret die Sachen aus der Vorbereitung 2009, als Hertha bei Union das Stadion einweihen durfte. Es passt nicht, wenn man sich Gäste einlädt, und der Stadionsprecher sich dann über sie lustig macht. Das ist unschön (Der Sprecher begrüßte die Hertha-Fans damals mit dem Spruch: Hier könnten sie sehen, wie schön es ist, im eigenen Stadion zu spielen, und dass sie später wieder in ihre Betonschüssel zurückfahren würden/Anm. d. Red).

Jan: Unser Stadionsprecher hat öfter eine große Klappe, ich fand das nicht so ein Problem.

Martin: Der Rahmen hat nicht gestimmt. Oder als vor dem Hinspiel Dirk Zingler (Union-Präsident, Anm. d. Red) ziemlich aufgeregt war, weil Hertha angeblich etwas Geld gestundet wurde. Ich weiß nicht, ich finde, es geht beiden Vereinen dreckig genug, als dass man sich so darüber aufregen müsste.

Jan: Uns geht es nicht dreckig.

Martin: Ihr habt richtig Kohle, oder was? Egal, die Außendarstellung von Herrn Zingler war doof. Das musste nicht sein.

Stefan: Es war ungeschickt. Es hat einfach das Klischee vom Armen Jammer-Ossi gestützt, dem der große Bruder aus dem Westen alles wegnimmt.

Morgenpost Online: Der Weg wäre andersherum denkbar: Union könnte Herthaner ausleihen, eine Konstellation, von der beide Vereine profitieren könnten.

Jens: Ich würde das nicht begrüßen, da würde man sich wie die zweite Mannschaft fühlen. Bei einem Spieler: o.k. Aber wenn es heißen würde: Hertha läßt seine Talente bei uns Spielpraxis sammeln, bis es sie sie wieder braucht? Nein, wir sind lieber ein eigenständiger Verein.

Jan: Weiß weiß nicht. Wenn uns ein Spieler hilft, wäre das für mich kein Thema.

Jens: Aber wo soll das hingehen? Wenn sie gut sind, gehen sie wieder. Ich finde es ja gerade gut, dass wir in den letzten Jahren Spieler hatten, die länger geblieben sind.

Morgenpost Online: Das klingt ein bisschen so, als hätte es zuletzt an Identifikationsfiguren gefehlt.

Jan: Bei Union haben wir genug davon. Mattuschka, Parensen, Stuff .

Stefan: Bei Hertha hat es einen Umbruch zum Besseren gegeben. Ich glaube, dass in der Abstiegssaison viel davon verloren gegangen ist. Jetzt sind wir auf einem guten Weg, es werden viele Talente aus der Stadt ausgebildet. Momenta wird vieles richtig gemacht. Da muss weitergemacht werden, sollten wir wieder aufsteigen.

Jan: Warum sagst du „sollten“?

Stefan: Bei Hertha sind wir gebrannte Kinder: Bei uns geht des Öfteren in letzter Sekunde etwas schief.

Jan: Ich kann diese Skepsis bei Hertha immer nicht so gut verstehen.

Stefan: Das geht jedem so, der nicht so im Verein drinsteckt. Wir haben immer das Gefühl: Wenn Hertha einen Big Point machen kann, versieben sie es. Ich habe jetzt schon wieder Angst davor, nächstes Jahr gegen den Abstieg zu spielen. Das ist ja so schön dieses Gefühl momentan!

Morgenpost Online: Das Derby wird in der Zweiten Liga ausgetragen. Was fehlt dem Fußball-Standort Berlin? Bei vier Millionen Einwohnern sollte mehr drin sein als zwei Zweitligisten.

Martin: Es hakt an der Wirtschaft. Wäre es hier in den 90er Jahren richtig losgegangen, wäre einiges mehr im Fußball angekommen. Aus Hertha-Sicht würde ich gar nicht so schwarz sehen. Bei uns war nur die Delle nach unten extrem tief, da ist viel zusammengekommen.

Morgenpost Online: Abgesehen von Hertha und Union ist nicht viel los in Berlin.

Martin: Richtig, aber man kann ja nicht die Strukturen künstlich aufpusten. An TeBe hat man gesehen, wo das hinführt. Deshalb macht Union auch alles richtig, anders geht es nicht. Vielleicht führt der Weg auch mal ganz nach oben.

Jan: In zehn Jahren sind wir da. Wenn wir so weitermachen und ein bisschen Glück haben, können wir am unteren Ende der Bundesliga rumknabbern.

Morgenpost Online: Und kurzfristiger, sagen wir in fünf Jahren?

Jan: Wenn wir alles richtig machen ….(holt tief Luft)…bleiben wir in der Zweiten Liga. Vielleicht klopfen wir mal oben an. Wenn nicht alles gut läuft, werden wir wieder absteigen. Es ist, wie es ist: Der Verein geht einen bescheidenen Weg.

Morgenpost Online: Das ist nicht gerade Herthas Stärke, oder?

Martin: (lacht) Wir sind ganz bescheiden.

Stefan: Es muss allen klar sein, dass ein Weg der finanziellen Konsolidierung her muss. Die Perspektiven bei Hertha können nur über Entschuldung laufen und nicht über Titelträume. Wenn wir es schaffen, mittelfristig Geld zu verdienen, können wir wieder europäisch spielen. Wichtiger ist mir, nicht jedes Jahr um die Lizenz bangen zu müssen. Ich will mir in fünf Jahren keine Gedanken über versteckte Schulden machen müssen. Zum Glück gibt Dieter Hoeneß sein Geld inzwischen woanders aus.

Morgenpost Online: Euer Tipp zum Derby?

Jens: Ein Punkt wäre gut, ein Sieg wäre wunderbar. Aber nach dem 0:2 gegen Paderborn, na ja. Ist wie eine Wundertüte.

Jan: Uwe Neuhaus muss nicht überlegen, wen er rausschickt, sind nicht mehr viele da (alle lachen). Wenn alles gut geht, gewinnt Union 2:1. Zwei Tore von Kolk.

Stefan: Hertha kann selbstbewusst antreten, wir können nur verlieren. Der Druck ist groß, hoffentlich kann die Mannschaft das abschütteln. Dann gewinnt Hertha 3:1.

Martin: 3:1 könnte passen.

Jan: Egal wie es ausgeht: Ein Derby in der Zweiten Liga vor 75.000 Zuschauern, das muss uns Berlinern erst einmal einer nachmachen.

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