100 Jahre Sechstagerennen

Die Jagd für die Geschichtsbücher hat begonnen

Radsport-Ikone Otto Ziege, Olympiasieger Olaf Ludwig und Radprofi Jens Voigt haben den Startschuss für das 100. Berliner Sechstagerennen gegeben. Und diesmal gehen die Favoriten noch motivierter in die sechs heißen Nächte als sonst.

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Zum 100. Mal wird in Berlin das Spektakel aus feuchtfröhlichen Cocktails, Sport und Schunkeln gefeiert: Sechstagerennen.

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Unter dem Jubel von rund 12.000 Zuschauern haben gestern Radsport-Ikone Otto Ziege, Olaf Ludwig, 1997 Sieger des ersten Rennens im Velodrom an der Landsberger Allee, und Straßen-Profi Jens Voigt das Starterfeld ins 100. Berliner Sechstagerennen geschickt. „Ich freue mich unbändig, dass ich das erleben darf“, sagte der 84-jährige Ziege, lange Jahre sportlicher Leiter des weltweit ältesten Rennens.

Und die Bahnprofis ließen sich nicht zweimal bitten. Bereits nach vier Minuten der ersten großen Jagd konnten Robert Bartko/Roger Kluge einen Rundengewinn für sich verbuchen, und in den folgenden 41 Minuten duellierte sich das Favoritenduo permanent mit dem Schweizer Franco Marvulli und dessen Partner Danilo Hondo. Am Ende der rasenden Fahrt konnten sich Bartko/Kluge um Reifenstärke als Sieger und erste Spitzenreiter der Gesamtwertung feiern lassen.

Es ist eine Prestige-Angelegenheit. Denn der Sieg bei der 100. Auflage ist nun mal ein ganz besonderer. Keine Stadt der Welt verkörpert so viel Sechstagegeschichte wie Berlin. Und so gehen die Favoriten unter den 18 Fahrerpaaren noch einen Tick motivierter in die sechs heißen Nächte als sonst. Das Feld sei „das beste, was es derzeit in unserem Bereich gibt“, sagt Sechstagechef Heinz Seesing nicht ohne Stolz.

Besonders freut sich der 73-jährige Kaufmann, dass die australischen Weltmeister Leigh Howard und Cameron Meyer beim Jubiläum in Berlin ihr Sechstagedebüt feiern werden, obwohl ihr Manager Patrick Sercu (Belgien) zunächst sein Veto eingelegt hatte. Möglicherweise sah der 66-jährige Belgier, mit 88 Siegen in 223 Rennen erfolgreichster Sechstageprofi aller Zeiten, die Gefahr, dass seine Schützlinge im Verlauf der sechs Nächte reichlich Lehrgeld zahlen müssen.

Immerhin: Meyer kommt mit einer doppelten Empfehlung. Der 23-Jährige sicherte sich in seiner Heimat den Gesamtsieg der Tour Down Under für Straßenfahrer und die australische Meisterschaft im Einzel-Zeitfahren gegen 41 Konkurrenten. Sein zwei Jahre jüngerer Partner hat sogar schon Berlin-Erfahrung. Leigh Howard startete 2008 bei der Tour de Berlin und gewann im Verlauf der vier Etappen das Rennen in Rudow.

Die Favoritenbürde lastet im Velodrom auf zwei anderen Teams: Den dänischen Vorjahressiegern Alex Rasmussen/Michael Mörköv und den von ihnen in einem atemberaubenden Finale knapp geschlagenen Bartko/Kluge. Bartko, zuletzt mit dem Berliner Robert Bengsch Sieger in Bremen, zieht seine Motivation auch aus dem Heimvorteil. „Natürlich ist der Sieg beim 100. Sechstagerennen mein Ziel, das ist doch einer für die Geschichtsbücher. Roger und ich waren im vergangenen Jahr ganz nah dran. Wir wollen das Ergebnis umdrehen. Das Publikum wird uns sicher in kritischen Phasen unterstützen. Das hilft ungeheuer“, sagt der 35-jährige zweimalige Olympiasieger.

Auch Roger Kluge (24) ist zuversichtlich, obwohl er vor wenigen Tagen noch beim Weltcup in Peking aktiv war und ihm der lange Flug und die Zeitumstellung in den Knochen stecken. „Ich war in Berlin bislang einmal Dritter, einmal Zweiter. Also ist klar, was jetzt kommen muss“, geht der Straßenprofi (Ex-Milram, jetzt Skil Shimano) mit Humor an die Aufgabe.

Nicht zu unterschätzen sind auch Franco Marvulli und Danilo Hondo. Vor allem der 32-jährige Schweizer avancierte 2008 zum absoluten Publikumsliebling an der Landsberger Allee, als er – trotz eines Kreuzbandrisses – an der Seite seines Landsmanns Bruno Risi gewinnen konnte. Marvulli bestreitet in Berlin sein 100.Sechstagerennen. Dass Straßenspezialist Danilo Hondo (37) auch auf der Bahn ein Siegfahrer ist, bewies er im Dezember in Zürich, als er gemeinsam mit Robert Bartko Platz eins belegen konnte.

Zünglein an der Waage wollen die „Fliegenden Holländer“ Danny Stam und Peter Schep sein. Stam (38) gewann in Berlin 2006, Schep (33) gilt als einer der vielseitigsten Fahrer weltweit und sicherte sich zuletzt zwei nationale Meistertitel.

Weihnachtspreis in Hannover

Pünktlich zum Berliner Jubiläumsrennen kündigt sich eine kleine Renaissance im Sechstagesport an. Zuletzt waren lediglich Bremen und Berlin mit Veranstaltungen präsent. Nun soll die kriselnde Disziplin wiederbelebt werden. Neue Sixdays sind geplant. Nachdem zuletzt die Standorte Dortmund, Stuttgart und München aufgrund massiv sinkender Zuschauerzahlen aufgeben mussten, besteht nun wieder Hoffnung für Fans und Fahrer.

In Köln, Hannover und Leipzig gibt es demnächst neue Standorte, weitere sollen folgen. „Beides sind Städte mit einer großen Radsport-Tradition. Das war maßgeblich für unsere Planung“, sagte Christian Stoll, der die Rennen in Hannover und Köln mit seinem Partner Frank Boelé organisieren will. So soll der „Weihnachtspreis“ in der niedersächsischen Landeshauptstadt vom 15. bis 20. Dezember in der Messehalle 7 ausgetragen werden.