Hertha BSC

Mit Fanol Perdedaj in der S-Bahn unterwegs

Hertha-Mittelfeldspieler Fanol Perdedaj fährt täglich mit der S-Bahn von Köpenick ins Berliner Olympiastadion. Morgenpost Online ist mitgefahren. Denn zum Lokal-Derby am Sonnabend werden Tausende Union-Fans den gleichen Weg nehmen.

Foto: Christian Kielmann

Eine S-Bahn rattert in den Morgen hinein, Richtung Westen dem Haltepunkt Neukölln entgegen. Draußen tanzen Schneeflocken, drinnen stehen die Fahrgäste dicht an dicht. Später Berufsverkehr, halb neun Uhr morgens. Die meisten schweigen. Wer einen Sitzplatz ergattert hat, liest Zeitung oder ein Buch. „Jetzt steigen gleich viele aus“, sagt Monatskarteninhaber Fanol Perdedaj kennerisch. Doch er soll sich irren. Nur wenige verlassen den Waggon der Linie S46, mit dem der Profi von Hertha BSC zur Arbeit fährt, andere steigen ein. Voll wie vorher setzt die Bahn ihre Reise in den Morgen hinein fort.

Noch voller werden die Waggons am Samstag sein. Wenn der Osten Berlins sich auf den Weg in den Westen macht; wenn die Fans des 1. FC Union zum Derby gegen Hertha anreisen. Sie werden fahren, wie Perdedaj beinahe täglich unterwegs ist: von Treptow-Köpenick nach Charlottenburg.

Punkt 8 Uhr war Treffpunkt am Bahnhof Schöneweide. Sogar Menschen in Eisern-Union-Montur sind am Morgen zu sehen. Und ein Arbeiter im Blaumann, der darüber einen roten Pullover trägt. Vorn auf der Brust das Emblem des FCU, hinten die Aufschrift „Und niemals vergessen...“. Den Hertha-Profi hinter ihm hat er nicht erkannt. Um es klar zu stellen: Eine Karriere im Trikot der Eisernen, „kam nicht in Frage“, sagt Perdedaj. Nein, für ihn sollte es immer Hertha sein, auch als Neunjähriger, als der kleine Fanol schon alleine mit der Bahn zum Training fuhr. Ein paar Jungs aus seiner Nachbarschaft sind Union-Fans, erzählt Perdedaj, während die Bahn weiter Richtung Tempelhof rattert. „Sie wissen, dass ich für Hertha spiele und auch gegen Union gespielt habe. Aber ich habe paar Mal mit ihnen im Hof gekickt, alles okay.“ Fahren wir da wirklich mit einem Profifußballer, von denen es doch immer heißt, sie wären so schrecklich abgehoben? Eine Stunde dauert die Tour. Kurz vor Schöneberg die unvermeidliche Frage: Nervt die Fahrerei in oft überfüllten und noch viel häufiger verspäteten Zügen nicht irgendwann? „Ach“, sagt Perdedaj, „die Zeit geht schon vorüber. Meistens höre ich Musik, spiele mit dem Handy.“ Was man eben so tut, wenn man nichts zu tun hat. „Und Leute beobachten“, ruft er. Leute beobachten ist cool. Und spannend. Woher kommen sie, wohin fahren sie – und warum?

Warum? Es ist an diesem frühen Morgen die Frage aller Fragen: Warum wohnt und lebt ein Hertha-Profi so weit draußen – und obendrein im Hoheitsgebiet des 1.FC Union? Weil die Großfamilie nun mal nur so weit von Fanols Arbeitsplatz entfernt ein Domizil gefunden hat, das groß genug ist für die Eltern und jene fünf der insgesamt sieben Kinder, die noch zu Hause wohnen – auf 180 Quadratmetern, im fünften Stockwerk eines Mehrfamilienhauses. „Zum Glück haben wir einen Fahrstuhl“, sagt Perdedaj: „Sonst hätte ich solche Oberschenkel.“ Mit seinen Händen formt er die Dimensionen von Eisschnellläufern.

