Robert Bartko und Roger Kluge haben das 100. Berliner Sechstagerennen gewonnen. Der Doppelolympiasieger aus Potsdam und der Europameister aus Cottbus nahmen nach einer spannenden Abschluss-Jagd, bei der sie alle Angriffe der Konkurrenten abwehrten,am Dienstag die Huldigungen des mit 12.000 Besuchern ausverkauften Hauses entgegen.

Bartko/Kluge sammelten 315 Punkte und verwiesen das australische WM-Paar Leigh Howard/Cameron Meyer (208) rundengleich auf den zweiten Rang. Vorjahressieger Alex Rasmussen/Michael Mörköv aus Dänemark (278 Punkte) mussten mit dem dritten Platz zufrieden sein. Sie verloren im turbulenten Finale eine Runde. Das Berliner Siegerpaar hatte im November 2010 bereits das Sechstagerennen in Amsterdam gewonnen. Der 35-jährige Bartko feierte den dritten Saisonsieg.

Damit ist auch die Jubiläumsausgabe des Sechstagerennens Geschichte. Nach der Premiere in New York war das erste europäische Sechstagerennen im März 1909 in Berlin gestartet worden. Zwangspausen gab es nur im Ersten Weltkrieg, vor und während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachwendezeit von 1990 bis 1997. Nach finanziellen Engpässen im Vorjahr wegen der Wirtschaftskrise zog der Berliner Sechstagechef Heinz Seesing diesmal eine zufriedenstellende Bilanz und registrierte insgesamt rund 70.000 Besucher.

Viele Verträge für 2012 sind bereits oder werden in absehbarer Zeit unterschrieben. Die Sechstagerennen GmbH, Velomax als Betreiber des Velodrom sowie der Berliner Senat haben sich bis 2017 auf eine Fortsetzung mit Option bis 2022 verständigt. Das heißt: Eitel Freude allerorten! Jein! Für Seesing ist eher ein tiefes Durchatmen angesagt.

„Uns lag das 100. Rennen sowohl am Herzen als auch schwer im Magen. Da die Vorbereitungen für ein Sechstagerennen im Prinzip mit Ende der Siegesparty des gerade absolvierten beginnen, sehen wir anhand der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zumindest in Teilen, was auf uns zukommt“, stellt der 73-jährige Kaufmann klar, dass es bei einem Unternehmen wie einem Sechstagerennen immer auch um mittel- bis langfristige Fragen geht, es eigentlich nie isoliert betrachtet werden kann. Seesing weiter: „Die Aussichten für 2010 waren so düster wegen der finanziellen Krise, dass wir auch Auswirkungen auf 2011 einkalkulieren mussten.“ Seesing unterstreicht, dass sein Geschäftsführer-Kollege und designierter Nachfolger Reiner Schnorfeil (55) die Hauptlast zur Sicherstellung der Finanzierung getragen hat. „Wir mussten im schlimmsten Fall mit Ausfällen von fast einer halben Million Euro rechnen. Reiner Schnorfeil hat in diesen beiden Jahren wirklich Sensationelles geleistet.“

Doch Berlin steht nicht allein. In Dortmund, München und Stuttgart kam das Aus 2010. Sinkende Zuschauerzahlen und ausbleibende Sponsoren zwangen die Veranstalter zur Aufgabe. 2009 gab es in Europa 17 Rennen, in dieser Saison noch zehn. Besserung scheint aber in Sicht. In Köln und Hannover soll es bereits im Spätherbst und Winter, in Leipzig vermutlich 2012 wieder rund gehen. Dabei geht der Trend innerhalb der Ideensammlung der künftigen Veranstalter, unter anderem der in Berlin als Hallensprecher beteiligte Bremer Christian Stoll, eher zu kleinen Hallen. Der 50-Jährige, auch Stadionsprecher bei Bundesliga-Heimspielen von Werder Bremen, sagt warum: „Zunächst sind die festen Kosten geringer. Dann springt der Funke schneller auf die Zuschauer über und bei einem Neubeginn ist es besser, wenn die Fans dicht beieinandersitzen, als wenn zwischen jedem in einer großen Halle Plätze frei bleiben.“

Berlin-Etat: Drei Millionen Euro

Die Perspektiven für Köln und Hannover sieht Stoll optimistisch: „Beides sind Städte mit einer großen Radsport-Tradition. Das war maßgeblich für unsere Planung“, sagte Christian Stoll, der die Rennen in Hannover und Köln mit seinem Partner Frank Boelé organisieren will. Der „Weihnachtspreis“ in der niedersächsischen Landeshauptstadt soll vom 15. bis 20. Dezember in der Messehalle 7 ausgetragen werden. Das Rennen in Köln ist für November 2012 geplant und soll unter dem Motto „So startet der Karneval“ in der Messehalle 9 stattfinden. Zumindest die anvisierten Termine kollidieren nicht mit anderen Sechstagerennen.

„Wenn das Konzept stimmt, so wie bei uns, wo es an jedem Abend ein ausverkauftes Haus gibt, rechnet sich ein Sechstagerennen und es ist ein Segen für die Region“, sagt Heinz Seesing, der einen Drei-Millionen-Etat stemmen muss. Gewiss nicht leicht, denn auch die Sechstagerennen leiden unter dem im Radsport allgegenwärtigen Thema Doping.

Sportlich befindet sich der Sechstagezirkus mitten in einem Generationswechsel. Das Hauptproblem: Noch fehlt es an sowohl leistungsstarkem wie gleichermaßen charismatischem Nachwuchs. Die australischen Weltmeister Leigh Howard/Cameron Meyer haben bei ihrem Sechstage-Debüt in Berlin überzeugt. Beide haben aber auch Ambitionen sich als Straßenfahrer durchzusetzen. Das gilt auch für den 24-jährigen Roger Kluge, der in der kommenden Freiluftsaison für das Team Skil Shimano fährt.

Für Berlins Sportlichen Leiter Dieter Stein (55) ist der Generationswechsel kein spezielles Problem: „Es ist doch so, dass immer wieder Fahrer aufhören, die unersetzlich scheinen. Und dann rücken junge Leute nach. Wenn ich sehe, dass ein Leigh Howard bei der Tour de Berlin im U23-Weltcup gestartet ist und eine Etappe gewonnen hat, dass Rasmussen/Mörköv hier das Berliner Zukunftsrennen gewonnen haben, dann sind wir auf einem richtigen Weg, neue Fahrerpersönlichkeiten in unser Starterfeld zu bekommen.“ Im Velodrom waren acht Welt- und sechs Europameister am Start.

dpa/toto