Am Heidelberger Platz wird über das Derby gesprochen. Wenn ab 13 Uhr annähernd 75000 Fußballfreunde zum ersten Pflichtspiel beider Teams im Olympiastadion sein werden. Perdedaj, dieser nur 1,73 Meter große Mittelfeldspieler mit dem riesigen Kämpferherz, hofft, dann unten auf dem Rasen stehen und Fußball spielen zu dürfen. „Schon cool“ wäre das, und noch mal was anderes als die knapp 50000, die Perdedaj bei Herthas Saisonauftakt – und seinem Profidebüt – gegen Rot-Weiß Oberhausen (3:2) kurzzeitig weiche Knie bereitet hatten. Und bis heute die persönliche Rekordkulisse bilden für einen, der noch vergangene Saison mit Herthas U23 vor wenigen Hundert Zuschauern in der Regionalliga kickte.

Seit dem Sommer gehört der 19-Jährige fest zum Zweitliga-Kader des Aufstiegsanwärters aus Westend. Für die U21 des Deutschen Fußball-Bundes, der bereits um Perdedaj kämpfte, als der noch gar kein deutscher Staatsbürger war, hat er gleichfalls gespielt. Und folglich natürlich das ultimative Ziel vor Augen: die Löw-Elf. Dass die Konkurrenz dort groß ist, weiß Perdedaj. Speziell im defensiven Mittelfeld, auf seiner Position, wo die Herren Schweinsteiger und Khedira im patriotischen Auftrag Dienst tun – und wenn er darf, ein paar Jahre lang auch noch Michael Ballack. „Einfach mal dabei zu sein“, wäre für Perdedaj angesichts dessen schon toll. „Und dann möchte man natürlich auch spielen.“ Respekt habe er vor den großen Namen natürlich, beteuert er, „aber ich bin auch ehrgeizig. Ich weiß, was ich kann.“

Ein Fußballprofi und U-Nationalspieler, der mit der S-Bahn zum Training fährt – das ist nicht gerade die Regel. „Ja“, antwortet Perdedaj. Dann lächelt er. Was ist so lustig? Seine Gedanken sind zu Fabian Lustenberger gewandert. „Der kam, als er neu bei uns war, lange Zeit auch mit der Bahn zum Training. Da dachte ich als Nachwuchsspieler oft: Der ist Profi, aber hat kein Auto – komisch. Und jetzt ist es bei mir ganz genauso.“ Aber nicht mehr lange. Gerade macht Perdedaj seinen Führerschein. Noch ein bis zwei Wochen wird es dauern, schätzt er. Die Vorfreude auf das erste eigene Auto ist groß. Ein BMW soll es werden. Deren Fabrikate fand Perdedaj „schon als Junge cool“, sagt er. Für den Anfang denkt er an ein Modell der 1er- oder 3er-Reihe. „Aber höchstens.“

Warum so bescheiden? Nicht, dass es nicht sympathisch wäre. Gibt es doch zahllose Beispiele von jungen Profis, die noch kaum etwas geleistet haben, aber protzige Wagen fahren. Perdedaj sagt dazu gar nichts.

Keine Zeit für eine Freundin

Das ist auch nicht nötig. Die Antwort gibt seine Herkunft. Während der Jugoslawien-Kriege waren Vater und Mutter Perdedaj 1994 mit ihren damals sechs Kindern aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Anfangs lebte die Familie in Lichtenberg in einfachen Verhältnissen. Fußball zu spielen ist Fanol Perdedajs Berufung, sein Talent verschafft der Großfamilie ein wenig Wohlstand. Auffällig verändert hat es ihn nicht.

Am ICC wird umgestiegen in die U2. Charlottenburg – „hier könnte ich mir schon vorstellen zu wohnen“, sagt Perdedaj. Also? „Im Sommer, vielleicht.“ Wenn die Mama damit einverstanden ist, dass der Drittjüngste fortan alleine wohnt. Die Gegend rund um den Theodor-Heuss-Platz fände er schön. Und obendrein praktisch. „Da könnte ich zwischen zwei Trainingseinheiten kurz nach Hause, Mittagsschlaf machen. Wenn ich das jetzt machen wollte, würde ich heimfahren und müsste sofort wieder los.“

Führerschein, eigene Wohnung – die Dinge bewegen sich in die richtige Richtung. Fehlt noch eines: eine Freundin? „Erst mal nicht“, sagt Perdedaj. „Erst mal ist nur Fußball wichtig.“

Später wird sich das ändern. „Ich will ja auch mal Kinder haben. So ein kleiner Fanol“, sagt Perdedaj, „das wär' schon cool.“ Er würde mit ihm auch mal mit der S-Bahn fahren. Raus nach Schöneweide, zu Oma und Opa.

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